Heiko Thieme kann sich an den Schwarzen Montag, den 19. Oktober 1987, noch gut erinnern. Der heute 64-jährige Wall-Street-Experte war für die Deutsche-Bank-Tochter in den USA verantwortlich für den Aktienhandel und die Anlagestrategie. Er arbeitete den ganzen Tag durch, überall Papierstapel auf seinem Schreibtisch. Die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen sass er in seinem Büro an der Wall Street und schrieb seinen Börsenbrief – gespickt mit Kaufempfehlungen.

An diesem Montag war der Dow-Jones-Index um 508 Punkte beziehungsweise nahezu 23% auf 1738 Zähler eingebrochen. 500 Mrd Dollar Börsenvermögen waren an nur einem Tag verloren gegangen. Der zweitschlimmste prozentuale Börseneinbruch, den es an einem Tag gab.
Die Angst war riesig. Selbst im Weissen Haus glühten die Drähte. Der New Yorker Börsenchef wollte den Handel schliessen, um weitere Einbrüche zu verhindern. Der amerikanische Zentralbankchef Alan Greenspan gibt heute rückblickend zu: «Ich war schockiert.» Er änderte kurz entschlossen seinen Terminplan und sagte eine Rede am Dienstag in Dallas ab. Die Fed und Greenspan wandten sich damals mit nur einem markanten Satz an die Öffentlichkeit: «In Übereinstimmung mit ihren Pflichten als Zentralbank der Nation versichert die Federal Reserve ihre Bereitschaft, als Liquiditätsquelle zur Unterstützung des Wirtschafts- und Finanzsystems zu dienen.» Greenspan wusste, das Finanzsystem braucht Liquidität, um den Kollaps zu verhindern. Manch ein Experte glaubte gar an den Beginn einer neuen Weltwirtschaftskrise. So wie 1929.

Der kürzeste Crash der Neuzeit

Doch den Marathonläufer Thieme kann so schnell nichts umhauen. Er hatte den Mut, den kürzesten Crash der Neuzeit vorherzusagen, und wurde als der Daueroptimist bekannt. In den Minuten, als Thieme in Deutschland auf dem Bildschirm zu sehen war, drehte die Wall Street wieder nach oben. In New York kamen kurz nach zwölf Uhr, wie aus heiterem Himmel, Kauforders rein.
Die weltweit wichtigste Börse schloss schliesslich bei knapp 1845 Zählern. Das war der grösste Indexsprung, den es je gab. Und keine zwei Jahre später, am 25. August 1989, erklomm der Dow Jones mit 2722 Punkten schon wieder einen neuen Höchststand.
Vergleiche mit dem 87er-Desaster drängten sich auf, als im Sommer die Kurse im Zuge der Subprime-Krise ins Straucheln kamen. Doch heute ist vieles anders als damals. Heiko Thieme macht vor allem zwei Umstände für den damaligen Absturz verantwortlich: Erstens bot der Rentenmarkt eine echte Alternative zur Aktienanlage; 30-jährige Staatstitel rentierten immerhin mit 10%. Portfoliomanager begannen also, von Aktientiteln in die weniger riskanten Rentenpapiere umzuschichten. Darüber hinaus waren die börsennotierten Unternehmen, historisch gesehen, überdurchschnittlich hoch bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis betrug mehr als 20, heute liegt das durchschnittliche KGV bei 16. Die durchschnittliche Dividendenrendite fiel 1987 mit etwa 2% vergleichsweise mager aus.
Zweitens hatte die Finanzwelt ein Derivat geschaffen, um Depots gegen Kurseinbrüche abzusichern. Diese sogenannte Portfolio Insurance löste eine unkontrollierbare, computergestützte Verkaufswelle aus. Die Modelle, auf die die Anleger 1987 vertrauten, wirken aus heutiger Sicht erstaunlich suspekt: Investoren sollten sich vor Verlusten schützen, indem sie im Futures-Markt verkauften, wenn der Kurs ihrer Aktien einen Grenzwert unterschritt. Die Computermodelle zogen jedoch nicht in Betracht, was passieren würde, wenn alle gleichzeitig diesen Rat befolgten. Aus dem Verkaufsdruck entstand der Crash 1987.

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Modelle hatten versagt

«Die Modelle haben 1987 versagt», glaubt William Hackney, Managing Partner von Atlanta Capital. Er war damals überrascht von den Aktiengewinnen, die Anfang 1987 trotz steigender Zinsen und Inflation zu verzeichnen waren, und erkannte erst spät, dass die Anleger sich so leichtsinnig verhielten, da sie auf ihre Portfolioversicherung vertrauten. Dieses Vertrauen führte zur kreditfinanzierten Aktienspekulation in grossem Stil.
Als Computer den Markt drehten, mussten die kurzfristigen Kredite abgewickelt werden, dazu mussten die Aktien verkauft werden, daraus entstand die Abwärtsspirale. Zwar zog auch in diesem Sommer eine Herde von Hedgefonds-Computern den Markt aus der Bahn – aber dies war kein Vergleich mit 1987.

Lehren für Privatanleger? Der Optimist Heike Thieme sollte Recht behalten. Trotz der Kurseinbrüche in den Jahren 1929 oder 1987 zeigt die mehr als 100-jährige Geschichte des Dow Jones: Der Leitindex der 30 grössten US-Gesellschaften erreicht immer neue Höchststände. Thiemes Rat vor dem Hintergrund seiner langjährigen Börsenerfahrung an der New Yorker Börse: So früh wie möglich damit beginnen, in Aktien zu investieren. «Die Aktie ist langfristig gesehen die risikoloseste Anlageform, die es überhaupt gibt, weil der Sparer am künftigen Wachstum einer Nation teilhaben kann.»