Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat den wohl durch den Co-Piloten herbeigeführten Germanwings-Absturz als Tragödie von schier unfassbarer Dimension verurteilt: «So etwas geht über jedes Vorstellungsvermögen hinaus.»

Die Kanzlerin versprach am Donnerstag in Berlin, die deutsche Regierung und Behörden würden alles Erdenkliche tun, um die Ermittlungen zu unterstützen. «Wir kennen noch nicht alle Hintergründe.» Deshalb bleibe es so wichtig, dass jeder Aspekt weiter gründlich untersucht werde.

Angehörige treffen bei Absturzstelle ein

In der Nähe der Absturzstelle des Germanwings-Airbus trafen währenddessen etwa 40 Familienangehörige der insgesamt 150 Opfer ein. Die Angehörigen trafen am Donnerstagnachmittag in Seyne-les-Alpes ein, wie die Polizei mitteilte.

Sie waren am Vormittag vom Flughafen Marignane bei Marseille per Bus in die Absturzgegend gefahren worden. Angehörige der Opfer waren zuvor mit Sonderflügen der Lufthansa aus Düsseldorf und Barcelona nach Frankreich geflogen worden.

Bestürzung bei Lufthansa

Mit Bestürzung und Entsetzen haben Germanwings und die Konzernmutter Lufthansa auf den vermutlich vorsätzlich herbeigeführten Absturz des Airbus durch den Copiloten reagiert. «Das macht uns fassungslos», sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Donnerstag an einer Medienkonferenz am Donnerstagnachmittag. «Nicht in unseren schlimmsten Alpträumen hatten wir uns das verstellen können.»

Der Vorstandschef sprach vom «furchtbarsten Ereignis in unserer Unternehmensgeschichte». Zugleich nannte Spohr den Verdacht gegen den 28-Jährigen Copiloten einen «tragischen Einzelfall». Was ihn zu seiner Tat bewegt habe, sei noch unklar.

Willentlich in den Boden gesteuert

Auf Fragen, ob es sich um einen Selbstmord des Mannes gehandelt habe, sagte Spohr: «Dazu kann ich nicht mehr sagen, als der französische Staatsanwalt heute gesagt hat.» Man müsse davon ausgehen, dass das Flugzeug willentlich in den Boden gesteuert wurde.

Hinweise auf eine möglicherweise terroristisch motivierte Tat gebe es nicht, sagte der Vorstandschef. «Ich kann mich nur dem Bundesinnenminister anschliessen, es gibt keinerlei Anzeichen, ...auch der Nachrichtendienste und von uns, dem Arbeitgeber des jungen Mannes, dafür.»

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Ausbildung unterbrochen

Der Co-Pilot der Germanwings-Unglücksmaschine hat seine Ausbildung nach Angaben von Spohr für mehrere Monate unterbrochen. Das sei aber nicht unüblich, sagt Spohr auf einer Medienkonferenz am Donnerstagnachmittag.

Zu den Gründen für die Unterbrechung dürfe er keine Auskunft geben. In dieser Zeit habe der spätere Copilot als Flugbegleiter gearbeitet und seine Piloten-Ausbildung später wieder aufgenommen. Seit 2013 sei er als «Erster Offizier» auf einem Airbus A320 eingesetzt gewesen.

Er habe alle Tests und Prüfungen bestanden, versicherte Spohr, der auf den psychologischen Eignungstest der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt verwies. Der Test gelte weltweit als das führende Verfahren zur Auswahl von Cockpit-Personal.

Keine Auffälligkeiten bekannt

«Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit», versicherte Spohr. Er zeigte sich fassungslos über die neuesten Erkenntnisse, wonach der Co-Pilot das Germanwings-Flugzeug absichtlich hatte abstürzen lassen. Lufthansa wähle das Personal sehr sorgfältig aus.

Einmal pro Jahr gebe es Untersuchungen. Explizite psychologische Tests gebe es nach der Ausbildung nicht mehr, führte Spohr aus. Egal wie hoch das Thema Sicherheit hänge, könne man solche Einzelereignisse nicht ausschliessen. «Es galt immer die Regel, Safety ist Nummer Eins, und dass das gerade uns passiert, tut uns sehr, sehr leid.»

«Wir werden uns hinsetzen und sehen: Was können wir besser machen bei der Ausbildung?», sagte Spohr. Das Unglück könne jedoch nicht sein Vertrauen in seine Piloten erschüttern.

Deutsche Experten stützen Co-Pilot-These

Die Darstellung der französischen Staatsanwaltschaft, wonach der Co-Pilot mit einem bewussten Sinkflug den Germanwings-Airbus abstürzen liess, stützen auch deutsche Experten, die an der Auswertung des Stimmrekorders beteiligt sind.

Der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt sagte am Donnerstag in Berlin, die Darstellung der französischen Ermittler sei laut den Fachleuten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) nach bisherigen Erkenntnissen plausibel: «Das, was heute die französische Staatsanwaltschaft ausführlich dargestellt hat, ist in der Tat mehr als erschütternd.»

Man hoffe nun, noch die zweite Black Box zu finden, um die Erkenntnisse über die letzten Minuten im Cockpit konkretisieren zu können.

Pilot war vom Cockpit ausgeschlossen

Nach ersten Erkenntnissen ist der Sinkflug der abgestürzten Germanwings-Maschine absichtlich eingeleitet worden. Der allein im Cockpit zurückgebliebene Co-Pilot habe den Hebel dafür selbst betätigt, sagte der Marseiller Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag. Der Pilot war zu diesem Zeitpunkt aus dem Cockpit ausgeschlossen. «Es sieht so aus, als habe der Copilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und so zerstört», sagte der zuständige Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Marseille.

Der Pilot sei auf die Toilette gegangen. Der Co-Pilot habe das Kommando gehabt und am Flight-Monitoring gespielt. Dann habe ein Alarm die rasche Annäherung der Maschine an den Boden signalisiert. Doch der Pilot konnte nicht mehr ins Cockpit zurück.

Tür hätte von ihnen geöffnet werden müssen

Der Co-Pilot habe kein Wort gesprochen, es seien nur Atemgeräusche zu hören gewesen. «Derzeit sieht es so aus, als habe der Copilot normal geatmet und keinen Infarkt gehabt», so Robin. Es herrschte «absolute Stille» im Cockpit, betont der Staatsanwalt.

«Unsere wohl plausibelste Deutung geht dahin, dass der Co-Pilot sich weigerte, die Tür zu öffnen», sagte der Staatsanwalt. So habe der Pilot nicht mehr ins Cockpit gelangen können. Auf Ansprache der Fluglotsen habe der Co-Pilot nicht reagiert. Auch einen Notruf habe er nicht abgesetzt. Der Code an der Cockpit-Tür der Unglücksmaschine war nach Angaben des Staatsanwalts kein Code zum Öffnen, sondern einer, mit dem sich der jeweils Zugangsberechtigte identifiziert. Die Tür verriegele sich ganz automatisch und werde dann von innen geöffnet.

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Die Passagiere bekamen den Absturz offenbar aber erst in letzter Sekunde mit. «Die Schreie der Passagiere hören wir erst in den letzten Sekunden auf dem Band», erklärten die Ermittler. Sie ermitteln wegen vorsätzlicher Tötung.

Auf einen terroristischen Hintergrund deute derzeit nichts hin, sagte der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin. «Nichts erlaubt es zu sagen, dass es sich um einen Terroranschlag handelt», sagte Robin.

DNA-Analyse zur Identifizierung der Opfer begonnen

Nicht nur die Ermittlungen zur Ursache des Flugzeugabsturzes kamen am Donnerstag voran. Auch an der Identifizierung der Opfer arbeiteten Experten mit Hochdruck. Die Auswertung der DNA-Analysen der Opfer habe begonnen, sagte Robin.

Für die Identifizierung der Opfer des Absturzes der Germanwings-Maschine nahmen französische Experten DNA-Proben der Angehörigen.
Am Donnerstagmorgen waren Angehörige der Opfer mit zwei Flugzeugen aus Düsseldorf und Barcelona in Marseille gelandet. Die rund 50 Angehörigen waren in Düsseldorf gestartet, um in die Nähe des Absturzortes zu gelangen.

Angehörige auf dem Weg an den Absturzort

Mit an Bord reiste auch ein Betreuer-Team, bestehend aus Seelsorgern, Ärzten und Psychologen, wie die Lufthansa mitteilte. Ausserdem war ein zweiter Sonderflug mit einer Germanwings-Maschine für Angehörige der Crew am Donnerstagvormittag ab Düsseldorf geplant. Aus Barcelona wurde ein Flieger mit Angehörigen spanischer Opfer erwartet.

Für die Angehörigen sollte es jedoch keine Möglichkeit geben, an die Absturzstelle zu gelangen: «Das ist nicht möglich, das ist viel zu gefährlich», sagte der Unterpräfekt von Aix-en-Provence, Serge Gouteyron, der Nachrichtenagentur dpa. Zusammen mit der Polizei und Helfern vor Ort bereitete er die Ankunft von Angehörigen in Le Vernet vor. Diese Siedlung liegt in unmittelbarer Nähe der Absturzstelle.
Das Sportzentrum des Unglücksortes Seyne-les-Alpes, in dem eine Art Kapelle als Trauerraum für die Angehörigen eingerichtet wurde, war abgeriegelt. Polizisten kontrollierten den Zugang. Die Familien sollten Ruhe haben für ihre Trauer. Im Rathaus erstellten Mitarbeiter eine Liste von Einheimischen, die Menschen aufnehmen können.

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Gedenken in Stille

Der Germanwings-Airbus A320 war am Dienstagvormittag auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen abgestürzt. An Bord waren 150 Menschen, darunter 72 Deutsche.

Exakt um 10.53 Uhr gedachten am Donnerstag viele Menschen vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz in aller Stille der 150 Todesopfer. Behörden, Schulen und Unternehmen beteiligten sich an der Schweigeminute, zu der die Regierungen der deutschen Bundesländer aufgerufen hatten. Mancherorts stand auch der Verkehr still.

Genau um 10.53 Uhr war am Dienstag die Funkverbindung zu der Germanwings-Maschine mit der Flugnummer 4U9525 abgebrochen. Bundestagspräsident Norbert Lammert hielt am Morgen beim Gedenken des Parlaments eine Ansprache.

Steiles Gelände behindert Bergung

Am Unfallort ging die Bergung der Leichen weiter. Neben der Bergrettung sind Soldaten und Feuerwehrleute an dem Einsatz beteiligt. «Die Arbeit ist extrem schwierig, das Gelände ist gefährlich. Es ist steil und rutschig», sagte der Chef der Bergrettungskräfte, Olivier Cousin.

Insgesamt waren rund 70 Menschen an der Unglücksstelle. Rund zwölf Ermittler waren unterwegs, um die Spuren zu sichern und die zweite Blackbox zu finden. Etwa sechs weitere suchten nach Leichenteilen.

Lufthansa und Germanwings haben für 14.30 Uhr eine Pressekonferenz am Flughafen Köln/Bonn angekündigt.

(reuters/sda/tno)