Auch wenn Credit Suisse-Präsident Urs Rohner bei der Vorstellung von Tidjane Thiam nichts davon wissen wollte: Anleger setzen mit dem Wechsel des Afrikaners auf den Chefsessel der zweitgrössten Schweizer Bank auch auf einen Kurswechsel. Der neue Mann an der Spitze soll das riskante Investmentbanking zurückfahren und der stabileren Vermögensverwaltung einen Schub geben.

Wenn das so kommt, und viel spricht dafür, könnte sich Thiam, der im Juni vom britischen Versicherer Prudential in die Schweiz kommt, bald in der Rolle eines Jobkillers wiederfinden. «Wir gehen davon aus, dass der Wechsel an der Spitze die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, dass das Investmentbanking neu aufgestellt wird», erklärte Kian Abouhossein, Analyst bei der US-Bank JP Morgan. Er rechnet damit, dass bei Credit Suisse 15 Prozent der 19'400 Stellen im Investmentbanking wegfallen könnten - knapp 3000 Jobs.

Kein Wechsel über Nacht

Das in aller Welt aktive Institut mit Sitz am Zürcher Paradeplatz beschäftigte noch vor ein paar Jahren mehr als 20'000 Menschen im Wertpapierhandel sowie in der Beratung von Kunden bei Fusionen und Übernahmen. Der dann folgende Abbau kam im Vergleich zum Rest der Branche zögerlich. Der lokale Rivale UBS trennte sich in den vergangenen drei Jahren von 13 Prozent seiner Kapitalmarktspezialisten.

Übers Knie brechen dürfte der erfahrene Versicherungsmanager Thiam aber wohl nichts. «Strategiewechsel geschehen nicht über Nacht», weiss Vontobel-Analyst Andreas Venditti. Das dürfte auch für die Credit Suisse gelten. Und um die teure Investmentbank zurückzustutzen und parallel das Wealth Management durch Übernahmen hochzufahren, fehle der Bank schlicht das Kapital. Die Credit Suisse kommt auf eine Kernkapitalquote von knapp über zehn Prozent - nicht eben üppig. Das Institut muss ausserdem ähnlich wie die Deutsche Bank seine Verschuldungsquote (Leverage Ratio) verbessern.

Hohe Erwartungen und Widerstände

Nach Vendittis Ansicht ist aber nicht ausgeschlossen, dass die Aktionäre des Geldhauses bei einer Kapitalerhöhung mitmachen würden, wenn Thiam damit eine Übernahme in einem Schwellenland finanzieren würde. Das würde vor allem für Asien gelten, wo der neue Spitzenman viel Erfahrung gesammelt hat. Dort wächst die Zahl der Reichen und Superreichen schneller als anderswo auf der Welt - potenzielle Kunden für die Schweizer Vermögensverwalter und damit auch für Credit Suisse.

«Die Erwartungen an den kommenden Chef sind hoch», sagt Safra Sarasin-Analyst Rainer Skierka. Doch vor dem Jahreswechsel 2015/16 wird er den grossen strategischen Wurf kaum wagen. Zum einen muss Banken-Newcomer Thiam sich erst einarbeiten, auch wenn er vor Jahren als Unternehmensberater, wie er selber sagt, einige Banken umgekrempelt hat. Hinzu kommt, dass er auf den Widerstand seiner neuen Mitarbeiter im Investmentbanking treffen dürfte, wenn er allzu forsch die Axt anlegt. Der «Widerstand aus der Organisation könnte beträchtlich sein», heisst es in einer Studie der UBS.

Vorschusslorbeeren an der Börse

Die Unkenrufe fingen bereits an. Thiam sei zwar gut, sagt ein hochrangiger Investmentbanker, der nicht namentlich genannt werden möchte. «Aber die Credit Suisse ist komplex und global. Prudential ist keines von beiden.» An der Börse bekam Thiam indes viele Vorschusslorbeeren: Der Kurs der Aktie legte rund zehn Prozent zu.

Bis die konkreten Absichten des neuen Chefs bekannt sind bleiben Analysten gleichwohl vorsichtig. Sowohl Vontobel als auch Safra Sarasin können sich noch nicht zu einer Kaufempfehlung für die Credit-Suisse-Aktie durchringen. Sie bleiben vorerst beim Rating «Neutral».

(reuters/tno/moh/ama)

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