Seit Jahren hat das Unternehmerpaar Clozel ein «Milliarden-­Molekül». Die Actelion-Gründer schafften es mit ihrem Wirkstoff gegen Lungenbluthochdruck an die Marktspitze. Eine hervorragende Leistung. Doch nun droht der fokussierten Strategie die Puste auszugehen.

Die Clozels haben alles auf eine Karte gesetzt: Wirkstoffe geben Lungenbluthochdruck. Doch der Markt für diese ­seltene Krankheit wächst kaum noch und ­Actelions Kassenschlager Tracleer wird bereits von Generika abgelöst. Eine Ausgangslage, bei der Branchenkenner den Erfolg der Firma mit den Erträgen aus den Nachfolgemedikamenten Opsumit und Uptravi langfristig nicht gesichert sehen.

Jahrelanges blindes Vertrauen

Es keimt Skepsis bei den Investoren, die dem Börsenliebling jahrelang blind vertrauten. Michael Pipers Investment­vehikel Artemis hat seine Actelion-Betei­ligung im Wert von gut 12 Millionen Franken Ende Juni verkauft. Zeitgleich reduzierte BB Biotech seine Position um über 44 Millionen Franken auf 1,8 Prozent – der zweitgrösste Verkauf im vergangenen Jahr. Das zeigt, die Clozels müssen zeigen, wo die Zukunft der Firma liegt.

Mangelnde Weitsicht

Für Branchenkenner steht fest: Acte­lion muss ihr Angebot diversifizieren und Medikamente für zusätzliche Krankheiten entwickeln, um die wegen zunehmender Generika schwindenden Umsätze des Kassenschlagers Tracleer langfristig aufzufangen. Die Firma erzielte 2014 mit Tracleer immer noch drei Viertel der 1,96 Milliarden Franken Umsatz. In den USA läuft das Patent Ende 2015 ab, in Europa Ende 2017. «Der Gründergeneration mangelt es an strategischer Weitsicht», sagt Molekularbiologe und Helvea-Analyst Olav Zilian. Grund sei eine gewisse Betriebsblindheit der Führung, die über die letzten Jahre eingetreten sei. Der Erfolg mag ihnen noch recht geben. «Aber wenn Actelion bis 2018 nichts Substanzielles liefert, was nach dem Tracleer-Ersatz Opsumit und Uptravi folgt, wird es schwierig, die Milliar­denumsätze nach 2025 zu halten», so Zilian.

Ein Blick in die Pipeline zeigt, dass der Befreiungsschlag bislang ausgeblieben ist. Kooperationen mit Partnern wie Roche gegen multiple Sklerose (MS) oder mit Glaxo für ein Schlafmedikament haben die Clozels ­aufgegeben. Noch immer fokussieren sie hauptsächlich auf Lungenbluthochdruck. Ihre neuen Moleküle – Opsumit, seit 2014 auf dem Markt, und Uptravi, in der Zulassung – sollen mit neuen Kombinationstherapien den Erfolg weiterhin sichern.

Investoren wollen Wachstum

Dafür stünden die Chancen gut, sagt Daniel Koller, Chef des Portfoliomanagements bei BB Biotech. Die Frage sei, ob Actelion Marktführer bleiben und seine Position ausbauen könne. Auch er schaut genauer hin: «Wir investieren viel Recherche, um Chancen und Risiken bestmöglich einzuschätzen.» Zentral sei, wie Actelion ihr neues Medikament Uptravi posi­tionieren könne. Noch hat sie in der neusten Generation der Medikamente gegen Lungenbluthochdruck den Lead, aber Konkurrenten wie United Therapeutics holen auf. Es braucht mehr Innovationen aus Allschwil: «Wir fokussieren auf Wachstum und können daher mit dem Erhalt des Geschäfts nicht zufrieden sein», so Koller.

Anzeige

Die Clozels wissen wohl um diese Notwendigkeit. Sie testen den Wirkstoff Ponesimod in der finalen Phase der klinischen Forschung gegen MS. Ein Markt, der bereits hart umkämpft ist. Roche verstärkt seine Anstrengungen, Celgene kauft für 7,2 Milliarden Dollar den MS-Spezialisten Receptos. Für Analyst ­Zilian stellt sich die Frage, ob sich die ­Anstrengungen von ­Actelion wirklich lohnen, da aufgrund des hoch kompetitiven Umfelds die Umsätze unterdurchschnittlich ausfallen könnten. «Eine Fehlinvestition ist nicht ausgeschlossen.» Vertriebsnetz und Zugang zu MS-Ärzten in dem Riesenmarkt fehlen den Clozels bislang.

Suche nach dem passenden Partner

Trotz nachgesagter Eitelkeit und Beratungsresistenz scheinen die Clozels erkannt zu haben, dass sie ohne Partner langfristig nicht weiterkommen. Die Gespräche laufen, wie vor wenigen Tagen im Fall von ZS Pharma durchsickerte. Es macht Sinn, sich auf seine Stärken zu besinnen und da zuzukaufen, wo das Wissen fehlt. Am meisten Bedarf habe Actelion bei der Technologie-Plattform, sagt Zilian. «Der Firma fehlt der Erfolg, die Vorteile ihrer Moleküle für verschiedene Krankheiten beim Patienten zu bestätigen.» Ein möglicher Technologie-Partner wäre MorphoSys aus München, so Zilian. Auch für Investor Koller geht mehr Technologie heute nur mit Akquisitionen, mit Zugang zu externen Ressourcen. «Das verlängert die Wertschöpfungskette und ist damit auch im Sinne der Aktionäre.»

Auf Anfrage heisst es bei Actelion lediglich, man prüfe Akquisitionen, um das ­bestehende Geschäft und neue Felder zu stärken. Fest steht: Das Ehepaar Clozel muss über seinen Schatten springen und handeln, wenn es seine Erfolgsgeschichte langfristig aufrechterhalten möchte.