Statt in der Basler Zentrale treffen wir uns auf dem Land, im Galgenhoger-Quartier in Jegenstorf. Was verschafft uns die Ehre?
Joos Sutter*: Wir sind hier am Hauptsitz von Interdiscount, wo wir derzeit viel investieren. Auf einer Fläche von 23'000 Quadratmetern schaffen wir mit rund 70 Millionen Franken ein neues Logistikzentrum und neue IT-Strukturen und generieren so bis zu 170 zusätzliche Arbeitsplätze.

Was ist das genau, das Projekt Orbit?
Wir optimieren Gebäude und die Logistikprozesse so, dass wir im Digitalbereich fitter werden. Durch dieses Projekt werden wir grössere Sortimente anbieten können und werden noch schneller. Konkret vergrössern wir das Interdiscount-Online-Sortiment ab 2018 von 14 000 auf 26 000 Artikel. Zudem werden wir noch mehr Produkte aus der Unterhaltungselektronik am Bestelltag liefern können.

Als Chef für Logistik-, IT- und Online-Belange für Interdiscount haben Sie Roger Bühler von der Migros-Tochter Digitec abgeworben. Welche Ziele muss er stemmen?
Wir wollen dem Online-Kunden die schnellstmögliche Lieferung bieten. Dies setzt eine Top-Logistik voraus. Mit dem Bau des modernsten Logistikzentrums erarbeiten wir uns Wettbewerbsvorteile. Das Ziel ist klar: Wir wollen online weiterhin das stärkste Wachstum der Schweiz haben und Marktanteile gewinnen.

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Im letzten Jahrzehnt waren Fachmärkte, Tankstellen-Shops und die deutsche Discounter-Invasion die grossen Themen im Detailhandel. Ab 2007 läutete das iPhone die zweite Digitalwelle ein. Und aktuell?
Die Digitalisierung wird uns in jeder Form begleiten. Sei es in der Kombination aus Angeboten, die im Laden und online funktionieren, aber auch mit neuen Dienstleistungen, welche die Digitalisierung bringen wird. Ebenfalls wichtig ist die Transparenz, welche durch die Online-Medien geschaffen wird. Ein ständiges Thema bleibt Convenience, also die Bequemlichkeit für den Kunden in verschiedensten Formen, zum Beispiel der Sofortverzehr in der Filiale, kombiniert mit Angeboten aus der Gastronomie. Ein grösserer Trend, der langfristig wirken wird, ist sicher die In­dividualisierung.

Wie meinen Sie das?
Damit meine ich, dass es uns möglich sein wird, noch genauer auf die Bedürfnisse des einzelnen Kunden einzugehen.

Also wird künftig jeder Kunde gemäss seinem Profil einen anderen Preis bezahlen?
Nein. Aber wir wollen stärker auf die individuellen Bedürfnisse unserer Kunden eingehen können. Die Trends zeigen hier in verschiedene Richtungen: Qualitativ hochstehende Nahrungsmittel, Schnellverzehr, artisanale Herstellungsmethoden, die Rückschluss erlauben auf den Ort und die Art der Produktion. Der Kunde sucht heute kreuz und quer nach seinem ganz persönlichen Angebot. Glutenfreie Lebensmittel, vegetarische und vegane Kost – auch das sind grosse Themen.

Ein Flickenteppich von Trends, die sich teils widersprechen.
Das sehe ich anders, weil für mich der Wunsch des Kunden nach Individualität zuoberst steht. Nach einer langen Zeit der Normierung wünschen Konsumenten heute verstärkt persönliche Auswahlmöglichkeiten. Sie wollen sich abheben können von der Masse.

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Können Kunden künftig ihre persönlichen Produkte selber zusammenstellen, etwa ­einen «Müesli»-Mix online konfigurieren?
Ein gutes Beispiel. Man kann das auch in die Unterhaltungselektronik übertragen. Kunden könnten beispielsweise ein Gerät so zusammenstellen, dass es ihnen punkto Material und Farbe entspricht.

Macht Interdiscount jetzt auf Dell?
Nein, wir bleiben Händler. Aber wir wollen unsere Kunden individueller ansprechen.

Weil Sie individuelle Preise wollen?
Wir hatten bei Coop nie individuelle Preise und wir werden sie auch in der Zukunft nicht haben. Für uns bietet die Individualisierung andere Gelegenheiten. Wenn wir von jungen Familien wissen, dass sie Pampers-Windeln brauchen, dann können wir diese Kundengruppe mit entsprechenden Angeboten gezielt ansprechen. Aber um individualisierte Preise geht es nicht.

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Never say never!
Individuelle Preise sind bei Coop auf absehbare Zeit kein Thema. Zentral ist doch die Frage: Welche Bedürfnisse haben die Kunden? Danach richten wir uns aus. Gesamtschweizerisch gleiche Preise, also eine grundsätzliche Preissicherheit, ist ein wichtiger Wert. Würde man opportunistisch Kaufkraft abschöpfen, würde man diesen Wert gefährden.

Wie bringen Sie sich eigentlich auf den neuesten Stand punkto Trends im Handel?
Bei Lebensmitteln heisst unser Trend-scout Betty Bossi.

Frau Bossi stellen wir uns eher bieder vor – und nicht als Hipster-Girl!
Dann kann ich nur sagen: Sie stellen sich Betty Bossi völlig falsch vor. Sie ist sogar ziemlich hip – der Erfolg gibt ihr recht.

Aber die Coop-Tochter steht doch für ­gelingsichere Rezepte und Geräte wie den «Spätzli»-Blitz. Was weiss man dort über die Trends von morgen?
Das geht viel weiter. Betty Bossi ist bei Coop für das weltweite Food-Trendscouting zuständig. Diese Spezialisten reisen in alle grossen Städte. Wenn irgendwo etwas Neues abgeht, ist Betty Bossi dort.

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Betty Bossi interessiert sich nicht mehr für den perfekten Sonntagsbraten, sondern für den letzten Schrei aus der Veganer-­Szene?
Stellen Sie sich Betty Bossi vor als eine junge, innovative und kreative Trendsetterin, die einen grossen Drang hat, Neues zu sehen und zu erleben. Für unsere Eigenmarken im Food-Bereich spielt Betty Bossi die massgebliche Rolle. Natürlich erhalten wir daneben auch von unseren Mitarbeitenden und Kunden Input, gerade heute Morgen etwa schickte mir ein Kunde ein Handybild von einer veganen Spezialität, die wir seiner Meinung nach aufnehmen sollten. Das ist wertvoll und wir werden es prüfen. Gleichzeitig müssen wir auch aufpassen, dass unser Sortiment nicht explodiert vor lauter Spezialitäten.

Apropos Spezialitäten: Mögen Sie Sirup?
Mag ich sehr.

Ein Dickmacher!
Wirklich? Probieren Sie einmal einen Sirup aus unserer Naturaplan-Linie.

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Gute Idee. Aber wir sprechen von Siroop, dem Online-Marktplatz, den Coop zusammen mit Swisscom lanciert. Was ist das?
Siroop ist eine Online-Plattform, die für alle Marktteilnehmer offen sein wird. So wie im Programm «Miini Region» verschiedene regionale Produzenten ihre Spezialitäten unter eigenem Label bei Coop anbieten können, steht auch Siroop einer breiten Palette von Anbietern offen, nicht nur solchen aus der Coop-Gruppe. Wir starten noch dieses Jahr mit einem regionalen Test, der bestimmt auf das Weihnachtsgeschäft hin aktiv sein wird. Die breite, schweizweite Lancierung erfolgt dann 2016.

Was bringt Ihnen eine Plattform, die auch für Dritte offen ist?
Einen offenen Online-Marktplatz gibt es in der Schweiz heute noch nicht, hier sehen wir grosses Potenzial. Nehmen wir den Vergleich des Einkaufszentrums. In einem Einkaufszentrum ist es immer gut, auch Drittanbieter drin zu haben. Auch im Internet gibt es ganz verschiedene Bedürfnisse, mal sucht man Sortimente in ihrer ganzen Breite, dann wieder ist man ganz gezielt unterwegs. Es wird mit Siroop so sein wie in jedem Einkaufszentrum: Grundsätzlich sorgen die Lebensmittel für die Frequenz, die Besucherströme sind auf diesem Gebiet um den Faktor zehn höher als in den Nonfood-Sortimenten. Und trotzdem braucht man für das Gesamt­angebot verschiedenste Bereiche.

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Siroop ist also ein elektronisches Einkaufszentrum, das offen ist für alle Anbieter. Wirklich alle?
Wenn die Qualität stimmt, dann ja.

Auch für die Migros?
Ich schliesse nie etwas aus. Auch gute Migros-Produkte könnte ich mir auf Siroop.ch vorstellen.
 

* Joos Sutter ist seit 2011 Vorsitzender der Geschäftsleitung Coop. Der Vater von drei Söhnen hat an der Universität St. Gallen (HSG) studiert und ist diplomierter Wirtschaftsprüfer. Das ganze Interview mit dem 51-Jährigen lesen Sie in der neuen «Handelszeitung».