Am SFS-Hauptsitz in Heerbrugg ist ein neues Logistikzeitalter angebrochen. Unter dem Motto von Ferdinand Porsche «In der Einfachheit liegt die Genialität» machten sich ein Team der Intellion AG und der SFS Unimarket AG Engineering daran, ein System zu entwickeln, das durchaus als Weltneuheit bezeichnet werden darf. Michael Leitner, Leiter Entwicklung bei SFS Unimarket AG ? einer der vier Geschäftsbereiche des SFS-Kon-zerns ?, vergleicht Turn-Log, so das jüngste «Kind» des Entwicklungsteams, mit einem Kühlschrank, der sich selber füllt.

SFS Unimarket versorgt die Maschinen-, Kunststoff- und Elektroindustrie, Handwerker und Bauzulieferer unter anderem mit C-Teilen. Es sind dies Elemente, die zwar nicht die zentralen Bausteine ? diese sind A- und B-Teile ? eines Produktes sind, aber ohne sie könnte es nicht hergestellt werden. Aktuelles Beispiel: Ohne die 230000 SFS-Schrauben aus rostfreiem Stahl und dem Objektberater von SFS Unimarket hätte das 22000 m2 grosse Stadiondach im Letzigrund in Zürich nicht innert Saisonbestzeit montiert werden können.

Verschiedene Systeme

Bislang sind zwei Systeme ? je nach Kundenbedarf und Einsatzspektrum ? für die Nachlieferung von C-Teilen im Einsatz. Zum einen kann der Kunde mit einer entsprechenden Beschriftung der Behältnisse, in denen diese Elemente ? etwa Schrauben, Beschläge und Werkzeuge ? bis zum Gebrauch aufbewahrt werden, signalisieren, dass der Vorrat zur Neige geht. Zum anderen steht ihm aber auch eine andere Möglichkeit zur Verfügung: Ein aufwendig verdrahtetes System dient als Lagerplatz für diese Behältnisse. Dies ermöglicht einen Wägevorgang, der seinerseits Informationen über die Ebbe im Lager weitergibt.

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Diese Methode ist zwar effizient, erfordert aber einen hohen Verkabelungs- und Montageaufwand, was wiederum dazu führt, dass das Lagersystem unflexibel und kompliziert einzurichten ist. «Die einzelnen Behältnisse können nicht mit dem Arbeitsplatz ?wandern? und einfach dorthin disloziert werden, wo man sie gerade benötigt», beschreibt Leitner die negativen Eigenschaften der «zweiten Generation» dieser Systeme.

Mit Turn-Log ist nun aber buchstäblich das drahtlose Logistikzeitalter angebrochen. Das System ist seit Oktober bei Müller Martini Buchbindesysteme im Einsatz und funktioniert klaglos. Kernstück der patentierten Erfindung ist eine kleine Platine, nicht grösser als eine halbe Visitenkarte. Diese wird an einem normalen Behältnis für C-Teile befestigt und ist mit einem Empfänger verbunden, der die Signale in einem Umkreis von 50 m auffängt.

Dieses auf der Radiofrequenz-Identification(RFID)-Technologie basierende Gerät identifiziert alle nötigen Angaben und löst über das auf SAP basierende SFS-System, wo alle notwendigen Angaben bezüglich Kunde, Artikel, Bedarf etc. hinterlegt sind, die Bestellung aus. Der Kunde braucht lediglich das Behältnis mit dem Sender um 180 Grad zu drehen.

Ein rot aufblinkendes Signal zeigt an, dass der Vorgang ausgelöst worden ist. Dabei kommt sowohl der Behälter als auch das ihn aufnehmende Gestell ohne irgendeine Verkabelung aus, und auch der Empfänger ist vollkommen autark. Was einfach tönt, ist das Produkt einer kumulierten Tüftler- und Erfinderarbeit der Intellion AG zusammen mit den Entwicklungsfachleuten der SFS Unimarket.

Verknüpfung zur virtuellen Welt

Turn-Log wird ? bezeichnenderweise ? unter dem Slogan «gedreht (damit ist das Behältnis gemeint), bestellt, geliefert» angeboten. Neben der Bedienungssicherheit und dem moderaten Preis im Vergleich mit den «Waage-Systemen» kommt ein bis dato unbekannter Aspekt ins Spiel. Mit Turn-Log ist die Verknüpfung der realen mit der virtuellen Welt im Bereich Logistik gelungen.

Die Kunden profitieren auf verschiedenen Ebenen. Zum einen wird die Bestandessicherheit erhöht, weil sich eine manuelle Erfassung erübrigt. Genau so entscheidend ist, dass nichtwertschöpfende Tätigkeiten wie etwa die Bestellaufnahme und die Bestandsprüfung gänzlich wegfallen. Dies spart viel Zeit und bindet keine Mitarbeiter, die nun in dieser gewonnenen Zeit hochwertigere Arbeiten erledigen können. Und schliesslich ist die Bedienung denkbar einfach.

«Nicht zu unterschätzen ist die hohe Flexibilität. Der Arbeitende kann mit Turn-Log an jedem Platz im Umkreis von 50 m agieren. Bei einem Waage-basierten System wäre das gar nicht möglich, weil ja die gesamte Verdrahtung nur eine stationäre Bedienung erlaubt», betont Entwicklungschef Michael Leitner. SFS Unimarket bürgt für eine wartungsfreie Laufzeit des Systems von zehn Jahren und dies trotz oder gerade wegen seiner bestechenden Einfachheit.

Auch für sperrige C-Teile, die grösser sind als Schrauben und Beschläge, gibt es eine Lösung. Mit dem Sender ist ein Schalter verknüpft, der allerdings manuell bedient werden muss, um das Signal mit dem Nachschubbefehl auszulösen.

 

 

nachgefragt

Hans Huber, Gründer und Ehrenpräsident der SFS Holding AG über die Grundpfeiler für Erneuerungen und damit verbunden die Bearbeitung neuer und nachhaltiger Geschäftsbereiche.

Mit Turn-Log wird eine Weltneuheit auf den Markt gebracht. Sie haben, gemäss Aussagen der Entwickler dieser Erfindung, wesentlich dazu beigetragen, dass dieses System finanziert werden konnte. Wo liegen bei Ihnen die Grenzen für ein solches Engagement?

Hans Huber: Ich betrachte Innovation als Grundpfeiler für Erneuerungen und die Weiterführung eines Geschäftes in zukunftsträchtige Bereiche. Daher kann ich die Grenzen für mein Engagement nicht einfach in Franken und Rappen benennen. Es ist eine Frage der Einschätzung, die ich persönlich mache und die ? aufgrund langjähriger Erfahrung ? in einen Entscheid mündet.

Okay, aber ein Risiko werden Sie nicht abschätzen können: Turn-Log verleitet zum Nachahmen, die Vorteile sind zu offensichtlich und in Franken und Rappen erwiesen. Was werden Sie dagegen unternehmen?

Huber: Die Frage ist rasch beantwortet: Wir und unsere Partner werden auf jeden Fall die Patente verteidigen. Haben Sie etwas anderes erwartet?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Logistik ? bislang ? eher stiefmütterlich behandelt worden ist, bis sogar Analysten merkten, dass sie einen wichtigen Beitrag zum Erfolg eines Unternehmens leistet. Ärgert Sie das nicht?

Huber: Ärgern ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Ich bin einfach hocherfreut darüber, dass diese Erkenntnis auch in breiteren Kreisen ? nicht nur bei Fachleuten ? um sich greift. Was soll ich dazu noch mehr sagen? In der Kürze liegt die Würze. Das war für mich immer ein Motto.