Huber+Suhner (H+S) hat die konjunkturbedingte Delle rasch ausgebügelt und im 1. Semester das operativ beste Ergebnis der Unternehmensgeschichte erzielt. Geht es in diesem Stil weiter?

Urs Kaufmann: Wir haben derzeit fast ideale Voraussetzungen: Sehr hohes Wachstum bei gleichzeitig tiefer Kostenbasis. Zudem sind alle drei Geschäftsbereiche gut in Form. Abgesehen von den üblichen saisonalen Effekten und dem Gegenwind an der Währungsfront sehen wir bisher keine Veränderung der Marktsituation. Wir sind nach wie vor zuversichtlich, im laufenden Jahr das beste Betriebsergebnis der Firmengeschichte zu erzielen.

Die Konjunkturlage ist aber weiterhin fragil. Ihre Vorschau?

Kaufmann: Die mittelfristige Entwicklung der Weltwirtschaft ist derzeit recht schwer einzuschätzen. Viele Konjunkturprognosen gehen von einer gewissen Abkühlung aus. Dazu kommt der starke Schweizer Franken, der Unternehmen wie H+S - mit einer nach wie vor ansehnlichen Wertschöpfung in der Schweiz - belastet. Positiv stimmt uns unsere strategische Ausrichtung. Wir sind in attraktiven Anwendungsgebieten tätig, die in den nächsten Jahren Wachstumspotenzial bieten.

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Welches sind derzeit die Wachstumstreiber?

Kaufmann: Allen voran die Elektromobilität. Darunter fallen Bahnen sowie Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Dann die Breitbandkommunikation - etwa der Mobilfunk, glasfaserbasierte Festnetze und Rechenzentren - und die erneuerbaren Energien Solar und Wind. Dazu kommen weitere Hightech-Nischen, beispielsweise Mess- und Prüfgeräte, die Medizinaltechnik, aber auch die Raumfahrt- und Wehrtechnik.

In Deutschland und China sollen Beiträge für die Solarenergie gekürzt werden mit der Begründung, dass zu viele Mittel für immer noch marginale Energiequellen eingesetzt werden. Was heisst das für H+S?

Kaufmann: Meiner Einschätzung nach ist der Point of no return in der Solarenergie klar überschritten. Selbstverständlich muss sich die Technologie noch weiter entwickeln und die Photovoltaikanlagen müssen effizienter und kostengünstiger werden. H+S wird dazu einen Beitrag leisten. Der Stellenwert des Solarstroms wird jedoch weiter steigen und die Förderung dieser nachhaltigen Energiequelle ist, neben den anderen Optionen, ein wichtiger Beitrag zur Deckung des global schnell wachsenden Energiebedarfs. Ich glaube nicht, dass wir auf die Solarenergie verzichten können.

Wie viele Umsatzprozente entfallen inzwischen auf das Solargeschäft?

Kaufmann: Nach über 100% Wachstum im Jahr 2009 verdoppelte sich das Solargeschäft in diesem Jahr abermals und es macht jetzt einen Anteil von mehr als 15% am Gesamtumsatz unseres Unternehmens aus.

Welcher Anteil wird mittelfristig anvisiert?

Kaufmann: Wir haben keine Zielquote pro Anwendungsgebiet.

H+S hat früh in China Fuss gefasst. Neu ist das Land erstmals zum grössten Endkundenmarkt avanciert. Wie geht es weiter?

Kaufmann: China ist für H+S eine eigentliche Erfolgsstory und hat in den letzten fünf Jahren stark an Bedeutung für unser Unternehmen gewonnen. Wir sind in diesem weiterhin schnell wachsenden Markt in der Zwischenzeit breit aufgestellt und haben uns in allen drei Marktsegmenten - Kommunikation, Transport und Industrie - eine gute Position erarbeitet. China baut die breitbandigen Telekomnetze massiv aus, investiert hohe Summen in neue Hochgeschwindigkeitszüge und lokale Bahnnetze und ist nicht zuletzt ein führender Produzent von Solarpanels. Auf all diesen Gebieten sind wir präsent und unser Unternehmen verfügt bereits über eine starke Kundenbasis.

Sowohl im Mobilfunk wie beim Festnetz nimmt die Zahl der Bündelangebote aus Telefon, Internet und TV zu. Wie wirkt sich der Hunger nach Bandbreite auf das Auftragsvolumen aus?

Kaufmann: Der Hunger nach Bandbreite ist keineswegs gestillt. Gerade der Durchbruch der Smartphones und des mobilen Internets wird die bestehenden Netze an ihre Kapazitätsgrenzen bringen und den Ausbau der Breitbandnetze entsprechend stimulieren.

Wie sehen die Perspektiven für 2010 im Hochfrequenzbereich aus, der von der Rezession am stärksten betroffen wurde?

Kaufmann: Der Geschäftsbereich Hochfrequenz sieht sich insbesondere im Mobilfunk-OEM-Geschäft seit mehreren Jahren mit einem anhaltend hohen Preisdruck konfrontiert. Dazu kam im vergangenen Jahr ein markanter Mengenrückgang. Die Lage hat sich in der Zwischenzeit auf tieferem Niveau stabilisiert und unsere Strukturen stimmen wieder mit dem Geschäftsvolumen überein, weshalb wir bereits im 1.Halbjahr wieder eine zweistellige Ebit-Marge ausweisen konnten. Neben Entwicklungschancen aufgrund des kontinuierlichen Technologiewandels im Mobilfunk sehen wir auch zunehmende Bedürfnisse nach hochwertigen Komponenten in Hightech-Nischen wie zum Beispiel der Medizinaltechnik, der Raumfahrt oder in der digitalen Messtechnik. Hier sind zwar die Mengen kleiner, dafür aber die Margen attraktiver.

H+S verfügt über eine Nettoliquidität von rund 180 Mio Fr. und eine Eigenkapitalquote von 76%. Wo legen Sie Investitions-Schwerpunkte?

Kaufmann: Priorität hat das organische Wachstum. Insbesondere in der Niederfrequenztechnik stossen wir an unsere Kapazitätsgrenzen und werden in den nächsten Jahren namhafte Beträge in die Produktion investieren. Auch Akquisitionen bilden eine Option, entsprechend prüfen wir regelmässig mögliche Kandidaten.

Welches sind die produktemässigen und geografischen Schwerpunkte?

Kaufmann: Den Rahmen für unsere Investitionen bildet unsere sogenannte 3x3-Strategie, also die drei Technologien Hochfrequenz, Fiberoptik und Niederfrequenz für die drei Märkte Kommunikation, Transport und Industrie. China ist ein wichtiger Pfeiler unserer Ausrichtung und das neue Kabelwerk, das voraussichtlich 2012 die Produktion aufnehmen wird, bildet einen echten Meilenstein zur weiteren Stärkung unserer Position in Asien. Daneben sehen wir zusätzliche Möglichkeiten in den übrigen BRIC-Staaten sowie in Nordamerika. Von den Produkten her gibt es attraktive Möglichkeiten mit allen drei oben genannten Technologien. Dazu kommt unsere Stossrichtung, den Kunden mehr und mehr nicht Komponenten sondern ganze Systemlösungen zu bieten.

Auch in Pfäffikon wurde massiv investiert. Wie sehen Ihre Überlegungen aus, wenn Sie zwischen dem Standort Schweiz und anderen Märkten wie Asien oder Osteuropa entscheiden?

Kaufmann: Eine der grossen Stärken unseres Unternehmens ist die Möglichkeit, unseren Kunden auf der ganzen Welt die gleichen, qualitativ hochstehenden Produkte und Dienstleistungen bieten zu können. Der Anker dieser Ausrichtung bildet die starke Position in Europa, wo wir nach wie vor rund 60% unserer Umsätze erzielen. Die Überlegung lautet also in unserem Fall nicht Europa versus Asien, sondern wir wollen weltweit in unseren Zielanwendungen Marktanteile dazugewinnen. Die Schweiz hat nach wie vor Standortvorteile, unter anderem sehr gut ausgebildete und loyale Mitarbeitende, die für Huber+Suhner von entscheidender Bedeutung sind. Deshalb werden wir auch an unseren Schweizer Standorten in Pfäffikon und in Herisau weiter investieren.

Wie läuft Ihr Neubauprojekt im zürcherischen Pfäffikon?

Kaufmann: H+S investiert in Pfäffikon rund 30 Mio Fr. in ein neues Kunststoffmischwerk. Das Projekt verläuft bisher absolut planmässig und die neuen Anlagen werden bereits Anfang 2011 die Produktion schrittweise aufnehmen. Wir gewinnen durch diese Investition dringend benötigte zusätzliche Kapazität, erhöhen unsere Effizienz und machen gleichzeitig auch einen grossen technologischen Schritt. Die topmodernen Anlagen werden uns ermöglichen, die für uns so entscheidende Materialtechnik noch besser auszuloten und damit die Eigenschaften unserer Spezialkabel weiter zu optimieren.