Die Faktenlage ist klar: Im August 2008 hatte der damalige Dresdner-Kleinwort Chef Stefan Jentzsch seinen Investmentbankern in London einen Bonustopf von 400 Millionen Euro zugesprochen. Mündlich - wohlgemerkt. Wenige Monate später, nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und daraus resultierenden Finanzkrise, strich die Rechtsnachfolgerin von Dresdner Kleinwort, die Commerzbank, die Bonuszahlungen massiv zusammen.

Dagegen gegen 104 ehemalige Beschäftige vor einem Londoner Gericht vor: Konkret klagen sie die nachträgliche Zahlung von 52 Millionen Euro ein. Der Prozess hat eben erst begonnen und dürfte bis Mitte Februar dauern. Und selbst danach wird damit gerechnet, dass eine Urteilsverkündung nochmals sechs bis zehn Wochen in Anspruch nehmen wird. Trotzdem erregt der Fall in Deutschland aufsehen.

Blessings Einblicke in die Finanzkrise

«Es ist kein Geheimnis, dass ich kein Fan dieses Bonuspools war», sagte Commerzbank-Chef Martin Blessing vor Gericht. Dieses muss klären, ob die mündliche Zusage von Jentzsch verbindlich oder lediglich ein Versprechen war. Blessing begründet die rund 90-prozentige Bonuskürzung mit dem damals durch Dresdner Kleinwort eingefahrenen Verlust von 6 Milliarden Euro. Selbst der Commerzbank-Chef hatte für 2008 auf eine Bonuszahlung verzichtet.

Gemäss deutschen Medienberichten habe Blessing im Zeugenstand darauf hingewiesen, dass die Commerzbank lediglich als «Beobachterin» am Prozess der Bonusvergabe teilnehmen, nicht aber intervenieren wolle, wies ein Anwalt mit heftigen Worten zurück: «Bei allem Respekt, Herr Blessing, aber diese Antwort ist Unsinn», heisst es in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa.

Blessing sagte zudem aus, dass er sich nicht an genaue Details der damaligen Vorgänge erinnern könne. Er wird von dpa mit den Worten zitiert: Es sei «eine sehr heftige Zeit» gewesen. Auf die Karte Moral setzt der Commerzbank-Chef wohl mit den Aussagen, selbst täglich bis zu 18 Stunden gearbeitet und kaum freie Wochenenden gehabt zu haben.

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Abzockerdiskussion neu entflammt

Bereits vor deutschen Gerichten gab es in der Vergangenheit ähnliche Klagen: Erst im Oktober 2011 scheiterte ein gutes Dutzend Investmentbanker vom dem Bundesarbeitsgericht in letzter Instanz.

Besondere Brisanz erhält der Prozess vor dem Hintergrund der Abzockerdiskussion und der Tatsache, dass die Commerzbank nach wie vor mit Finanzierungsproblemen kämpft. «Es zeigt wieder einmal, dass die Zocker aus London den Hals nicht vollkriegen können», kommentierte ein Leser auf «Handelszeitung Online» einen ersten Bericht vom Londoner Justizfall.

(vst)