Erneut erlebt der Schweizer Finanzplatz eine Erschütterung von ungeheurem Ausmass. Ein US-Gericht hat bei der Credit Suisse (CS) erreicht, dass sie das Zürcher Konto eines US-Bürgers blockiert, wie die «Neue Zürcher Zeitung» berichtet. Dabei umgingen die US-Behörden den schweizerischen Rechtsweg, der vorschreibt, dass Bankkonten nur auf Geheiss eines hiesigen Gerichts oder eines Schweizer Staatsanwalts eingefroren werden dürfen.   

Der Fall ist insofern dramatisch, weil er einen neuerlichen Dammbruch für den bereits angezählten Schweizer Finanzplatz respektive für dessen Kunden darstellt.

Denn wenn ausländische Behörden künftig ohne Rücksichtnahme auf nationale Regelwerke Bankkonten einfrieren lassen können, ist das nicht nur eine dreiste Missachtung schweizerischer Rechtssouveränität, sondern so mutiert auch noch der letzte Rest des Schweizer Bankgeheimnisses zum peinlichen Relikt vergangener Zeiten. Für die Schweizer Bankbranche eröffnen sich damit beängstigende Perspektiven.

Jeder ist sich selbst am nächsten

Das devote Verhalten der Credit Suisse, um noch Schlimmeres abzuwenden, offenbart aber noch einen weiteren Sündenfall: Mittlerweile scheint jeder Akteur in der Schweizer Finanzbranche sich selbst am nächsten zu sein: Die Investmentbanker denken bloss noch an ihre Boni; die von einer Entlassung bedrohten Mitarbeiter klauen Daten oder leiten vertrauliche Informationen an die Medien, während die Banken auf Verlangen Mitarbeiterdaten ins Ausland liefern oder sich nun auch noch ausländischem Recht beugen.

Anzeige

Unter diesen Prämissen wirken die naiv-verklärten Jahresanfang-Wünsche der Schweizerischen Bankiervereinigung nach mehr Verantwortlichkeit, Geschlossenheit und Kundenorientierung eher naiv.

Schlimmste Erwartungen übertroffen

Der Dachverband der Schweizer Bank erinnert so an den früheren irakischen Propaganda-Chef Muhammad as-Sahhaf, besser bekannt unter dem Spitznamen «Comical Ali», wie die «Handelszeitung» schon einmal feststellte. Er war es, der 2003 vor laufenden Fernsehkameras den Endsieg seiner Truppen proklamierte, während im Hintergrund Gefechtslärm zu hören war und die Panzer der US-Armee bereits die Aussenbezirke Bagdads erreicht hatten.  

Mit dem Schweizer Finanzmekka verhält es sich ähnlich: Während die unverbesserlichen Optimisten immer noch von den langfristig intakten Chancen schwadronieren, wäre es vielleicht gescheiter, endlich Notfall-Szenarien zu entwickeln, um den Totalkollaps abzuwenden. Denn was in den letzten Jahren alles geschehen ist, übertraf jedes Mal die schlimmsten Erwartungen. So kann es nicht weitergehen.