Commerzbank-Chef Martin Blessing will die stillen Einlagen des Staates und des Versicherers Allianz zurückzahlen und sich das Geld dafür bei seinen Aktionären besorgen. Dabei gehören sie ohnehin schon zu den grössten Verlierern. Der Kurs ihrer Papiere ist in den vergangenen vier Jahren um mehr als 90 Prozent abgestürzt.

Im Sommer 2008, vor der Übernahme der Dresdner Bank und der Pleite der US-Bank Lehman Brothers, kosteten die Titel noch 18 Euro. Mittlerweile liegt der Kurs unter 1,20 Euro.

Und er könnte noch weiter sinken: Analysten gehen davon aus, dass die Commerzbank die neuen Aktien nur mit deutlichem Abschlag platzieren kann. Weil Neuemissionen zu einem Preis von unter einem Euro rechtlich nicht möglich sind, müssen eigens für die Kapitalerhöhung zehn Aktien zu einer verschmolzen werden.

Aktionäre müssen Nachschiessen

Es ist bereits das zweite Mal innerhalb von drei Jahren, dass die Commerzbank ihre Aktionäre um Nachschuss bittet: Bereits 2011 sammelte das Institut elf Milliarden Euro ein, um Teile der Staatshilfen zurückzuzahlen.

Dividenden, die die Anteilseigner wenigstens ein bisschen bei Laune halten könnten, gab es in den vergangenen vier Jahren auch nicht, für 2013 ist erneut nichts zu erwarten. Frühestens für 2014 könnte die Commerzbank wieder Gewinne ausschütten – und auch dann dürften die Beträge bescheiden ausfallen.

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Für den deutschen Steuerzahler ist die Commerzbank ein unerfreuliches Kapitel. 18,2 Milliarden Euro hat der staatliche Bankenrettungsfonds SoFFin in das Kriseninstitut gesteckt. Einen Teil davon wird er wahrscheinlich nie wiedersehen, denn insgesamt 5,1 Milliarden Euro flossen in Aktien.

Keine Zinszahlungen für den Staat

Das ist nicht mehr weit entfernt von den 7,5 Milliarden Euro, die der Dax -Konzern mittlerweile insgesamt an der Börse wert ist. 3,47 Euro zahlte der SoFFin im Schnitt pro Aktie.

Würde der Rettungsfonds zum aktuellen Kurs verkaufen, verlöre der Steuerzahler 3,3 Milliarden Euro. Besser sieht es für den Teil der Staatshilfen aus, der als stille Einlage gewährt wurde: Geht Blessings Plan auf, wird er mehr als 13 Milliarden Euro an den Staat zurückgezahlt haben.

Von den versprochenen Zinsen von neun Prozent pro Jahr hat der Bund zwar nicht viel gesehen – sie wurden nur für 2012 gezahlt, in allen anderen Jahren fielen sie aus, weil die Bank Verluste machte.

Zusammen mit Ausgleichs- und Provisionszahlungen erhielt der Bund aber immerhin 1,4 Milliarden Euro – genug, um seine Finanzierungskosten zu decken. Trotz der drohenden Verluste auf den Aktien-Anteil dürfte der Steuerzahler bei der Commerzbank daher glimpflicher davonkommen als bei anderen Rettungsfällen wie der Hypo Real Estate oder manchen Landesbanken – und allemal billiger als bei einem Zusammenbruch des Instituts mit anschließender Panikwelle.

Besuch vom Staatsanwalt

Georg Funke von der Hypo Real Estate, Werner Schmidt von der Bayern LB und Stefan Ortseifen von der IKB: Sie alle waren Chefs von Instituten, die der Steuerzahler mit Milliardenhilfen vor dem Bankrott retten musste. Zur Strafe flogen sie raus und bekamen obendrein noch Besuch vom Staatsanwalt.

Martin Blessing kam dagegen ungeschoren davon: Er behielt seinen Job, ebenso wie seine Vorstandskollegen und Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller. Zwar wurde das Gehalt der Vorstände für mehrere Jahre gedeckelt, doch mit immerhin noch einer halben Million Euro jährlich ging es ihnen doch deutlich besser als den Tausenden Mitarbeitern, die ihren Job verloren.

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Für 2012 fiel die Beschränkung weg. Die Commerzbank wird rund 1,3 Millionen Euro an ihren Chef überweisen, die anderen acht Vorstände erhalten jeweils 750.000 Euro. Leistungsabhängige Boni kommen noch dazu, nur Blessing verzichtet darauf. Denn er weiss: Der Unmut seiner Mitarbeiter und vieler Steuerzahler würde sonst noch stärker anschwellen.

Aderlass bei der Belegschaft

Die Krise hat die Commerzbank-Belegschaft tief ins Mark getroffen. Langjährige Mitarbeiter mussten gehen. Die Zahl der Angestellten schrumpfte von 62.671 im Jahr 2009 auf heute 53.601.

Der Abbau ergibt sich vor allem aus der Fusion mit der Dresdner Bank. So machte die Commerzbank gleich nach der Übernahme das Investmentbanking der Dresdner dicht, das Milliardenverluste schrieb.

Zudem strich sie Stellen in der Zentrale. Dieses Kapitel ist nun abgeschlossen, doch der Abbau geht wegen des schwachen Geschäfts der Bank weiter. Derzeit ist jeder achte Arbeitsplatz in Gefahr.

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Personalchef Ulrich Sieber will in den nächsten vier Jahren 4000 bis 6000 Vollzeitstellen im In- und Ausland abbauen. Die Pläne sind Teil eines milliardenschweren Sparprogramms, das die Bank im November vorgestellt hat.

Sparen auch im Kerngeschäft

Zugemacht wird die Staats- und Immobilienfinanzierungstochter Eurohypo. Gespart wird aber auch in den Filialen – und damit im Kerngeschäft. Allein dort sollen mindestens 1800 Stellen wegfallen, und wenn das Geschäft nicht endlich anspringt, könnten es noch deutlich mehr werden. Außerdem befürchten Arbeitnehmervertreter Gehaltskürzungen für Teile der Belegschaft.

Während die Berliner Politik derzeit unisono darauf dringt, dass sich zyprische Bankkunden an der Rettung der dortigen Institute beteiligen, blieben die Commerzbank-Sparer verschont: Ihre Einlagen in Höhe von 170 Milliarden Euro rührte die Bundesregierung nicht an.

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Zum Zeitpunkt der Rettung hatte sich die Commerzbank zudem 128 Milliarden Euro von anderen Instituten geliehen, auch sie kamen ohne Verluste davon. Anleger, die ihr Geld in Commerzbank-Schuldverschreibungen und Geldmarktpapiere gesteckt hatten, verloren ebenfalls nichts – dabei ging es um eine Summe von 165 Milliarden Euro.

Nur die Investoren von Commerzbank-Hybridanleihen mussten sich damit abfinden, dass viele von ihnen ihr Geld nicht vollständig zurückbekommen. Die Bank hatte Hybridanleihen in Höhe von drei Milliarden Euro begeben.

Der Artikel erschien am 17. März 2013 in der Ausgabe der deutschen Zeitung «Welt am Sonntag».