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Herausforderung
Credit Suisse: Die Baustellen von Tidjane Thiam

Brady Dougan tritt als Chef der Credit Suisse ab. Doch die Probleme bei der Grossbank bleiben. Nachfolger Tidjane Thiam muss sich sieben grossen Herausforderungen stellen.

Von Dominic Benz
am 10.03.2015

Es ist der Paukenschlag der Woche. Brady Dougan, Chef der Credit Suisse, tritt überraschend zurück. Das bestätigte die Grossbank heute Dienstagmorgen. Auch den Nachfolger hat das Institut schon bestimmt. Neuer Lenker wird der in der Elfenbeinküste geborene Tidjane Thiam, Chef des britischen Versicherers Prudential

Auf Thiam warten grosse Herausforderungen. Die zweitgrösste Bank steht inmitten grosser Turbulenzen. Der bisherige Chef Dougan hat das Geldhaus zwar erfolgreich durch die Finanzkrise manövriert – im Gegensatz zum Wettbewerber UBS war man nicht auf Staatshilfe angewiesen. Doch die Baustellen sind unübersehbar. Sprich: Auf den neuen Credit-Suisse-Chef Thiam wartet ein grosser Brocken Arbeit.

1. Starker Franken

Nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Euro-Mindestkurs Mitte Januar aufgegeben hat, kämpfen die hiesigen Geldhäuser mit der Aufwertung des Frankens. Die Vermögensverwaltung, das Kerngeschäft der Credit Suisse, wird allein durch den Umrechnungseffekt auf einen Schlag über 10 Prozent weniger rentabel. «Die Frankenstärke belastet die ganze Branche», sagte jüngst Roger Degen, Analyst bei Julius Bär. Aber nur die Credit Suisse habe sich vom Schock kaum erholen können.

Schliesslich verwaltet die Bank für ihre weltweiten Kunden grösstenteils Vermögen in Euro und US-Dollar und wird in aller Regel auch in diesen Währungen bezahlt. Ein Grossteil der Kosten aber fällt in der Schweiz an und damit in Franken an. Hinzu kommen die von der SNB auferlegten Negativzinsen für Bankeneinlagen.

Die Entscheide der hiesigen Währungshüter wiegen schwer. Daher muss die Credit Suisse ihre Kosten senken. Mit «umfassenden Massnahmen» will die Bank die Auswirkungen des veränderten Währungs- und Zinsumfelds bis 2017 mehr als wettmachen, teilte die Bank bei der Präsentation der letzten Geschäftszahlen im Februar mit.

Sie kündigte daher zum bereits bestehenden Sparprogramm nochmals Einschnitte von 200 Millionen Franken an. Dabei sollen auch Arbeitsplätze ins Ausland, etwa nach Polen, verlagert werden. Stellen in der Schweiz stehen auf dem Prüfstand – das sorgt bei den Mitarbeitern für Unmut.

2. Eigenkapitalisierung

Ein grosser Knackpunkt ist nach wie vor die Eigenkapitalquote. Die Credit Suisse ist schwächer kapitalisiert als viele andere europäische Konkurrenten. Im Fokus steht das Verhältnis des Kapitals zur Bilanz, der sogenannten Leverage Ratio. Die Bank wies für Ende 2014 knapp 2,5 Prozent aus.Doch die Vorschriften der Regulatoren verschärfen sich zunehmend. International zeichnet sich ab 2018 eine Standard-Quote von 3 Prozent ab. Brady Dougan wollte diese Marke schon Ende 2015 erreichen.

Experten rechnen zudem damit, dass auch die Schweiz die Eigenkapital-Vorschriften im laufenden Jahr verschärft und höhere Kapitalpuffer vorschreibt. «Wir erwarten, dass die Kernkapitalquote für die Schweiz in den kommenden Wochen oder Monaten auf 3,5 Prozent gehoben wird», sagte jüngst Andreas Brun, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Hier muss Thiam ebenfalls ansetzen.

3. Straffung der Bilanz

Um die anvisierte Kapitalquote zu erreichen, wollte Dougan die Bilanz kräftig reduzieren. Ende 2014 hielt die Credit Suisse knapp 1200 Milliarden Franken in den Büchern. Ende des laufenden Jahres sollen gut ein Fünftel oder 250 Milliarden Franken verschwinden. Wie das Dougan genau machen wollte, ist unklar.

Die Bank wird wohl oder übel dazu gezwungen sein, wichtige Geschäfte zu veräussern. Das birgt weitere Risiken: Mit Verkäufen drohen weitere Gewinne wegfallen, die dem Eigenkapital zugute gekommen wären.

4. Aktionäre bei der Stange halten

Das dünne Eis, auf dem sich die Credit Suisse bewegt, spiegelt sich im Aktienkurs. Die Investoren haben allerdings wenig Geduld. Zweifel oder Enttäuschungen belasten den Kurs umgehend – so wie im Januar, als der Titel einen Kurseinbruch um 22 Prozent erlitt. Schuld war das Ende des Mindestkurses – gepaart mit den Befürchtungen von Investoren, die Bilanz der Bank sei nicht stark genug und den Zweifeln an Brady Dougans Plänen mit der Investmentbank.

Seit Mitte Februar hat sich der Kurs aber wieder kräftig erholt. Haupttreiber war die angekündigte Ausschüttung an die Aktionäre. Brady Dougan selber sieht die Bank als «stetigen» Dividendenzahler. «Wir haben immer gesagt, dass wir ungefähr die Hälfte unseres Gewinns ausschütten, sofern das harte Kernkapital 10 Prozent und die Leverage Ratio 3 Prozent beträgt», sagte er nach den jüngsten Geschäftszahlen.

Doch was passiert, wenn die Kapitalquote fällt und die Dividende trotzdem gekürzt werden muss? Es wird also die auch Aufgabe von Tidjane Thiam sein, die Anleger bei der Stange zu halten.

5. Rechtsstreitigkeiten

Wie andere Banken hat die Credit Suisse mit einigen Rechtsstreitigkeiten zu kämpfen. Zwar ist das Risiko hier kleiner wie etwa bei der Lokalkonkurrentin UBS. Dougan betonte zuletzt, dass die Bank nicht in die grossen Fälle wie etwa dem Libor- oder Devisenskandal verwickelt sei.

Dennoch steht mit der Affäre um den Verkauf von verbrieften Immobilienpapieren ein Urteil aus. Grundsätzlich werde der Credit Suisse niedrige Rechtsrisiken attestiert, sagt ZKB-Analyst Andreas Brun. «Eine negative Überraschung schliessen wir aber nicht aus.» Erst vor einigen Tagen musste die Bank ihre Rückstellungen wegen der Rechtsprobleme nochmals um 277 Millionen Franken erhöhen.

6. Abflüsse bei der Vermögensverwaltung

Ein grosses Sorgenkind ist die Vermögensverwaltung. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Credit Suisse hier einen deutlichen Gewinnrückgang. «Wir erwarten, dass 2015 weiterhin insgesamt rund 10 Milliarden Franken europäische Vermögen abfliessen werden», sagte Brady Dougan. Kompensieren will die Bank diese Abflüsse etwa mit den Vermögenszuflüssen aus Osteuropa oder Asien sowie anderen aufstrebenden Märkten.

7. Risiken in der Investmentbank

Im Investmentbanking schlummern hohe Risiken. Daher stutzte Dougan das riskante Geschäft immer weiter zurecht. Auch um absehbare schärfere Vorschriften der Regulatioren vorweg zu nehmen. Bei diesem Unterfangen reagiert die Credit Suisse deutlich entschlossener als die UBS auf die Herausforderungen für 2015.

Den Aktionären ist das recht: Schon lange verlangen viele von ihnen die Verkleinerung der Sparte. Auch die Forderung nach einer Abtrennung der Investmentbank ist immer wieder zu hören. Hier wird Thiam ebenfalls schmerzhafte Entscheidungen treffen müssen.

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