Was fällt Ihnen beim Stichwort Commerbank ein?
Guido Hoymann*: Die Commerzbank ist eine Bank mit einem gesunden Kern, den es immer gegeben hat.

Nämlich…
… das Mittelstandsgeschäft und ein Grossteil des Privatkundengeschäft. Dieser gesunde Kern ist aber leider verschüttet worden durch unglückliche Zukäufe wie Eurohypo und die Dresdner Bank.

Was muss geschehen: Noch konsequenter der Schlussstrich gezogen werden?
Dringenden Handlungsbedarf sehe ich in der Kernbank – und dazu zähle ich auch das Investment Banking – nicht. Die Probleme bestehen in den Nicht-Kernbereichen, da gibt es keinen Spielraum für radikale Lösungen. Denn radikale Lösungen würden viel Kapital aufzehren, das nicht vorhanden ist.

Sie sind skeptisch und haben die Aktie mit einem Kursziel von 4,90 Euro auf Verkaufen eingestuft. Weshalb?
Das Renditeniveau, auf dem sich die Commerzbank bewegt, ist niedrig – selbst bei einer Normalisierung des Gewinns.

Normalisierung heisst?
Ich unterstelle, dass die Bank pro Jahr zwischen 1 und 1,5 Milliarden Euro netto verdienen kann – das entspricht einem Vorsteuergewinn von 1,5 bis 2 Milliarden, der aber wohl frühestens 2015 erreicht werden kann.

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Sie glauben an den Turnaround…
… ja, das implizieren meine Berechnungen. Aber selbst bei halbwegs optimistischer Annahme zeichnet die derzeitige Bewertung wohl ein realistisches Bild.

Sie sprachen von ungegnügender Rendite…
… weil sich selbst mit meinen Gewinnannahmen eine Eigenkapital-Rendite von lediglich drei bis vier Prozent ergibt. Das ist im Konkurrenzvergleich niedrig. Zu was die Commerzbank nachhaltig – das heisst im Schnitt über alle Konjunkturphasen hinweg – wieder fähig sein wird, muss jeder Aktionär für sich selbst entscheiden. Zur Einordnung: Der höchste jemals erzielte Gewinn lag 2007 bei rund 2 Milliarden Euro. In den vergangenen 13 Jahren musste die Bank aber auch vier Mal Verluste, zum Teil in Milliardenhöhe, ausweisen.

Weitere Gefahren?
Ja. Der Bilanztest der EZB, der im Herbst anstehen wird – dort wird die Asset-Qualität der europäischen Grossbanken unter die Lupe genommen. Ohne Unterstellung oder Schwarzmalerei: Alle Banken, die wie die Commerzbank grosse Abwicklungseinheiten haben, werden vermutlich kritisch beäugt werden. Bei der Commerzbank wurden über 100 Milliarden Euro als Non-Core-Assets deklariert, ein weiterer denkbarer Korrekturbedarf von 2,3 Milliarden Euro im Zusammenhang mit den Abbauplänen kommuniziert. Gut möglich, dass die EZB bereits eine raschere Umsetzung dieser Abschreibungen verlangt.

Der Vorstand soll verkleinert werden. Ist das der richtige Ansatz?
Der Vorstand ist mit neun Personen gross, die Deutsche Bank bringt es im Vergleich auf deren sieben – eine Verkleinerung würde nicht überraschen. Die diskutierten Personalien haben vermutlich nichts mit dem Geschäftsverlauf zu tun, sondern sind strategischer Natur. Ich glaube, dass diese Überlegungen bereits vor einem Jahr begonnen haben.

Die verbleibenden Personen bleiben fest im Sattel?
Ja. Die diskutierten Vorstände gehören nicht zum Kernbankgeschäft – heisst im Umkehrschluss, dass die Kernbank grundsätzlich in Ordnung ist. Natürlich muss beispielsweise im Retail Banking noch nachjustiert werden.

Fest im Sattel gilt auch für Vorstandschef Martin Blessing?
Ein Chefwechsel ist immer möglich, bei jedem Unternehmen – siehe Siemens. Aber ich muss der Commerzbank eine einsetzende Erholung attestieren. Und die stärkt die Position von Blessing. Sollte aber weiterer grosser Abschreibungsbedarf auftauchen oder der Restrukturierungsfortschritt wieder an Fahrt verlieren, dann wird der Aufsichtsrat natürlich – wie bei jedem anderen Unternehmen – die Frage nach der richtigen Besetzung stellen.

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* Guido Hoymann ist Co-Head of Equity Research beim Bankhaus Metzler in Frankfurt.