Die Ausgangslage ist rasch geschildert: Mehr als 100 ehemalige Investmentbanker der früheren Commerzbank-Tochter Dresdner Kleinwort fordern vom mittlerweile teilverstaatlichten Institut die Zahlung ausstehender Boni in Höhe von 50 Millionen Euro (rund 60 Millionen Franken). Wie die britische Zeitung «The Independet» berichtet, werden am morgigen Montag die Voranhörungen vor dem Londoner High Court beginnen.

«Anwälte beider Seiten wetzen bereits die Messer», kommentierte der deutsche Nachrichtensender «n-tv» die Ausgangslage - und ist der Fall spannungsgeladen. Konkret geht es um ausstehende Bonuszahlungen, die gemäss den Klägern auf Zusagen aus dem August 2008 zurückgehen. Insgesamt hatte Dresdner Kleinwort damals einen Bonustopf von 400 Millionen Euro geschaffen - nicht zuletzt mit der Absicht, auch die klagenden 104 Investmenbanker bei der Stange zu halten.

Bonuskürzung um 90 Prozent

Interessanterweise war diese Bonuszusage just einen Monat vor dem Untergang der US-Investmenbank Lehman Brothers und der dadurch beginnenden Finanzkrise erfolgt. So erstaunt es nicht, dass die Commerzbank als neue Eigentümerin von Dresdner Kleinwort jenen Bonustopf wenige Monate später um satte 90 Prozent gekürzt hatte, da die Investment Bank einen Milliardenverlust eingefahren hatte.

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Bereits 2009 starteten die Investmentbanker ihre juristische Auseinandersetzung mit der Commerzbank - erst jetzt, rund drei Jahre später, ist ein Prozess in Reichweite. Gerechnet wird mit dem Auftakt am Mittwoch. «Die Commerzbank als Rechtsnachfolgerin der Dresdner Bank wird sich gegen die erhobenen Forderungen konsequent verteidigen», heisst es aus Frankfurt. Die Bank geht davon aus, dass es ihr vor Gericht gelingen wird, die Notwendigkeit der Bonuskürzungen im Zuge der Krisensituation zu begründen.

Gretchenfrage: Deutsches oder britisches Recht?

Damals - Ende 2008 - hatte Commerzbank den Schritt mit einer «Material Adverse Change» geltend gemacht, was in der deutschen Rechtssprechung so viel bedeutet wie: Eine wesentliche Verschlechterung der Vermögensverhältnisse erlaubt einen Vertragsausstieg. Konkret musste sich die Commerzbank, die auch heute wieder vor grossen Finanzierungsproblemen steht, mit 6 Milliarden Euro unter die Arme greifen lassen.

Immerhin: 152 der ursprünglichen 375 Millionen Euro seien damals ausbezahlt worden, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Die Kläger hätten 20 Zeugen aufgeboten - unter anderen Stefan Jentzsch, den damaligen Chef von Dresdner Kleinwort, heute bei der Investment-Boutique Perella Weinberg beschäftigt, der die Bonuszahlungen 2008 öffentlich versprochen hatte. Auf Commerzbank-Seite stehen fünf Zeugen bereit - unter ihnen Vorstandschef Martin Blessing.

Wie der «Independent» schreibt, wollen einige Kläger eine Summe in Millionenhöhe einfordern, bei anderen gehe es nur um mehrere tausend Euro. Ein baldiges Prozessende wird nicht erwartet: Vielmehr gehen Beobachter von einer bevorstehenden Schlacht zwischen den besten Wirtschaftsanwälten Londons - konkret die Stewarts Law auf Klägerseite sowie Linklaters für die Commerzbank - aus. «Englisches Vertragsrecht wird seine Gültigkeit behalten», so die Klägerseite.

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In Deutschland waren ähnliche Prozesse unterschiedlich ausgegangen: Während das Top-Management seine garantierten Boni-Ansprüche vor den Arbeitsgerichten durchsetzen konnte, sei ein gutes Dutzend anderer Investmentbanker gemäss Reuters im Oktober 2011 vor dem Bundesarbeitsgericht in letzter Instanz gescheitert.