Die erfolgreiche Lancierung des Satelliten «Swiss Cube» vor einem Monat hat national wie international für Aufsehen gesorgt. Rund 200 Studierende der ETH Lausanne, der Universität Neuenburg und von fünf Schweizer Fachhochschulen haben einen hochtechnologischen Würfel mit Kantenlängen von 10 cm und einem Gewicht von 820 g konstruiert. Dieser Satellit beobachtet nun in rund 100 km Höhe das Nachthimmelsleuchten und liefert Bilder an die Bodenstationen Lausanne und Freiburg.

Fritz Schiesser, der Präsident des ETH-Rats, ist sichtlich stolz über dieses unorthodoxe Gemeinschaftswerk. Für ihn sind solche forschungsnahe und projektorientierte Initiativen der nachhaltigste Beitrag an die «Innovationskraft und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz». Schaut man sich die verschiedenen internationalen Rankings bezüglich Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftsstandort und Innovationsleistung an, dann braucht man sich um den Innovationsstandort keine Sorgen zu machen. Denn die Schweiz belegt jeweils Spitzenränge.

Doch wie gut ist sie für die Zukunft gerüstet? Reichen die Standortvorteile - gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen, leistungsfähiges Bildungs- und Wissenschaftssystem, gut vernetzte Industriefirmen, Nähe zu den wichtigsten Technologie-Clustern in Europa - sowie das fruchtbare Zusammenspiel zwischen den privaten Firmen und den öffentlichen Forschungseinrichtungen?

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Privatwirtschaft als Treiber

Das Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen hat auf Initiative der «Handelszeitung» den Innovationstandort Schweiz untersucht und diesen mit den grössten Konkurrenten in Europa verglichen. Die exklusive Studie erscheint im «Swiss Innovation Guide 2010», der der «Handelszeitung» am 4. November 2009 beigelegt wird.

Die treibende Kraft in der Schweiz bezüglich Innovations-leistungen, so ein Resultat der Studie, ist traditionellerweise die Privatwirtschaft. Sie zeichnet für über 70% der Forschungs- und Entwicklungsausgaben verantwortlich - einen Anteil, der in Europa nur von Schweden übertroffen wird. Die besten Zukunftsaussichten und Wachstumschancen hat laut Studie die Schweizer Industrie vor allem in den Hightech-Branchen.

Die oben abgebildete Innovationslandkarte verdeutlicht zweierlei: Erstens, dass ein Hochtechnologie-Gürtel von Genf entlang des Jurabogens bis nach Basel und Zürich weit ins Land strahlt. Hier dominieren die Uhren- und Präzisionsherstellung, die Medizinaltechnik, die Fein- und Mikrotechnik und im Raum Basel die Pharma- und Chemieindustrie.

Zweitens arbeiten die Privatwirtschaft und die Hochschulen Hand in Hand. Ein Vorteil des Innovationsstandorts Schweiz sind überdies die Grosskonzerne wie Novartis, Roche, ABB, Nestlé oder IBM, die ihrerseits stark in der Forschung involviert sind und mit ihrer wissenschaftlichen Publikationstätigkeit ideale Partner für die Grundlagenforschung an den Hochschulen sind.

Für die Verfasser der Studie, Professor Oliver Gassmann und seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter Peter Hürzeler, ist klar: «Um die gute Ausgangslage für die Zukunft nutzen zu können, darf sich die Schweiz nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen.» Vielmehr müsse sie ständig in die Fundamente der zukünftigen Innovationskraft investieren: In das Bildungssystem, die Forschungs- und Entwicklungsausgaben und die Umsetzungskompetenz. «Gerade bei diesen Inputs», so Gassmann weiter, «macht sich bemerkbar, dass die Schweiz in Zukunft vermehrt auch mit Volkswirtschaften ausserhalb Europas konkurrieren muss».

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Internationalisierung stärken

Das Ziel, das sich die Schweiz auferlegt hat, ist ambitiös: In zehn Jahren zu den fünf innovativsten Ländern der Welt zu gehören. Gemäss Gassmanns Analyse kann die Schweiz nur profitieren, wenn sie mit ihren Rahmenbedingungen die Internationalisierung fördert. Denn schon heute investieren Schweizer Firmen die Hälfte ihrer Forschungs- und Entwicklungsausgaben im Ausland, was, so Gassmann, den Standort Schweiz eher stärke als schwäche.

Kommt hinzu, dass die Schweiz im globalen Wettbewerb vermehrt als eine Region wahrgenommen werden wird. Das wiederum heisst, dass Innovationen zunehmend im Zusammenspiel von Regionen entstehen, und zwar auf nationaler (wie der «Swiss Cube») und auf internationaler Ebene. Deshalb skizziert Gassmann die grosse Herausforderung für die Schweizer Innovationspolitik wie folgt: «Neue und flexible Strukturen für das Zusammenspiel zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zu finden, ohne Autonomie und Handlungsfreiheit im Bildungs- und Forschungsbereich einzuschränken.»

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Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne, weist noch auf einen anderen Punkt hin: «Die Schweiz ist ein fruchtbarer Boden für Erfinder. Wir sind Weltmeister, was die Anzahl Patente pro Kopf betrifft.» Jedoch bei der Kommerzialisierung solch neuer Ideen gehörten wir nicht zu den Weltmeistern. Was muss getan werden? Aebischer plädiert für publikumswirksame Projekte, um auf den Innovationsstandort Schweiz aufmerksam zu machen.

Die ETH Lausanne hat dies bereits vorgemacht. Alinghi, an dem die Hochschule mit Forschungsarbeiten wesentlich beteiligt ist, übt unvermindert eine grosse Anziehungskraft auf Studierende aus und hat die Institution weltweit bekannt gemacht. Bei den Ingenieurwissenschaften, einem Fach mit Nachwuchssorgen, hat die Zahl der Einsteiger um über 20% zugelegt. Warum? «Alinghi, aber auch Projekte wie Solar Impulse von Bertrand Piccard laden zum Träumen ein, weil sie einzigartig sind und echte Pionierleistungen und Abenteuer verkörpern», sagt Aebischer.

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