Clariant will nach Aussage des Konzernchefs Hariolf Kottmann in den Vereinigten Staaten Öl- und Gasdienstleister zukaufen, wo der Boom in Schieferbohrungen die weltweiten Energiemärkte veränderte und nun zu einem Einbruch beiträgt.

Das Schweizer Spezialchemieunternehmen aus Muttenz im Kanton Basel-Landschaft sei in den USA unterrepräsentiert und wolle den Verkauf von Produkten wie Additive für Bohrung und Schürfungen stärken, um den Marktanteil zu erhöhen, sagte Kottmann im Interview am Biotechnologie-Zentrum des Unternehmens bei München.

Transaktionen notwendig

Bei Schiefer-Bohrungen werden Sand, Wasser und Chemikalien benutzt, um Öl und Gas aus dem Gestein zu lösen. Das Verfahren hauchte der US-Produktion wieder Leben ein und sorgte letztlich für einen Absturz der Ölpreise und einen Abschwung in der Branche.

Clariants bestehendes Geschäft mit Chemikalien für die Öl- und Bergbauindustrie ist Kottmann zufolge um zehn bis zwölf Prozent organisch gewachsen und braucht nun Transaktionen, um diesen Kurs beizubehalten. «Wir haben ein logisches Bedürfnis, unser Geschäft mit Öl- und Bergbaudienstleistungen auszubauen, besonders in Nordamerika», sagte Kottman in dem auf Englisch geführten Gespräch mit Bloomberg. «Wir wachsen beträchtlich. Doch um zu gewährleisten, dass wir unsere Marktstellung stärken und halten, ist mehr nötig.»

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Auf der Suche nach dem Millionendeal

Nach der Übernahme des Katalysatorenherstellers Süd-Chemie im Jahr 2011 für 2,7 Milliarden Dollar (2,6 Milliarden Franken) und dem Verkauf von weniger rentablen Sparten beschreitet Kottmann nun einen Weg zwischen Kostensenkungen und möglichen Transaktionen, um den Kurs zu beleben. Der Konzernchef, der das Ruder im Jahr 2008 übernommen hat, schaut sich nach eigener Aussage in den USA nach Akquisitionen in mittlerer Grössenordnung zwischen 200 Millionen und 400 Millionen Franken um.

Der Hersteller von Chemikalien, die in Produkten von Kosmetika bis hin Farbstoffen zu finden sind, polierte sein Portfolio in den letzten Jahren auf. Dabei wurde Clariant zu einem Unternehmen, das Übernahmegelüste bei Firmen vom gleichen Schlag wie Evonik Industries AG weckt, die in Märkte mit höheren Gewinnmargen expandieren wollen – wie Futtermittelzusätze und Additive für Schönheitsprodukte.

Evonik ist abgeblitzt

Die Essener Evonik blitzte mit ihren Annäherungsversuchen an Clariant ab. Die beiden Unternehmen hätten niemals über einen Zusammenschluss gesprochen, sagte Kottmann.

Der gegenwärtige Aktienkurs ist nach Einschätzung von Kottmann zu niedrig für die Familien-Aktionäre, die ihre Anteile jeweils zwischen 18,60 und 18,70 Schweizer Franken erstanden hatten. «Sie würden jetzt niemals ein Angebot akzeptieren, es ist viel zu niedrig», erklärte der Konzernchef. «In der Schweiz zahlt man generell ein Aufschlag von 40 Prozent auf den regulären Kurs. Es ist daher nicht so leicht, ein feindliches Angebot für ein Schweizer Unternehmen abzugeben.»

30-Franken-Hürde

Die Clariant-Aktie ist seit Anfang des Jahres bis zum 1. Oktober um 0,4 Prozent gefallen, als sie bei 16,36 Franken schloss.

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«Als unser Aktienkurs bei 20 bis 21 Franken lag, würden wir mit einem Aufschlag von 40 Prozent über 28 bis 30 Franken sprechen», sagte Kottmann. «Heute sähe das anders aus. Aber wenn ich ein Clariant-Aktionär wäre, würde ich niemals etwas unter 30 Schweizer Franken je Aktie akzeptieren.»

(bloomberg/ise/hon)