1. Home
  2. Unternehmen
  3. Darum geht es wirklich im Streik der Lufthansa-Piloten

Hintergrund
Darum geht es wirklich im Streik der Lufthansa-Piloten

Annulierte Flüge: Der Lohnkonflikt der Lufthansa eskaliert. Keystone

Der Streik der Lufthansa-Piloten ist bis Freitag verlängert, Hunderttausende Passagiere müssen am Boden bleiben. Die hohen Lohnforderungen sind dabei ein Scheingefecht - im Kern geht es um anderes.

Veröffentlicht am 23.11.2016

Die Piloten der deutschen Fluglinie Lufthansa haben ihren Streik auf Freitag verlängert. Bereits am Donnerstag kommen erneut über 100'000 Passagiere nicht oder nur auf Umwegen an ihr Ziel. Der Konzern wehrt sich ein weiteres Mal mit einer Klage.

Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit hatte den Ausstand am Mittwoch begonnen und am Abend über zwei weitere Tage ausgedeht. Am Freitag seien alle Kurzstrecken-Piloten aufgerufen, die Arbeit niederzulegen, teilte die Gewerkschaft mit. «Das Lufthansa-Management zeigt weiterhin keinerlei Bewegung und hat kein verhandlungsfähiges Angebot übermittelt.»

Flüge ab Zürich betroffen

Am Donnerstag fallen derweil weitere 912 Verbindungen aus, darunter 82 Langstrecken, wie das Unternehmen in Frankfurt mitteilte. Am Mittwoch waren bereits 876 Flüge streikbedingt abgesagt worden. An beiden Tagen zusammen waren 215'000 Passagiere betroffen.

Ein Mediensprecher der Lufthansa-Gruppe sagte gegenüber der Nachrichtenagentur sda, dass am Donnerstag der Flughafen Zürich mit seinen zwölf Flügen von und nach Frankfurt sowie der Flughafen Genf mit acht Flügen von und nach Frankfurt betroffen seien.

Die Flüge der Lufthansa-Tochtergesellschaften Swiss und Eurowings würden planmässig durchgeführt. Zudem versuchten die Konzernpartner, grössere Flugzeuge einzusetzen, damit auf den betroffenen Strecken mehr umgebuchte Passagiere mitgenommen werden könnten.

Alternative Routen und Hotelzimmer

Lufthansa habe zudem mit praktisch allen Kunden, die ihre Kontaktinformationen bei der Reservierung hinterlegt haben, bereits Kontakt aufgenommen, um alternative Reiserouten anzubieten. Lufthansa reservierte für gestrandete Kunden nach eigenen Angaben im Rhein-Main-Gebiet sowie im Raum München vorsorglich fast 4000 Hotelzimmer. Für Passagiere, die aufgrund fehlender Visa nicht nach Deutschland einreisen dürfen, seien im Frankfurter Terminal zudem rund 400 Feldbetten aufgebaut worden. Viele Fluggäste konnten aber auch umgebucht werden oder kamen mit der Bahn an ihr Ziel.

Die Streichungen entsprechen etwa der Hälfte des Flugprogramms der Kernmarke Lufthansa. In der gesamten Lufthansa-Gruppe fänden am Donnerstag 2088 von rund 3000 geplanten Flügen statt, teilte das Unternehmen weiter mit.

Die nächsten Schritte im verhärteten Konflikt

Wie kann es bei derart verhärteten Fronten weitergehen? Lufthansa hat die Pilotengewerkschaft erneut zur Schlichtung aufgefordert. Doch die Vorstellungen liegen mit 2,5 und 22 Prozent Gehaltsteigerung sehr weit auseinander. Die Forderung der VC nach einer Vergütungserhöhung von mehr als 20 Prozent geht weit über das hinaus, was andere Beschäftigtengruppen erhalten haben«, teilte Personalchefin Bettina Volkens mit.

Es sind aber noch eine ganze Reihe anderer Themen zum Gesamtarbeitsvertrag strittig, die in der Streikserie schon eine Rolle gespielt haben. Die VC hat bislang alle Schlichtungsvorschläge abgelehnt. «Die Kompromisslosigkeit der VC macht einen einigermassen ratlos», sagt Airline-Berater Heinrich Grossbongardt. «Mit der Brechstange ist der Konflikt nicht zu lösen, sondern es braucht schon den guten Willen aller Beteiligten.»

Millionen an Einbussen pro Streiktag

Die Lufthansa setzte im Gegenzug die VC unter finanziellen Druck. Eine zwischenzeitlich ruhende Schadenersatz-Klage über 60 Millionen Euro werde nun wieder weiterverfolgt, erklärte ein Sprecher in Frankfurt. Die Forderung bezieht sich auf die erste Streikrunde im aktuellen Tarifkonflikt aus dem April 2014, die vom Unternehmen als nicht rechtmässig eingeschätzt wird. Lufthansa hatte die Klage ruhen lassen, um die laufenden Gespräche mit der Vereinigung Cockpit nicht zu belasten. Das hat sich mit dem aktuellen Streik nun erledigt.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte die Einbussen pro Streiktag auf einen Betrag im oberen einstelligen Millionenbereich beziffert. Auf weit höhere Zahlen kommt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW), das von rund 25 Millionen Euro (gut 27 Millionen Franken) an Kosten ausgeht.

Vertrauen wiederherstellen

Luftverkehrsexperte Gerald Wissel sieht den Moment für eine umfassende Schlichtung gekommen. Wegen der heftigen Auseinandersetzungen müsse ein Schlichter aber erst einmal gegenseitiges Vertrauen auf beiden Seiten schaffen, die sich in der Vergangenheit misstrauisch belauert haben. Dabei müsse das Unternehmen die Sorgen und Ängste des fliegenden Personals ernstnehmen, mahnt Wissel. «Als Dienstleister muss Lufthansa ihr Personal mitnehmen, sonst stimmt das Produkt nicht mehr.»

«Um Dampf aus der Sache zu nehmen, könnte es hilfreich sein, den Konflikt in handhabbare Einzelteile zu zerlegen und über Teileinigungen wieder Vertrauen zu schaffen», sagt Airline-Berater Grossbongardt.

Genau vom Gegenteil ist der Luftverkehrs-Berater Benjamin Bierwirth überzeugt. Einzelthemen zu lösen, werde nicht zum Ziel führen, sagt der Frankfurter. Vielmehr müsse Lufthansa sondieren, unter welchen Bedingungen die VC gesprächsbereit sei und eine geeignete Person als Schlichter suchen. Nach eigenen Angaben hat die Airline bereits zwei konkrete Kandidaten an der Hand.

Kernkonflikt Konzernstrategie

Einig sind sich die Experten in der Analyse der eigentlichen Streikziele der VC. «Der Konflikt dreht sich nur vordergründig um Zahlen. Kern bleibt die künftige Konzernstrategie», fasst Grossbongardt die Lage zusammen.

Er urteilt: «Die Ära der Flagg-Carrier wie Lufthansa geht zu Ende und mündet im harten Wettbewerb der Billigflieger, der natürlich mit Sozialabbau für die Beschäftigten verbunden ist. Das will die VC für die Piloten verhindern. Aber hier setzen Ryanair und Easyjet die Standards.»

Zu Beginn des Arbeitskampfes hat die streikmächtige VC noch vergleichsweise offen kommuniziert, dass es ihr um Einfluss auf das künftige Geschäftsmodell geht, sie also Billigstrukturen in den Eurowings-Cockpits und Ausflaggungen verhindern will. Das war in der Vergangenheit gelungen, als die Piloten der Lufthansa-Tochter Germanwings in den Gesamtarbeitsvertrag des Konzerns (KTV) aufgenommen wurden.

Streik über Umwege

Doch spätestens in der 13. Streikrunde im September 2015 wendete sich das Blatt, als das Landesarbeitsgericht Hessen der VC vorhielt, für nicht tariffähige Ziele zu streiken, die in die Entscheidungsgewalt des Konzerns gehören.

In nachfolgenden Sondierungen weigerte sich Lufthansa standhaft, das Eurowings-Thema offiziell mit zu behandeln. Die VC griff schliesslich wieder gezielt Tarifthemen auf, für die sie legal streiken darf, nämlich Gehälter und Übergangsversorgung. Für beides liegen seit Anfang 2014 entsprechende Urabstimmungen der VC-Mitglieder vor. Die Frankfurter Arbeitsgerichte haben am Dienstag die Rechtmässigkeit des neuerlichen Streiks klar bestätigt.

Die Lufthansa in fünf Jahren

«Die VC will wissen, wo die Lufthansa in fünf Jahren steht», meint Bierwirth. «Sitzen die KTV-Piloten dann nur noch in den Langstreckenmaschinen und alle anderen Verbindungen werden von billigeren Kräften geflogen?» Lufthansa nutze schliesslich schon Ausweichstrategien, um ihre Jets kostengünstiger betreiben zu können. Im kommenden Jahr steht im Konzern die Integration von 40 Air-Berlin-Jets an, die samt Crew geleast werden. Die Piloten werden dort nach den im Gesamtarbeitsvertrag von Air Berlin festgelegten Löhnen bezahlt.

Ein Schlichter bräuchte eine gewisse Robustheit, auf komplexe Rechenmodelle kommt es nach Einschätzung der Experten eher nicht an. Immer wieder tauchen die Namen der SPD-Politiker Matthias Platzeck und Gerhard Schröder in der Debatte auf. Der Brandenburger hat bereits den Tarifkonflikt der Lufthansa mit ihren Flugbegleitern befriedet, der einstige «Basta-Kanzler« Schröder gilt als durchsetzungsstark. Eine anspruchsvolle Aufgabe wäre die Schlichtung zwischen Lufthansa und Piloten allemal.

(sda/me)
 

Anzeige