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«China fürchtet unsere Uhrenindustrie»

Jean-Daniel Pasche: «Heute kann man ohne Uhr leben.» (Bild: Keystone)

Das Freihandelsabkommen mit China und der bessere Schutz des Labels Swiss Made helfen den Schweizer Uhrmachern. Verbandspräsident Jean-Daniel Pasche erklärt, wo die nächsten Herausforderungen liegen.

Von Jeffrey Vögeli
am 03.06.2013

Im Freihandelsabkommen Schweiz-China wird die Uhrenindustrie schlechter behandelt als andere. Hätten Sie sich mehr davon erhofft?
Jean-Daniel Pasche
: Klar, zu Beginn der Diskussionen hätten wir gern vollständigen Freihandel gehabt. Aber man kann nicht alles haben, was man gern möchte. Die Uhrenindustrie verliert mit dem Abkommen nichts - und gewinnt etwas. Über alles gesehen sind wir zufrieden, für uns ist das Freihandelsabkommen wichtig.

Was versprechen Sie sich davon?
Das Abkommen bietet einen Rahmen für die Wirtschaftsbeziehungen und damit mehr Rechtssicherheit. Die Zollreduktion ist nur eins. Vonseiten der Chinesen gab es Zusicherungen zum besseren Schutz vor Fälschungen. So soll beispielsweise das Label Swiss Made in China besser geschützt werden - die Chinesen sind hier zu einer Zusammenarbeit mit uns bereit. Dieser Schutz gehört zum Abkommen.

China ist ein wichtiger Markt - wie sehen sie die Zukunft der Schweizer Uhren dort?
In den letzten 10 Jahren hatten wir einen fantastischen Zuwachs. 2001, kurz vor dem WTO-Beitritt Chinas, haben wir für ungefähr 30 Millionen Franken exportiert. 2012 waren es 1,6 Milliarden.

Wird sich dieser Trend fortsetzen?
Jetzt gerade sinken die Exporte nach China. Das ist aber nicht so tragisch, wir haben in China noch grosses Potenzial. Wann die Erholung kommt, kann ich aber nicht sagen.

China will den lokalen Markt unter anderem zugunsten der eigenen Uhrenindustrie schützen. Grund zur Angst?
Für China war die Uhrenindustrie sogar eine Priorität. In diesem Bereich gibt es ein Ungleichgewicht: Wir exportieren für 1,6 Milliarden dorthin und kaufen selbst nur für knapp 700 Millionen. Obwohl China schon jetzt ein grosser Produzent ist, fürchten sie unsere Uhrenindustrie.

Wird China für das Uhrenland Schweiz zur ernsthaften Konkurrenz werden?
Das ist es schon heute. Einfach nicht im Luxussegment. Letztes Jahr hat China 660 Millionen Uhren exportiert. Die Schweiz nur 29 Millionen. Natürlich nicht mit dem gleichen Durchschnittspreis - unser Umsatz ist viermal grösser. Aber schon heute ist China der weltgrösste Uhrenproduzent.

Wird China auch im Premiumsegment zur Konkurrenz?
Sie werden es auf jeden Fall versuchen. Entweder wollen sich lokale Hersteller dort profilieren oder sie kaufen Schweizer Marken. Letzteres ist ja auch schon geschehen. Wir fürchten diesen Druck nicht, aber wir respektieren die chinesische Konkurrenz. Dabei hilft uns auch das Label Swiss Made.

Zum Thema Swissness gab es aber kürzlich streit innerhalb Ihres Verbandes.
Bei der Abstimmung über die Ausgestaltung der Swissness-Vorlage - und diese war bereits 2007 - gab es Opposition. Allerdings handelt es sich dabei um eine Minderheit. Die meisten Mitglieder befürworten einen starken Schutz von Swiss Made, um die Glaubwürdigkeit sicherzustellen.

Neu soll Swiss Made 60 Prozent Wertschöpfung in der Schweiz bedeuten - abgesehen vom Image, wo liegen die Vorteile der neuen Regel?
Es werden sicher grössere Anteile der Uhren hier hergestellt werden. Das ist auch gut für den Werkplatz Schweiz. Zwar kann man auch Forschung und Marketing in die Wertschöpfung einfliessen lassen. Es ist aber wichtig, dass auch hierzulande eine Produktion stattfindet.

Weshalb?
Im Moment können grosse Teile einer Uhr im Ausland hergestellt werden. So ist es theoretisch möglich, einem Konsumenten eine Schweizer Uhr zu verkaufen, die zu mehr als 50 Prozent aus China stammt.

Können die Schwergewichte in ihrem Verband denn nicht mehr oder weniger die Marschrichtung bestimmen? Wieviel Stimmenanteil haben zum Beispiel Swatch oder Richemont?
Ich weiss leider nicht, wie gross der konkrete Stimmenanteil der einzelnen Firmen ist. Es ist aber sichergestellt, dass die Grosskonzerne den Verband nicht dominieren. Die Entscheidung, für einen 60-prozentigen Schweizer Anteil einzutreten wurde auch von vielen KMU und Zulieferern der Industrie unterstützt.

Wer stellt sicher, dass die Regeln eingehalten werden?
Nun, letztlich selbstverständlich die Gerichte, aber bereits jetzt überprüft auch der Uhrenverband regelmässig, ob die Voraussetzungen von Swiss Made eingehalten werden. Letztes Jahr gab es so etwa 150 Fälle, in denen wir eine Abweichung festgestellt haben.

Was tun Sie in diesem Fall?
In der Regel suchen wir erst das Gespräch. Meist können wir die Hersteller überzeugen, sich künftig daran zu halten.

Derzeit sind aber die Bedingungen sehr viel lockerer …
… in der Tat. Heute muss lediglich das Uhrwerk in der Schweiz hergestellt sein. Ausserdem muss die Uhr hier zusammengesetzt werden und die Endüberprüfung muss hier stattfinden.

Glauben sie nicht, dass in Zukunft die Uhrenhersteller den Konkurrenzkampf im Gerichtssaal statt im Markt austragen werden?
Nein, man muss da schon vernünftig bleiben. Schon heute gibt es zwar ab und zu Probleme. Wenn man aber eine Anpassungsphase gewährt, können sich die Hersteller auf die neuen Bedingungen einstellen.

Welche weiteren Herausforderungen kommen auf die Schweizer Uhrenindustrie zu?
Wie sie wissen, kann man heute ohne Uhr leben. Wir müssen die Leute also überzeugen, Uhren zu kaufen. Das ist eine tägliche Herausforderung. Um diese zu meistern ist Innovation zentral. Ich stelle mit Genugtuung fest, dass die Schweizer Hersteller hier auch investieren. Eine Uhr muss mehr als nur die Zeit zeigen. Sie soll Emotionen und Träume wecken. Dieser Herausforderung muss sich die Schweizer Industrie auch in Zukunft stellen.

 

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