Fred Kindle holte es sich wohl im Urlaub auf Mauritius. Hans-Ulrich Meister, Gerüchten zufolge, beim Skifahren im Wallis. Peter Schaub steckte sich ganz klassisch bei einer Sitzung an – ein Teilnehmer wurde kurz darauf positiv getestet, also ahnte Schaub bereits, was kommen könnte.

Corona auf der Chefetage – nach wie vor ein Tabuthema, jedenfalls in der Schweiz. Kein Fall eines amtierenden CEO, der sich infiziert hätte, ist bekannt. Dabei ist es ­angesichts hochfrequenter Dienstreisen, Meetings, Kundenterminen und Abend­anlässen höchst unwahrscheinlich, dass es keinen einzigen Konzernleiter in der Schweiz erwischt haben soll.

Morgan-Stanley-Chef in Selbstquarantäne

Die Amerikaner gehen wie üblich anders um mit diesem Thema – zumal es ja auch die Mitarbeiter betrifft. So wandte sich James Gorman, CEO der Grossbank Morgan Stanley, am 9. April in einem internen Zehn-Minuten-Video an seine 80 000 Angestellten: Er sei mit dem Virus infiziert, zu Hause in Selbstquarantäne, aber die Ärzte hätten ihn bereits vor über einer Woche für geheilt erklärt.

In Interviews schob Gorman später nach, er habe zwar Corona gehabt, aber «ich war nicht hospitalisiert, und meine Lungen waren nicht betroffen». Mit dem relativ leichten Verlauf rechtfertigte der Konzern, dass die Erkrankung nicht der Börsenaufsicht gemeldet wurde, schliesslich sei er in seiner Arbeitsfähigkeit in keiner Weise beeinträchtigt gewesen. Sein Board hatte Gorman frühzeitig informiert.

Nicht alle hatten so viel Glück. Jean-Philippe Ruggieri, CEO des französischen Immobilienkonzerns Nexity, starb in der Nacht auf den 24. April an Covid-19, der gefürchteten Folgekrankheit einer Corona-Infektion, nach zehn Tagen Hospitalisierung in einer Pariser Klinik. Er hinterlässt einen Ehemann und zwei Kinder. Ruggieri war erst 51 Jahre alt.

Unerklärlicher Tod

Stefan Lippe war zwar schon 65, aber eigentlich in einer beneidenswerten Verfassung. Lippe wirkte drei Jahrzehnte beim Rückversicherer Swiss Re, zuletzt von 2009 bis 2012 als Konzernchef. Dann trat er auf eigenen Wunsch und etwas über­raschend zurück, nachdem er erfolgreich die desaströsen Ausflüge der Swiss Re ins Investmentbanking gestoppt und den Konzern zurück zum profitablen Kerngeschäft ­geführt hatte, und verabschiedete sich ­zugleich in den Ruhestand – vermutlich auch, um sich seinen sportlichen Hobbys intensiver widmen zu können.

Denn Lippe galt als höchst fitter Zeitgenosse. Der Deutsche engagierte sich früher als Rettungsschwimmer, hatte fünf Viertausender bestiegen, sein Büro im neunten Stock soll er stets per Treppenhaus betreten und verlassen haben. Ein Mangel an Lungenvolumen dürfte bei Stefan Lippe als Komplikationsgrund also ausfallen, Vorerkrankungen soll es keine gegeben haben. Lippes Umfeld kann sich deshalb seinen Tod nicht recht erklären. Auch ­Stefan Lippe hinterlässt Frau und Kinder.

Anzeige

Hingegen hat es Marco Solari, immerhin schon 75 Jahre alt, nach einem offensichtlich harten Kampf geschafft. Fast drei Wochen lag er im Regionalspital von Locarno, La Carità, davon vier Tage auf der Intensivstation. Auch bei ihm war die Lungenkrankheit Covid-19 ausgebrochen. Doch Solari, bekannt als Präsident des Film­festivals von Locarno, hat das Virus letztlich besiegt. Er berichtete später in einer TV-Sendung darüber.

Hollywoodstars und popularitätsge­triebene Politiker wie Boris Johnson in­formierten ihr Publikum sogar bevorzugt aus Eigeninitiative – gern garniert mit der Aufforderung «safe and healthy» oder auch «hydrated» zu bleiben.

So etwas machen Schweizer Topmanager nicht. Einen möglichen Hinweis auf ungeplante Umstände lieferte allerdings die Abwesenheit zweier Konzernpräsi­denten bei den virtuellen Generalversammlungen in diesem Frühling.

Heftige Lungenentzündung

Peter Schaub ist ein gut gelaunter Rechtsanwalt, Mitgründer der Kanzlei Weber Schaub & Partner im Zürcher Seefeld und zugleich Präsident zweier börsenkotierter Unternehmen: im Immobilienkonzern Mobimo und in der familiendominierten CPH Holding, die in den Bereichen Chemie, Papier und Verpackungen aktiv ist; Schaub repräsentiert dort bereits die siebte Generation der Gründerfamilie.

Mitte März fand die ominöse Sitzung statt, bereits mit je zwei Metern Abstand und ohne Händeschütteln, aber bei mehr als einer Stunde in einem geschlossenen Raum mit Klimaanlage passierte es dann doch. Nach gut einer Woche meldeten sich mit Husten und Kurzatmigkeit die ersten Symptome. Schaub, der in Uster lebt, begab sich ins dortige Spital, «wo ich sehr gut betreut wurde»: Bei ihm war Covid-19 ausgebrochen, eine beidseitige mittelschwere Lungenentzündung hatte sich entwickelt.

Nach einem Kreislauf-Check via EKG bekam er gleich am ersten Tag das Malaria­mittel Chloroquin verabreicht, das dann schnell angeschlagen habe. Nach einer ­Woche Müdigkeit und mehreren gelesenen Büchern im Homeoffice war es ausgestanden, angefühlt hat es sich für ihn «wie eine äus­serst schnell fortschreitende Lungenentzündung». Im Rückblick sagt Schaub, er sei «zwar nicht der ängstliche Typ», aber natürlich sei die Erleichterung gross gewesen, auch in seinem Umfeld – man wusste ja wenig über die Krankheit. Dank seiner Selbstquarantäne steckte Peter Schaub niemanden an, bis auf eine seiner Töchter – die mit einem sehr milden Verlauf davonkam.

Die Leitung der Mobimo-GV, plus eine Boardsitzung, musste Schaub seinem Stellvertreter überlassen, die anderen Verwaltungsräte und den CEO hatte er informiert. Bei CPH standen keine Termine an, aber auch hier informierte er Vize und CEO zügig.

Anzeige

Aus den Skiferien importiert

Der zweite Abwesende war Hans-Ulrich Meister, Präsident beim Baukonzern Implenia. Die Generalversammlung seines Konzerns leitete die Verwaltungsrätin Ines Pöschel. Dem Flurfunk bei Implenia zufolge importierte Meister die Corona-Infektion von seinen Skiferien in Zermatt. Er selbst möchte nicht über das Thema sprechen.

Dasselbe gilt für Dieter Berninghaus, Retail-Chef der Signa Group, die die Globus-Warenhäuser gekauft hat. Ein Vertrauter berichtet, Berninghaus habe es ziemlich heftig erwischt, in der Folge dann auch einige seiner Mit­arbeiter im Zürcher Signa-Büro. Inzwischen seien alle wieder am Start.

Eine weitere Mitgift aus den Bergen bescherte der halben Aargauer Kantonsspitze coronare Erfahrungen – angeführt von Landammann Markus Dieth und Regierungsrat Urs Hofmann, der auch die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizei­direktoren leitet, und Polizeikommandant Michael Leupold, früher Chef des Bundesamtes für Justiz. Zumindest Letzterer wurde mittelbar Opfer von Europas Corona-Distributionszentrale Ischgl – zwei seiner Polizistenkollegen waren in die Skiferien nach Österreich gereist und brachten das Virus mit nach Hause in die Schweiz. Dann zirkulierte es offenbar ungehemmt in den Aargauer Amtsstuben.

Anzeige

Während Leupold sich lediglich als «drei Wochen müde und etwas schlapp» über seinen Krankheitsverlauf äusserte, ging der frühere OSEC-Chef und heutige Berater Daniel Küng im kleinen Kreis tiefer ins Detail. Er berichtete von leichten bis mittelschweren Symptomen wie extremer Schlaffheit und Hustenanfällen, «bei denen man manchmal meint, es zerreisse einem die Lungenflügel». Eindringlich schilderte Küng die Ängste vor einem drohenden Spitalaufenthalt, «wenn man beim Essen nach zwei Gabeln eine Pause machen muss, weil einem die Kraft fehlt». Der 67-Jährige ist glücklicherweise «durch».

Gleich doppelt betroffen war das Board des Bahnbauers Stadler Rail. Friedrich Merz (64), Kühlerfigur der Konservativen in der deutschen CDU und Wirtschafts­anwalt, erzählte Journalisten per Videoschaltung von Halskratzen, Schmerzen an den Ohren und hinter den Augen. Nach acht Covid-Tagen im März sei er mit einem «starken Schnupfen» Richtung Genesung entkommen. «Ich hatte wirklich Glück», sagte Merz, der dies seiner guten «Grundkonstitution» zuschreibt. Das VR-Mandat bei Stadler legte er zwischenzeitlich ab, um sich seiner neuen Hauptaufgabe als Angela Merkels persönlicher Stören-Friedrich zu widmen.

Anzeige

Kein Geruchssinn

Beim zweiten Stadler-Verwaltungsrat, Fred Kindle, früher Konzernchef bei ABB und Sulzer, traten zwei Tage nach der Rückkehr aus den Mauritius-Ferien die ­ersten Symptome auf. Druck auf den Lungenflügeln, erhöhte Temperatur, Husten, Schweissausbrüche – am folgenden Morgen liess sich Kindle im Landesspital Liechtenstein testen; der Bescheid war positiv.

Kindle nahm lediglich eine Panadol, kam ohne ärztliche Hilfe durch die Infektion. Für ihn sei die Belastung etwa mit einer Grippe vergleichbar gewesen, sagt er. ­Allerdings mit bisweilen anderen Symptomen: Zeitweilig verlor er den Geruchssinn, «ich konnte etwa kein Parfum mehr ­riechen», und sein Geschmackssinn war verzerrt – Begleiterscheinungen, über die viele Betroffene gleichlautend berichten.

Nach acht Tagen Lockdown zu Hause ­waren die Symptome ausgestanden, zwei weitere Tage Müdigkeit folgten. Kindles Frau Mireille, mit der er in Mauritius war, hatte sich ebenfalls angesteckt, hatte aber einen etwas anderen Verlauf, unter ­anderem mit heftigen Kopfschmerzen. ­Beruflich hatte Fred Kindle seine Konversationen, auch zur Londoner Beteiligungsgesellschaft Clayton, Dubilier & Rice und zur französischen Schneider Electric, wo er im Board sitzt, schon zuvor auf Calls ohne physischen Kontakt umgestellt.

Durch Transparenz an Sympathie gewonnen

Dass sich aktive CEOs davor scheuen, Bekanntschaften mit Corona öffentlich zu machen, erscheint einerseits nachvollziehbar – viele fürchten, für schwach und verwundbar gehalten zu werden, sehen in ­einem Outing keinen Vorteil, sondern vor allem Risiken.

Doch Mitarbeiter wie Stakeholder schätzen nichts so sehr wie Transparenz, gerade auch im Persönlichen – wie bei Swiss-Life-CEO Patrick Frost, der seine Krebserkrankung öffentlich machte und seitdem an Sympathie und Standing nur gewann. Wirtschaft wird nun mal, und Gott sei Dank, von Menschen gemacht.

Anzeige

Wenn der Chef Krebs hat

Es ist das Horrorszenario jeder Firma: Der Chef hat Krebs. Der Versicherer Swiss Life und der Energiekonzern Alpiq entschieden sich für Transparenz – und brachen damit ein Tabu. Mehr dazu lesen Sie hier.