«Handelszeitung Online»: Herr Portmann: Würden Sie sich selbst als Provokateur bezeichnen?
Georg Portmann: Nein. Wie kommen Sie darauf?

Die CSS hat die Meinungsverschiedenheiten mit dem Krankenkassenverband Santésuisse doch eskalieren lassen. 
Wir haben nichts eskalieren lassen. Wir haben unsere Unzufriedenheit mit gewissen Aspekten an einer ordentlichen Verwaltungsratssitzung zum Ausdruck gebracht und treffen uns nun zu einem Gespräch. 

Diese Aussage erstaunt. Immerhin drohen Sie offen mit dem Austritt aus dem Verband. Warum sind Sie mit Santésuisse unzufrieden? 

Darüber gebe ich öffentlich keine Auskunft. Wie gesagt; wir werden in den nächsten Wochen mit der Leitung von Santésuisse Gespräche führen. Wir sind zuversichtlich, dass wir Lösungen finden werden.

Und wenn Sie zu keiner befriedigenden Lösung kommen, tritt der grösste Krankenversicherer aus dem Verband aus. Haben Sie bereits eine Alternative zu Santésuisse?
Wie schon erwähnt, ich provoziere nicht - und beteilige mich nicht an Spekulationen. 

Berichten zufolge fühlt sich die CSS im Vergleich zu Konkurrentin Groupe Mutuel innerhalb des Verbandes nicht angemessen gehört und benachteiligt. Patienten und Prämienzahler müssen sich in diesem Zusammenhang aber fragen; warum kümmern sich die Krankenkassen lediglich um ihre eigenen Interessen, anstatt die Bedürfnisse der Kunden in den Mittelpunkt zu rücken?
Dieser Eindruck ist falsch. Wir beurteilen alle politischen Vorlagen danach, ob sie für unsere Versicherten einen Mehrwert bieten, Mehrwert in Bezug auf Qualität, Kostendämpfung und Wahlfreiheit. Bei unseren Positionsbezügen geht es nicht darum, gegen jemanden zu sein, sondern für jemanden - für unsere Kunden. 

Nichtsdestotrotz haben sich sich in den Wahlkampf um die Spitalfinanzierung im Kanton Zürich eingeschaltet. Ist es wirklich die Aufgabe der Krankenkassen, den politischen Meinungsbildungsprozess zu beeinflussen?

Bei der Abstimmung in Zürich ging es um zusätzliche Belastungen für die Zusatzversicherten. Darüber haben wir unsere Zusatzversicherten informiert. Nicht mehr und nicht weniger. Unsere Aufhabe ist es, unsere Kunden zu laufenden politischen Geschäften und die Folgen für ihre Prämien zu informieren. 

Eine Gewerkschaft sieht das anders und hat Anzeige gegen die CSS eingereicht. Wie geht es da weiter?

Ich sehe dieser Anzeige sehr gelassen entgegen.

Anzeige

Die CSS befürwortete auch die Managed Care Vorlage. Wie frustriert sind Sie darüber, dass diese Revision an der Urne Schiffbruch erlitten hat
Wir bedauern, dass die Vorlage abgelehnt wurde. Wir werden uns aber weiterhin für die Förderung von Managed Care einsetzen und mit innovativen Ärzten gemeinsame Netzwerke weiterentwickeln. Auf das neue Jahr hin bauen wir unser Angebot weiter aus: Den Versicherten werden noch mehr Gruppenpraxen und Arztnetzwerke zur Verfügung stehen. 

Was versprechen Sie sich davon?

Dadurch kann die Qualität erhöht und die Kostensteigerung gedämpft werden. Andererseits entspricht es einem Kundenbedürfnis. Fast die Hälfte der CSS-Versicherten sind in einem Managed-Care-Modell versichert. 

Sie setzen also nach wie vor auf die Managed Care, obwohl das Volk diese Idee nicht goutiert. Wie soll es jetzt aber weitergehen - lässt sich die Einheitskrankenkasse noch verhindern?
Schauen Sie sich einmal um nach Europa - also in Länder, die staatliche Krankenversicherungssystem haben. Die Muster sind alle dieselben. Staatsmedizin bedeutet lange Wartezeiten, Rationierung, Schulden und Verlust der Wahlfreiheit. Und wo sparen die umliegenden Staaten? Beim Gesundheitswesen. Zudem: Möchten Sie, dass in Zukunft ein staatlicher Kreisarzt entscheidet, zu welchem Arzt Sie gehen dürfen? Möchten Sie, dass Sie in Zukunft den Versicherer nicht mehr frei wählen können, wenn Sie mit dem Service nicht mehr zufrieden sind?

Wäre die Einheitskasse wirklich so schlimm? Die Kosten würden doch auf diese Weise sinken und somit auch die Prämien für die Versicherten. 
Dass die Kosten sinken würden, ist absoluter Humbug. Die Initiativen haben ja selber gesagt, dass die Leistungskosten wohl genau gleich steigen würden. Und die Verwaltungskosten sind in unserem System nicht das Problem. Die Krankenversicherer haben einen Verwaltungskostensatz von fünf Prozent - ein staatlicher Moloch wäre massiv teurer. 

Anzeige

Kostentreibend sind auf jeden Fall die zu hohen Medikamentenpreise. Würden Sie die Einführung von Parallelimporten befürworten?
Ja.

Warum?

Meines Erachtens gibt es keine stichhaltigen Argumente, warum ausgerechnet für Arzneimitteln nur die nationale Erschöpfung gelten soll. Gerade bei den Medikamenten sind die Preisunterschiede zum Ausland zum Teil beträchtlich - ohne entsprechenden Mehrnutzen für Schweizer Patientinnen und Patienten. 

Wie stehen Sie zum Vorschlag von SVP-Präsident Toni Brunner, das Kassen-Obligatorium abzuschaffen?
Es ist verständlich, dass nach der Niederlage der Managed Care Vorlage diverse Vorstösse lanciert werden. Ich beurteile den Vorschlag der SVP politisch nicht als realistisch. Die CSS bekennt sich zum sozialen Versicherungssystem. Die Finanzierung über Kopfprämien, verbunden mit individuellen Prämienverbilligungen, die den wirtschaftlichen Verhältnissen Rechnung tragen, entspricht der Unternehmensphilosophie und der sozialen Grundhaltung der CSS. 

Nach der Niederlage von Managed Care stehen alle vor einem Scherbenhaufen. Wie wirkt sich das auf die Prämienrunde 2013 aus?

Wenn ich mir die Kostenentwicklung bei der CSS anschaue, wird die Prämienerhöhung minimal ausfallen. Allgemein können sich die Versicherten auf einen entspannten Prämienherbst einstellen. 

Wann kommt der Organspendeausweis auf der Versichertenkarte?
Es ist wichtig, dass Lösungen gesucht werden, um die Spenderbereitschaft der Schweizer Bevölkerung zu erhöhen. Möglich wäre, dass die Krankenkassen ihre Versicherten nach deren Bereitschaft zur Organspende befragen und dies auf der Versichertenkarte vermerkt ist. Bevor aber eine solche Lösung eingeführt werden kann, müssen noch einige Gespräche geführt werden. 

Anzeige