Die Situation wirkte aberwitzig: Nach dem Abschied vom Euro-Mindestkurs stand die Schweiz Kopf. Angst ging um vor dem Verlust von Jobs, dem Einbruch der Exporte, dem Ausbleiben der Touristen. Selbst vorsichtige Prognostiker halten seit Donnerstag eine wirtschaftliche Rezession für möglich.

Inmitten in die ersten Stunden der Panik platzte die SBB aber mit einer gut gemeinten Nachricht: Keine Sorge, so die Botschaft, wer den schwachen Euro-Kurs für einen günstigen Einkauf im Grenzgebiet nutzen möchte, fährt bequem. «Die SBB verstärkt wichtigste Züge nach Konstanz am Samstag um zusätzliche Wagen», lautete die Kurznachricht der Schweizerischen Bundesbahn auf Twitter, die sie am Donnerstag um 15.24 Uhr absetzte.

«Danke, liebe SBB, dass ihr Arbeitsplätze gefährdet»

Auch die Basler Verkehrs-Betriebe reagierten umgehend mit einem Zusatzangebot: Der Fahrplan, auf der bei Einkaufstouristen beliebten Tramlinie 8, wurde auf dem nach Deutschland verlängerten Abschnitt zeitweise verdichtet.

Viele Reaktionen in den sozialen Netzwerken auf diese Nachricht schwankten zwischen fassungslos und empört. «Ich denke nicht, dass es die Aufgabe der SBB ist, den Einkaufstourismus zu unterstützen», schrieb ein Kommentator auf Twitter (siehe unten). Ein anderer meinte: «Danke, liebe SBB, dass ihr aktiv unsere Arbeitsplätze und vor allem Lehrplätze gefährdet.» Es gab aber auch besonnene Stimmen, etwa der Beitrag: «Finde, die SBB reagiert auf ein Kundenbedürfnis und das ist gut so.»

Mehraufwand wäre nicht nötig gewesen

Einem jedoch hat die Vorgehensweise der SBB absolut nicht zugesagt: SVP-Nationalrat Hans Fehr. Er polterte in einem Leserbrief an den Zürcher Unterländer: Mit diesem Entscheid «fördert unser Staatsbetrieb SBB, den wir Steuerzahler jährlich mit Milliarden mitfinanzieren, jene Leute, die als Einkaufstouristen nach Deutschland wallfahren.» Er schliesst unter Protest: «Ich fordere die SBB-Verantwortlichen auf, diesen Unsinn sofort zu stoppen.»

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Ironischerweise wäre der Mehraufwand der SBB nicht einmal nötig gewesen: Der erwartete Ansturm an Einkaufstouristen in Konstanz am Samstag blieb aus.

Knapp 645'000 Personen mit Sonderzügen befördert

«Die SBB will und kann nicht zwischen ‚guten und bösen’ Anlässen unterscheiden und den Einsatz zusätzlicher Züge davon abhängig machen», erklärt SBB-Sprecherin Lena Meyer, wie diese Entscheidung zustande kam. Sobald sich ein erhöhter Bedarf abzeichne, bemühe sich die Bundesbahn, genügend Sitzplätze zur Verfügung zu stellen.

Zu den Kosten von Sonderzügen macht die Staatsbahn keine Angaben, aufwändig ist aber der Einsatz von Zusatzzügen bei Grossveranstaltungen wie der Air Show 2014 in Payerne. Das war der grösste Einsatz von Sonderzügen im vergangenen Jahr. Bei Veranstaltungen solcher Grössenordnung sitzt meist ein SBB-Logistiker mit im Organisationskomitee. 93 solcher Zusatzangebote stemmte die SBB 2014 insgesamt, 1003 Extrazüge und 1039 Verstärkungswagen stellte sie dabei zur Verfügung. Mit den zusätzlichen Bahnen wurden knapp 645'000 Personen befördert. 

Acht Züge wurden um zwei Wagons verlängert

Der SBB-Einsatz am Samstag nach Konstanz war dabei ein verhältnismässig kleiner: Es wurden keine zusätzlichen Züge eingesetzt, sondern jeweils vier Hin- und Rückzüge um zwei Wagons verlängert worden. Die SBB fährt solche Einsätze gar nicht selten. Bei Wetterproblemen und Verkehrschaos reagiert sie teils innert Stunden, etwa als im Oktober ein Laster auf der A1 Richtung Bern Sojabohnen verloren hatte und ein Riesenstau die Autobahn blockierte.

Das heisst: Die SBB-Meldung am Donnerstag mag für viele Schweizer ein Ausdruck mangelnder Feinfühligkeit sein. Für den Staatskonzern war der Einsatz von Zusatzwagons für Einkaufstouristen letztlich Routine. 

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Der Tweet der SBB und Reaktionen darauf:

SBB Medienstelle (@sbbnews) 16. Januar 2015
Adrian Lang (@LangAdrian) 16. Januar 2015
Stefan Meier (@MitMeier) 16. Januar 2015
— Furcht & Tadel (@furchtundtadel) 16. Januar 2015
— Wolf (@thonixx) 17. Januar 2015
— Tin Sea (@mrsealand) 16. Januar 2015