Mi Laoshu heisst der Kerl mit den runden Ohren in China: Mi, die Maus. Die Comicfigur bezaubert Millionen von Kindern. Und seit neustem auch die Geldgeber des frisch eröffneten Themenparks in Schanghai. Das erste Disneyland in Festlandchina wird Tag für Tag bis zu 100 000 Besucher empfangen, dreimal so ­viele wie das Pendant in Hongkong. Mickey Mouse in China, das verspricht viele, viele Mäuse.

Das rasant wachsende China galt stets auch bei Schweizer Banken als Wunderland. Fantastischer Reichtum wird dort erzeugt: Es gibt fast zwei Millionen Millionäre, jedes Jahr kommen 15 bis 20 Prozent hinzu. In China wohnen nach den USA auch am meisten Ultrareiche: Leute wie Jack Ma, Gründer des Internetriesen Alibaba. An die Milliarden heranzukommen, ist das erklärte Ziel von Instituten wie der Credit Suisse. Die Bank, die international bereits Transaktionen für Alibaba organisiert hat, erhofft sich vom Private Banking viel. «Greater China» soll das jetzige Hongkong-­Geschäft dereinst weit überflügeln.

Poetische Namen mit Verwirrungspotenzial

Den chinesischen Geldtopf anzuzapfen fällt den Banken aus der Schweiz jedoch schwer. Die Pro­bleme beginnen bereits beim Namen. Eine chinesische Version muss her, weil vor Ort keiner gerne englische Namen ausspricht. Clever hat es die UBS gemacht. Sie wird in China «ruishi yinhang» ­genannt – was nichts anderes als «Schweizer Bank» bedeutet. Der hiesige Bankenplatz geniesst in ­China einen ausgezeichneten Ruf, was auch der Credit Suisse zugute kommt. Trotzdem ist sie mit ihrem Lokalnamen nicht ganz glücklich. «Ruishi xindai», «Schweizer Kredit», klingt zu wenig nach Private Banking. Zudem liegt der abgekürzte Name recht nahe bei der UBS – weswegen die CS in China ein Rebranding ins Auge fasst. Julius Bär führt ­übrigens die poetischen Silben «bao sheng» im ­Namen: Reichtum im Überfluss.

Das Motto von Julius Bär trifft mit Sicherheit auf China zu. Praktisch jedes Gespräch mit Bankern, sei es im heissen Hongkong oder im kühlen Peking, beginnt mit den riesigen Verheissungen im 1,4-Milliarden-Menschen-Land. Doch fast jedes Gespräch endet irgendwann bei den strategischen, regula­torischen, kulturellen Hindernissen. «China ist kompliziert», sagt Vicky Wong, Chefin der Bank LGT in Hongkong. «Viele Banken haben schon gemerkt, dass der dortige Markt für sehr vermögende Kunden nicht ganz so einfach ist, wie es scheint.»

China verlor die Kontrolle

Woher rühren die Widersprüche? Das Kapitel «China» beginnt für westliche Banken mit einer Idee, die vor 15 Jahren geboren und Schritt für Schritt verwirklicht wurde: Der Internationalisierung des Renminbi. China will sein Zahlungsmittel bis rund 2020 zur frei handelbaren, globalen Re­servewährung machen. Der Plan beinhaltet die Öffnung des Landes, dessen Finanzmarkt im Gegensatz zur Realwirtschaft lange hermetisch abge­riegelt war. Die Internationalisierung der Währung soll den Aufstieg der Volkswirtschaft nachvollziehen, die bald die USA an Grösse überflügeln wird.

Die Beziehungen von Auslandsbanken wie der UBS zu China reichen zurück bis in die 1980er-­Jahre. Der Plan sieht für die Geldhäuser eine kontinuierliche Ausweitung der Perspektiven vor. Die nächste, grössere Geschäftsmöglichkeit: Emis­sionen und Handel mit Interbankenanleihen, die für das Ausland restriktionsfrei zugänglich werden. «China ist fest entschlossen, seinen Finanzmarkt zu öffnen», bekräftigt Eugene Qian, der vor 30 Jahren in Schanghai studierte und heute das China-Geschäft der UBS verantwortet.

Der Grund, dass viele seiner Kollegen trotzdem gemischte Gefühle für den chinesischen Markt ­hegen, liegt in den letzten zwölf Monaten. In dieser Zeit ist etwas passiert, womit niemand gerechnet hat: Peking ist die Kontrolle über die Öffnung ­entglitten, die es bislang souverän gemanagt hatte.

«George Soros wettet gegen China», titelte die Presse im Februar. Die Attacke des Investors, der einst das Pfund in die Knie zwang, folgte auf eine turbulente Zeit, die China erst eine Spekulationswut, dann einen Börsencrash und später massive Geldabflüsse bescherte. Zweifel ums Wirtschaftssystem wurden laut – um die vielen Kredite, die man in die Wirtschaft gepumpt hatte. Erstmals seit vielen Jahren verlor der Renminbi an Wert.

Die ewige Rein- und Rausfliegerei

Die Konsequenzen spüren die auslän­dischen Banken nun auf allen Ebenen: Im Asset Mana­gement, das chinesischen Grossanlegern bei Investments im Ausland hilft; im Private Banking, das reiche Kunden bei der Vermögensdiversifika­tion berät – ein Bedürfnis, das Tjun Tang, Bankenspezialist bei BCG in Hong Kong, als «enorm» ­einschätzt. Das Problem der Banken ist, dass China das Ventil für diese potenziell sehr profitablen ­Geschäfte nur langsam öffnen kann – weil sonst ­Abflüsse den Renminbi unter Druck bringen und das Vertrauen in die Regierung schwächen könnten.

Neue Lizenzen, höhere Investitionsquoten, ­freier Kapitalverkehr: All die Dinge, worauf westliche Banken gemäss dem chinesischen Plan eigentlich warten, verzögern sich vor diesem Hintergrund. «Die Regulatoren befürworten die Modernisierung grundsätzlich», urteilt Tjun Tang. Es lohne sich, bereits jetzt die Samen für die Zukunft zu säen. «Doch die Institute werden Geduld brauchen.» Unter Beobachtern gilt als ausgemacht, dass erst nach dem nächsten Plenum der kommunistischen Partei in 18 Monaten Bewegung in die Sache kommt.

Dabei wäre gerade die Credit Suisse darauf ­angewiesen, das Geschäft mit den Superreichen, das sie bisher aus Hongkong betreibt, endlich auch auf dem Festland anbieten zu können. «Die ewige Fliegerei ist nicht effizient», sagt Neil Harvey, Verantwortlicher für die Region Greater China bei der Grossbank. «Man muss mit den Kunden leben und atmen, mit ihnen Tennis und Golf spielen, sich mit ihrer Familie anfreunden.» Anders als die UBS hat die CS in China keine vollwertige Bankentochter, weil sie das Puzzle nötiger Lizenzen noch nicht vollständig beisammen hat.

Konkurrenz von überall

China ist dynamisch, geldverliebt und unter­versorgt mit modernem Banking. Und trotzdem ist der Gang ins neureiche Schwellenland für expan­sionswillige Institute kein Selbstläufer.

Da wäre die Technologiefrage. Chinesen lieben ihre Smartphones – mitten in einer Sitzung hemmungslos darauf herumzutippen, ist für Manager normal, ebenso wie Gäste im Restaurant mit grösster Selbstverständlichkeit einen Ersatzakku ver­langen können. Logisch, dass auch das mobile Privatbanking State of the Art sein muss – ein Angebot, das Banken in Windeseile entwickeln müssen.

Ungünstig ist dabei die Einstellung der Generation Internet. Sie stellt in China viele Dotcom-Millionäre und will, dass webbasierte Dienste wenig bis gar nichts kosten sollten. Fast schon ironisch ist, dass dieselben Kunden, mit denen die westlichen Banken heute Geschäfte machen, gerade selbst daran sind, die Bankenwelt auf den Kopf zu stellen. Letztes Jahr erhielt Jack Ma eine Lizenz für die Alibaba-Tochter MYbank. Tencent, die Firma des Multimilliardärs Ma Huateng, brachte ein Bankingprodukt namens WeBank auf den Markt. Über Apps verbreiten sich diese Digitalbanken im Nu.

«China ist kompliziert. Viele Banken haben schon gemerkt, dass der dortige Markt für sehr vermögende Kunden nicht ganz so einfach ist, wie es scheint.» - Vicky Wong, Chefin der Bank LGT in Hongkong.

 

«Wir gehen nicht nach China, um der kleinste Player vor Ort zu sein.» - Jimmy Lee, Asien-Chef von Julius Bär.

 

«Wir sind offshore die Nummer eins und wollen den Erfolg onshore replizieren.» - Eugene Qian, Chef der UBS in China.

 

«Wir boxen offshore über und onshore unter unserer Gewichtsklasse.» - Neil Harvey, CEO greater China bei der Credit Suisse.

Gleichzeitig ist die Konkurrenz gross. Um die wohlhabende Klientel bemühen sich einheimische Megabanken wie die China Merchants Bank. Sie betreibt in China 800 Filialen und hat schon heute über 50 000 Bankbeziehungen zu Millionärskunden. Private Banking im eigentlichen Sinn existiere in China noch gar nicht, entgegnen die Schweizer Banken gerne, wenn man sie auf diese Entwick­lungen anspricht. Genau genommen sind UBS und Co. jedoch nur in einem Segment wirklich im Vorteil: Bei den Ultrareichen, die nebst herkömmlicher Beratung auch komplexe juristische Beratung und Anlagen in Trusts ausserhalb von China verlangen.

Die Tradition soll es für Swiss Banking richten. «Eine Privatbank ist ein bisschen wie ein Familiendoktor», sagt Alex Fung, Asien-Chef des Private Banking von Vontobel. «Er begleitet die Familie als Vertrauensperson über viele Jahre.» Seine Bank verzichtet auf kostspielige, lokale Buchungszen­tren. LGT bearbeitet Festlandchina aus Hongkong. Schwergewichte wie Julius Bär wollen im Prinzip aufs Festland – zögern aber, die massiven Investi­tionen zu tätigen. «Wir gehen nicht nach China, um der kleinste Player vor Ort zu sein», sagt Asien-Chef Jimmy Lee. Die kritische Masse für ein profitables Geschäft liegt seiner Einschätzung nach bei 35 Milliarden Dollar an Kundengeldern. Selbst im gros­sen China lässt sich diese Summe nicht von heute auf morgen einfach so einsammeln.

Ein flüchtiger Zauber

«Wer heute nach China geht, muss die nächsten zehn Jahre dranbleiben», sagt Buchautor Joachim Rudolf – was fast schon eine ­Untertreibung ist, wenn man sich die komplizierte Lage vor Augen führt. China ist das erste Mal seit ­langem «mit einem zyklischen Abschwung konfrontiert», wie die Ökonomin Julia Wang von HSBC sagt. Hinzu kommt, dass gerade jetzt die Bilanzen diverser Staatsbanken aufgeräumt und Angestellte unren­tabler Staatsbetriebe entlassen werden müssen sowie Transparenz für Investoren geschaffen werden muss. Die Gefahr ist laut Wang nicht, dass China an dieser Aufgabe scheitert – denn die Führung hält die Zügel im Finanzsystem fest in der Hand, verfügt über konjunkturpolitischen Spielraum und hat eine Volkswirtschaft mit einer hohen Sparquote im ­Rücken. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, das Timing der nötigen Stimulus-, Aufräum- und Öffnungsmassnahmen richtig hinzukriegen.

Den Schweizer Banken scheint dies bewusst. Sie kennen den trügerischen Zauber von Disneyland. Ein Zauber, der schnell zu Ärger wird, wenn man für viel Eintrittsgeld stundenlanges Warten auf eine einzige Achterbahnfahrt erhält.

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Die Internationalisierung des Renminbi

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Ein Zwanzigjahresplan China hat die Internationalisierung seiner Währung seit der Jahrtausendwende Schritt für Schritt vorangetrieben. Klicken Sie sich durch die Bildstrecke, um die Geschichte nachzuverfolgen ...