Wasen, zuhinterst im Emmental. Die reine Postkartenschweiz. Hier befinden sich die Sattlerei Blaser, der Schwyzerörgeli-Bauer Hansruedi Reist, Ruth Kohler mit ihrer Käserei und das «Rössli». Und die Werkzeugfirma PB Swiss Tools. Im Fabrik- und Verwaltungsgebäude mit den markanten roten Fensterrahmen schreitet Firmenchefin Eva Jaisli mit federndem Schritt die Treppe herunter. So ganz passt die ehemalige Lehrerin Jaisli nicht ins Emmentaler Idyll.

Seit 1998 ist die studierte Psychologin und Ökonomin Firmenchefin. Ehemann und Mitbesitzer Max Baumann ist der Urenkel des Firmengründers Paul Baumann - daher das PB im Firmennamen. Der Maschineningenieur verantwortet die Entwicklung und die Qualitätssicherung im Betrieb mit 150 Mitarbeitenden. Umsatzzahlen nennt die Familienfirma nicht.

Der Letzte im Lande

PB Swiss Tools ist der einzige verbliebene Schweizer Hersteller von Handwerkzeug und muss in einem gesättigten Markt gegen globale Konkurrenz bestehen. Gefertigt werden Schraub- und Schlagwerkzeuge - vom Schraubenzieher aus Titan bis zum rückschlagfreien Hammer. Bei den Profis in Industrie und Gewerbe stehen die Werkzeuge wegen ihrer Qualität hoch im Kurs. Hergestellt sind sie aus einer hauseigenen Legierung auf der Basis von Federstahl - ein Stahl, der besonders robust ist und etwa in Stahlfedern verbaut wird. Die legendären transparenten roten Griffe sind aus einem auf Cellulose basierenden Naturstoff. Er macht die Schraubenzieher praktisch unverwüstlich.

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Schraubwerkzeuge und -einsätze sind bis heute das Kerngeschäft von PB Swiss Tools und machen rund zwei Drittel des Umsatzes aus. Vom Emmental aus beliefert PB Swiss Tools 45 Länder. Neben der Schweiz sind Deutschland, Japan, Holland und Italien die bedeutendsten Märkte, immer wichtiger werden Asien und Osteuropa. Zwei Drittel der Produktion gehen in den Export, produziert wird ausschliesslich in Wasen und in Sumiswald. Das Sortiment umfasst mehr als 2500 Artikel, jährlich werden über alle Artikel gesehen 9 Millionen Stück gefertigt.

Dank einer Seriennummer lässt sich im Falle eines Defekts die Fehlerquelle eruieren. Diese hohen Qualitätsansprüche waren über lange Jahre ein Garant für den Erfolg - bis zur Wirtschaftskrise. Im letzten Quartal 2008 brachen die Bestellungen um 40 Prozent ein - just, als PB Swiss Tools ihr 130-jähriges Jubiläum feierte. «Das war dramatisch. Wir waren eine der ersten exportorientierten Schweizer Kleinfirmen, welche die Krise so hart zu spüren bekam», sagt Jaisli.

Entlassene wieder angestellt

Sie stand sofort auf die Kostenbremse - inklusive Kurzarbeit und, als das nicht mehr reichte, brauchte es einen chirurgischen Eingriff. Auf verschiedenen Stufen wurden 20 Stellen abgebaut. «Im Nachhinein der richtige Entscheid», sagt die Chefin. Die unsichere Lage dauerte lange, doch seit dem 2. Quartal 2010 ist die Firma wieder auf Kurs, der Umsatz liegt bereits über dem Niveau vor der Krise.

Jaisli konnte viele der Entlassenen wieder einstellen. Werte wie Respekt, Vertrauen und Zuverlässigkeit sind ihr besonders wichtig. Doch nicht nur das: Sie hat den Frauenanteil im Betrieb gezielt auf allen Stufen auf 33 Prozent angehoben. Heute lädt die Firmenchefin regelmässig Mädchengruppen für Workshops ein: So will sie Ängste abbauen und schon in der Lehre den Frauenanteil erhöhen.

Für die nächste Krise will die Firma besser gerüstet sein: Soeben hat sie das Produkt Operace lanciert, ein Werkzeug-Set für die Extraktion von Implantatschrauben im Operationssaal. Äusserlich sieht man den medizinischen Werkzeugen den speziellen Verwendungszweck nicht an. Doch die Anforderungen waren hoch. Ein im Frühling 2008 gestartetes Entwicklungs- und Forschungsprojekt hatte ergeben, dass es in Operationssälen vor allem beim Entfernen von Implantaten zu Problemen kommt.

Der Grund: Die Implantate werden oftmals Jahre später durch einen anderen Operateur entfernt, manchmal gar in einem anderen Land. «Mit unserem Kit garantieren wir dem Operateur, dass er die Schrauben der gängigsten Produkte problemlos entfernen kann.» Der ergonomische Griff ist auf Lebzeiten immer wieder sterilisierbar. Die Schraubeinsätze hingegen sind für den einmaligen Gebrauch bestimmt. PB Swiss Tools entwickelte das Set in enger Zusammenarbeit mit De Puy, einem weltweit führenden Anbieter orthopädischer Produkte. Er gehört zum amerikanischen Pharma- und Konsumgütergiganten Johnson & Johnson. «Das war wichtig, weil dieses Feld für uns neu ist und wir den Leistungsausweis hier erst noch erbringen müssen», erklärt Jaisli. Umsatzziele will Jaisli keine nennen. Doch eines ist klar: Dem neuen Geschäftsfeld in der Wachstumsbranche Medizinaltechnik soll dereinst grosse Bedeutung zukommen.