Was haben Sie sich für 2010 vorgenommen?

Hansueli Loosli: Wir haben uns bei Coop drei Ziele gesetzt. Wir wollen die Frische bei Früchten und Gemüse verstärken. Wir wollen serviceorientiert bleiben und zum Beispiel Metzgereien nicht einfach schliessen, sofern dies unter betriebswirtschaftlichen Aspekten möglich ist. Und wir wollen weiterhin attraktive Preise bieten.

Und was ist Ihr persönlicher Vorsatz?

Loosli: Mein Ziel ist es, weiterhin mit Coop gut im Markt zu wachsen.

Mit Rauchen haben Sie bereits aufgehört?

Loosli: Ja, schon vor zwei Jahren.

Sie wollen attraktive Preise bieten. Heisst das: Coop wird 2010 die Preise senken?

Loosli: Das hängt von der Preisentwicklung der Rohstoffe ab. Die Rohstoffpreise liegen zurzeit tief: Milchprodukte, Brot, Fleisch, Früchte und Gemüse sind zwischen 8 und 12% billiger als im Vorjahr zu haben. Wir gehen für 2010 eher von einer anziehenden Nachfrage in verschiedenen Ländern aus, und das könnte verteuernd wirken.

Bedeutet das: Coop wird die Preise erhöhen?

Loosli: Wir kennen die Preisentwicklung der Rohstoffe nicht im Voraus. Aber unsere Preise sind attraktiv genug, und lassen uns zum Beispiel bei Prix Garantie nicht unterbieten. Wir haben bei vergleichbaren Produkten Preisparität mit der Hauptkonkurrenz.

Mit welchem Wachstum rechnen Sie 2010?

Loosli: Coop will 1% wachsen bei stabilen Preisen.

Nur so wenig?

Loosli: Immerhin. Wir sind wahrscheinlich einer der wenigen Detailhändler, die zurzeit überhaupt noch wachsen. Vor einem Jahr lagen die Preise höher. Das müssen wir mit mehr Menge zuerst kompensieren können. Zudem wird die Arbeitslosigkeit wahrscheinlich noch steigen. Das ist Gift für den Konsum. Der private Konsum stützt heute die Binnenwirtschaft stark. Auf der Nonfoodseite wird es härter werden. Das spüren wir bereits seit längerem bei den Möbeln, wo der Markt um 10% eingebrochen ist.

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Und bei Coop?

Loosli: Wir sind mit etwa 5,5% weniger Umsatz beim Möbelverkauf besser als der Markt. Wir rechnen aber erst 2011 wieder mit einem Wachstum.

Wichtig für die Preisbildung sind auch die Lieferanten. Wie sind die Verhandlungen mit Ihren Zulieferern gelaufen?

Loosli: Die grossen Verhandlungen laufen noch. Grosse Einsparungen kann ich noch nicht bestätigen. Die Rohstoffpreise sind gesunken. Die Anpassungen müssen uns die Produzenten im Minimum weitergeben.

2010 wird für Sie zum Entscheidungsjahr. Es ist Ihr letztes Jahr als operativer Chef von Coop. Dann ziehen Sie sich auf das Präsidium zurück. Was wollen Sie noch erreichen?

Loosli: Ich werde erst im Laufe von 2011 zurücktreten. Ich möchte dafür sorgen, dass wir einen guten Nachfolger oder eine gute Nachfolgerin finden. Das Feld ist offen.

Erfreulich, dass auch eine Frau in Frage kommt. Sehr wahrscheinlich wird aber Philipp Wyss, Retailchef von Coop, Ihr Nachfolger. Auch Tradingchef Joos Sutter wird als Kandidat gehandelt.

Loosli: Zu Namen äussere ich mich nicht. Da könnte ich noch viele andere aufzählen. Wir suchen aber intern und extern. Bitte hören Sie auf, Namen aufzuzählen.

In Ordnung. Welche Eigenschaften muss Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin besitzen?

Loosli: Es muss jemand sein, der den Detailhandel kennt, der auf dem Boden steht und der Menschen gerne hat; zudem ist ein Teamplayer gewünscht.

Ihr Nachfolger wird es schwierig haben. Sie verkörpern «Mister Coop» und werden ein starker Präsident sein.

Loosli: Coop ist bestimmt keine One-Man-Show. Jeden Tag werden Tausende von Entscheiden getroffen. Das machen meine Mitarbeiter und nicht ich. Mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin wird einen grossen Spielraum erhalten.

Lieferanten und Mitarbeiter erzählen mir aber, dass sie sich immer an Sie wenden.

Loosli: Ich bin oft erreichbar. Ich bin über vieles informiert und interessiere mich punktuell auch für Details. Der Neue oder die Neue muss das auch mitbringen und ein entsprechendes Feuer muss in ihm oder in ihr brennen.

Sie werden das Geschäftsfeld Beteiligungen im In- und Ausland auch als Präsident weiterhin führen. Weshalb geben Sie dieses Geschäftsfeld nicht an Ihre Nachfolge ab?

Loosli: Der neue Unternehmensleiter oder die neue Unternehmensleiterin sollte sich erst einmal auf das Inland-Geschäft konzentrieren. Das heisst nicht, dass ich die anderen Geschäftsfelder noch zehn Jahre führen werde.

Springen Sie zu Rewe ab?

Loosli: Nein nein. Ich bleibe bei Coop.

2010 werden Cassis de Dijon und Parallel-import realisiert werden. Was bringt das?

Loosli: Parallelimport wird weniger bringen als Cassis de Dijon, weil es für Coop gar nicht genügend Menge gibt, die wir parallel importieren können. Cassis de Dijon wird sicher etwas zum Wachstum beitragen, sofern die Verordnung liberal ausfällt. Die grösste Veränderung würde aber der Agrarfreihandel mit der EU bedeuten.

Inwiefern?

Loosli: Der Agrarfreihandel ist eine Chance für Produzenten und Verarbeiter. Fleisch wird es in Zukunft wahrscheinlich weltweit eher zu wenig geben. Bell könnte mit einer guten Fleischproduktion in der Schweiz deutlich stärker als heute exportieren.

Blicken wir kurz zurück. Welche Bereiche haben vor allem zugelegt?

Loosli: Der Lebensmittelmarkt ist nominell über 2% gewachsen, real bedeutet das über 4% Wachstum. Der Bereich Warenhaus ist stabil. Im Bereich Unterhaltungselektronik ist ein Preiszerfall von gegen 20% bei TV-Apparaten und PC festzustellen. Da können wir uns so viel Mühe geben wie wir wollen, aber die Mehrmengen, die wir verkauft haben, reichen nicht, um den Preiszerfall im Umsatz vollumfänglich zu kompensieren. Elektrohaushalt bei Fust und Interdiscount ist sehr gut unterwegs. Die Preise für Mineralöl sind um durchschnittlich 17% gefallen, aber bei den Shops konnten wir zweistellig zulegen. Bei Christ stellten wir im Weihnachtsgeschäft fest, dass die Leute stärker auf die Preise achten.

Wie viel Marktanteil haben Sie gewonnen?

Loosli: Im Retailbereich per Ende November nach IHA kumuliert knapp 1%; neuere Zahlen liegen nicht vor.

Mit ihren Beteiligungen im Ausland wäre Coop grösser als Migros. Möchten Sie auch im Inland so gross wie Migros werden?

Loosli: Als Nummer zwei treibt uns die Konkurrenz an.

Migros ist dank ihrem Immobilienbesitz auch reicher als Coop. Sie haben Immobilien verkauft.

Loosli: Unser Immobilienbestand ist wertmässig immer noch gleich gross wie früher. Wir haben nur verkauft, was nicht betriebsnotwendig war: Etwa Einfamilienhäuser, Wohnungen und Gewerberäume. Anderseits haben wir in Einkaufszentren investiert. Ergänzend haben wir unser verzinsliches Fremdkapital in den letzten Jahren heruntergefahren. Unsere Eigenkapitalquote beträgt rund 45% und wir gehören damit zu den am besten kapitalisierten Detailhandelsunternehmen in Europa.

Merkt Coop etwas von Aldi und Lidl?

Loosli: Lidl merken wir nicht, er besitzt ja noch wenig Läden. Aber von Aldi profitieren wir sogar. Überall dort, wo Aldi in der Nähe von Coop einen Laden eröffnet, erhalten wir mehr und neue Kunden. Diese Aldi-Kunden kaufen bei uns Fleisch und Markenartikel.

Migros will künftig auch mehr Markenartikel anbieten. Was bedeutet das für Coop?

Loosli: Konkurrenz belebt das Geschäft. Es fragt sich: Was bedeutet das für Denner?

Schwieriger haben Sie es im Ausland mit Ihren Beteiligungen.

Loosli: Das Baltikum hat unter der Finanz- und Wirtschaftskrise stark gelitten. Wir sind aber besser als der Markt, obwohl unser Detailhändler IKI Umsatz verloren hat. Transgourmet in Frankreich und Deutschland hat unter der Kurzarbeit in Betrieben, in denen er die Kantinen beliefert - es wurden weniger Mahlzeiten gekocht - und dem Preiszerfall gelitten. Hingegen läuft Polen weiterhin deutlich besser als im Vorjahr.

Werden Sie im Ausland oder im Inland weiter auf Einkaufstour gehen?

Loosli: Nein. Wir haben ein gutes Portfolio.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Loosli: Ich bin stolz, dass wir es geschafft haben, die 14 regionalen Genossenschaften und Coop Schweiz 2001 zu einer Coop zu fusionieren. Das ist der Grundstein unseres Wachstums. Heute können wir viel schneller Entscheide fällen. Früher konnten nur die reichen Genossenschaften expandieren. In den letzten Jahren ist aber nun die Westschweiz am stärksten gewachsen.

2011 werden Sie auch Swisscom-Präsident. Coop ist aber in einer Partnerschaft mit Orange. Wie passt das zusammen?

Loosli: Coop arbeitet im Bereich Prepaid mit Orange zusammen. Das ist im vernachläs-sigbaren Promillebereich unseres Umsatzes. Sonst arbeiten wir aber auch mit Swisscom in vielen anderen Bereichen zusammen. Da Migros im Prepaidbereich bereits mit Swisscom zusammenspannte, mussten wir damals einen anderen Partner suchen.

Migros hat aber keine Freude, wenn Sie via Swisscom Einblick in ihre Geschäfte haben.

Loosli: Ich werde in den Ausstand treten, wenn es um ein Migros-Geschäft geht.

Blicken wir in die Zukunft: Wie wird die Detailhandelslandschaft aussehen?

Loosli: Sie wird sich nicht massiv ändern. Es wird weiterhin zwei starke Detailhändler geben. Der Discount wird wachsen. Und die Convenience- und Onlinebereiche werden stark zulegen.

Und Coop wird von Rewe übernommen?

Loosli: Das geht nicht. Wir sind eine Genossenschaft und nicht zu kaufen.

Statuten lassen sich ändern.

Loosli:. Das ist für uns kein Thema. Rewe ist für uns - und wir für sie - ein guter Partner. Wir haben in unserer Einkaufsgemeinschaft Coopernic fünf Partner, die auf keinem Markt Konkurrenten sind. Der Lebensmittelmarkt ist lokal.

Aber der Nonfoodmarkt ist global. Hier drängen mehr Anbieter in die Schweiz.

Loosli: Aber alle grossen Anbieter sind schon in der Schweiz. Jetzt ist auch noch Saturn gekommen, aber einige Anbieter haben sich auch wieder zurückgezogen wie etwa Fnac aus der Deutschschweiz oder Darty, welcher die Schweiz verlassen und seine Filialen Dipl. Ing. Fust überlassen hat.

Und wie sehen Sie die Schweiz?

Loosli: Politisch gesehen hat sich die Schweiz in den letzten Jahren nur leicht vorwärtsbewegt. Parallelimporte und Cassis de Dijon wurden beschlossen, aber es ist zu keiner echten Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten gekommen wie etwa in Deutschland. Wir sind dafür stabil und attraktiv als Arbeitsplatz. Bei Coop sind wir auf die Personenfreizügigkeit angewiesen. In gewissen Regionen könnte Coop ohne Ausländer gar nicht überleben. Wir haben Regionen, in denen 32 Nationen zusammenarbeiten - und das ohne Probleme.