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Comeback
Credit Suisse – zum Erfolg verdammt

Tidjane Thiam: Immer mehr Analysten sehen die Aktie der Credit Suisse als Kauf.

Konzernchef Tidjane Thiam und VR-Präsident Urs Rohner sind auf Gedeih und Verderb verbunden. Immerhin: Die Chancen für ein Comeback der Credit Suisse steigen.

Von Stefan Barmettler
am 22.11.2017

Tidjane Thiam ist vergrätzt. Er weiss: Es ginge besser, viel besser. Doch sein FC Arsenal kommt einfach nicht vom Fleck; der Club kickt in der Premier League im Mittelfeld, ganze elf Punkte hinter Leader Manchester City. Thiams drei reservierte Sitzplätze im Arsenal-Stadion bleiben derzeit meistens unbesetzt. Den Kick mag er sich derzeit nicht antun.

Statt in der Londoner City ist er in Basel, Bern, Genf und Luzern unterwegs. Hier ein Town Hall Meeting mit der Belegschaft, dort ein Apéro, da ein Floor Talk. Der Manager, der lange als entrückt galt, findet plötzlich Spass am Austausch in der Schweizer Provinz. «Thiam war in den letzten fünf Wochen mehr in den Regionen als sein Vorgänger in fünf Jahren», sagt ein CS-Kader.

Die neue Lust von Tidjane Thiam liegt in den Zahlen. Diese sind fast durchs Band ansprechend – weniger Risiken und weniger Kosten, mehr Assets und mehr Rendite. Aktuell halten 19 Bankanalysten die Aktie für einen Kauf, zwei raten zum Verkauf. Vor zwei Jahren wars noch anders: Da empfahlen zwölf Experten zum Buy, sechs zum Sell. Vontobel-Analyst -Andreas Venditti sagt: «Die Richtung stimmt.» Auch der grösste CS-Aktionär, Harris Associates, setzt auf Thiam und seine Truppe. David Herro, bei Harris für internationale Investments zuständig, spricht von einem «guten Management» und «dem richtigen Restrukturierungsplan». Thiam ist offenbar wieder eine Wette wert.

Börsengang abgesagt

Das war nicht immer so. Bei Jobantritt hatte er noch keck verkündet, er wolle die Nummer eins im Schweizer Banking werden. Dies wurde ihm freilich nicht als Laune eines ambitionierten Sportmanns ausgelegt, sondern als Geschwätz eines Versicherungsmanagers, der sich ins Swiss Banking verirrt hat. Zwei Jahre lang wurde seine Arbeit angezweifelt, seine Strategie entweder als unausgegoren oder zu komplex abgetan. Als er diesen Frühling den Börsengang der Schweizer Bank wieder abblies, erntete er Spott.

Thiam – der Unverstandene. Manchmal schien es ihm so, als wäre er selbst für den Einbruch beim Ölpreis und fürs kalte Zürich-Wetter verantwortlich. Am härtesten traf ihn der Vorwurf, er würde die 161-jährige Grossbank sehenden Auges an die Wand fahren.

Alle Divisionen der Credit Suisse sind auf Kurs

Nun aber spürt Thiam Rückenwind. Viermal hintereinander hat die Bank ansprechende Zahlen abgeliefert. Das Fachmagazin «Euromoney» hat die Bank gleich mit drei «Awards for Excellence 2017» ausgezeichnet. Die Deutsche Bank kürte die CS diese Woche zum «Top Pick». Endlich, glaubt man in der CS-Chefetage, hätten zumindest die Analysten begriffen, dass die Strategie greift. Am Investor Day vom 30. November kann der CS-Chef weitere Überzeugungsarbeit leisten. Sein Trumpf: Alle Divisionen sind auf Kurs, speziell die Internationale Vermögensverwaltung und die Schweizer Universalbank, die zum siebten Quartal in Folge mehr Wachstum ausweist.

Ob Thiam den Turnaround – wie angekündigt – bis 2018 sauber hinkriegt, ist allerdings offen. Viel hängt vom Florieren der globalen Märkte ab. Klar ist auch, dass der Aktienkurs die Zuversicht von CEO Thiam und VR-Präsident Urs Rohner nicht reflektiert. Das muss sich spätestens nächstes Jahr ändern, sonst hat Rohner als Erster ein Problem.

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Aktienkurs-UBS-Credit-Suisse-Indexiert
Branchenleader UBS ist derweil der CS um Längen voraus. Konzernchef Sergio Ermotti hat die Bank bereits 2011 neu ausgerichtet und die gehobene Vermögensverwaltung zum Kerngeschäft erkoren. Seither stampft der Luxusliner auf Kurs – bei doppelt so hoher Kapitalrendite wie die CS.
Ironie der Geschichte: Während die UBS in der Finanzkrise fast unterging, kam die CS ohne grösseren Blechschaden über die Runde. Doch sie verpasste die Chance auf einen radikalen Neustart.
 
VR-Präsident Rohner setzte zwar im Sommer 2012 zum Sprung nach vorne an. Er war seit einem Jahr im Amt und drängte intern auf einen Totalumbau: Mehr Vermögensverwaltung, weniger Investment Banking. Dazu liebäugelte er mit einer separaten Schweiz-Bank, einem Asien-Fokus und einer Legacy Bank zum Abwickeln toxischer Altlasten. Weniger Risiko und weniger Volatilität peilte er an. Den Handlungsbedarf stufte er im Geheimpapier als dringend ein. Es hätte auch das Ende der Ära Brady Dougan besiegelt.
 

Umdenken vertagt

Dringlichkeit galt offenkundig nicht für die Mehrheit im Verwaltungsrat. Im Herbst verschwand der Plan Rohners nämlich wieder in der Schublade. Die Vermutung liegt nahe: Im Verwaltungsrat stand den alten Schlachtrössern Walter Kielholz und Peter Brabeck der Geist nicht nach Revolution; sie setzten stattdessen weiter auf Konzernchef Brady Dougan und sein American Banking.
 
Neben der alten Garde hielt auch Dougan nichts von Rohners künftiger Kapitalallokation, die sein geliebtes Investment Banking radikal zurechtstutzen wollte. Ohnehin war die Zeit nicht optimal für eine Eskalation: Die CS steckte in heissen Verhandlungen mit der US-Justiz über eine Milliardenbusse und die Nationalbank pochte auf mehr Eigenkapital. Erst zwei Jahre später – im Herbst 2014 – kam es zum reinigenden Gewitter. Was die Ablösung an der Spitze diesmal einfacher machte: Die Dougan-Promotoren Kielholz und Brabeck hatten den Verwaltungsrat im Frühjahr verlassen. Während Dougan nun ein ehrenvoller Rückzug angeboten wurde, war Thiam als Nachfolger längst gesetzt.
 

Neue Kunden in Fernost

Thiam startete im Sommer 2015, im Herbst präsentierte er seinen Plan. Er setzte – im Gegensatz zum Rohner-Papier – noch stärker auf neues Personal, auf Asien und auf Effizienz. Dass in Fernost neue Kundengelder zu holen sind, hatte er bereits beim früheren Arbeitgeber, beim Versicherungskonzern Prudential, erkannt. Und dass er ein Effizienzfanatiker ist, ist seit seiner Mc-Kinsey-Zeit bekannt. Manuelle Prozesse ablösen und die Zeit stattdessen für Verkaufsaktivitäten zu nutzen, ist sein Mantra. Im Private and Wealth Management in der Schweiz-Einheit hat er locker eine Hierarchie gekappt – und die Kundennähe erst noch erhöht.
 
Das Onboarding von Neukunden darf in Thiams Welt nicht mehr Tage dauern, sondern bestenfalls noch Stunden. Bis Ende 2018 sollen die Gesamtkosten des Konzerns bei 16,5 Milliarden liegen – 5 Milliarden tiefer als bei seinem Stellenantritt. Dass bei der Bank ohne Rücksicht auf Verluste gespart wird, bezweifelt intern mittlerweile keiner mehr. «You never miss a cost target», bläute der Chef der Belegschaft letzte Woche in Basel ein. Es war ein Befehl.
Analysteneinschaetzungen-Credit-Suisse