Beim Telepresence-Markt, dem Geschäft mit Video-Konferenzlösungen, spitzt sich der Wettbewerb zu. Cisco, der grosse Netzausrüster-Konzern, hat bisher 550 Kunden mit über 3000 Installationen weltweit gefunden, wie ein Sprecher am Rande der hauseigenen Netzwerkkonferenz in Barcelona sagte.

«Das beste sind immer noch Live-Meetings zwischen den Menschen selber» sagt Cisco-Europachef Chris Dedicoat auf die Fragen von «Handelszeitung Online», «aber dann kommt gleich eine solche videobasierte Lösung, denn eine Reise nach Übersee für ein Meeting, das nur einen Tag dauert, ist Ressourcenverschwendung.» Dedicoat geht davon aus, dass die Firmen speziell in Europa wieder mehr in Technologie investieren müssen, um ihre Produktivität zu verbessern. «Bisher hat IT die Firmen in ihrem Geschäft nur unterstützt» sagt Dedicoat nach Gespräche mit den 70 Informatikchefs grosser Unternehmen, die nach Barcelona gekommen waren, «jetzt erwarten Firmen, dass Innovationen auch aus den IT-Abteilungen kommen und nicht nur aus den Forschungsdepartments.»



Hartnäckige Firmenkulturen



Telepresence-Lösungen helfen Firmen zwar, Geld einzusparen, aber nicht jede Firma erkennt laut den Cisco-Sprechern das Einsparpotenzial. So werden solche Systeme lediglich zu 5% ausgelastet, wenn man eine solche Lösung einfach in der Teppichetage eines Unternehmens installiert. Die Auslastung sei aber der Schlüssel für die Produktivitätsgewinne und dazu brauche es auch einen Kulturwandel beim Kunden, ergänzte der Sprecher.

Bestätigt wird das durch die jüngsten Befragungen von US-Banken zu den IT-Investitions-Prioritäten. Telepresence rangiert hier unter ferner liefen, weit hinter trendigen Themen wie Virtualisierung oder mobile Geräte und ständigen Notwendigkeiten wie IT-Security. Cisco hatte sich im letzten Jahr durch den angekündigten Kauf des norwegischen Herstellers Tandberg besonders im oberen Marktsegment verstärkt und tritt jetzt gegen Konkurrenten wie Polycom und HP an. In der ersten Jahreshälfte 2010 soll der Tandberg-Kauf abgeschlossen sein.



Verschärfter Konkurrenzkampf



Besonders Polycom gilt als formidabler Konkurrent. In Barcelona zeigte Cisco, dass die eigenen Lösungen problemlos mit denen von Tandberg und Polycom zusammen arbeiten. Das war in der Anfangsphase immer ein Knackpunkt für Kunden gewesen – wenn bereits die Hard- und Software eines bestimmten Herstellers im Haus war, mussten die Folgekäufe und Erweiterungen dazu passen, um die bisherigen gemachten Investitionen nicht zu entwerten. Zu den Telepresence-Lösungen gehören aber nicht nur die Monitore, Kameras und Tische, sondern auch die Netzwerkinfrastruktur im Hintergrund. HP ist hier (auch) mit eigenen Switches und Routern vertreten und Polycom hat zu Wochen laut einem Bericht des «Wall Street Journal» eine Zusammenarbeit mit Cisco-Konkurrent Juniper vereinbart. Gemeinsam möchte man «Out-of-the-Box»-Lösungen anbieten. «Visuelle Kommunikation wird zunehmend zu einem strategischen Tool» liess sich Polycom-CEO Bob Hagerty zitieren. Industrieanalysten bescheinigen dem neuen Team indes einen beträchtlichen Rückstand auf Cisco.

Cisco seinerseits reagiert auf zwei Weisen. Einerseits soll eine Konsumenten-Version von Telepresence auch für Heimanwender auf den Markt gebracht werden. Technologische Basis sind rasche Internet-Verbindungen bei Privathaushalten und HDTV-Fernseher, die bereits jetzt in immer mehr Wohn- und Schlafzimmern stehen.

Andererseits sollen Telepresence-Lösungen zunehmend mit Collaboration-Lösungen verbunden werden. Mit solchen zusätzlichen Softwarelösungen können Personen nicht nur via Telepresence weltweit diskutieren und sich gegenseitig sehen, es lassen sich auch global verstreut gemeinsam Projekte, Dokumente und Präsentationen bearbeiten.



Zentrale Partnerschaften, keine Service-Firma



«Wir haben den Eindruck, dass die IT-Architektur entscheidend ist» sagt Dedicoat schliesslich zu Ciscos ambitiösen Zielen, zu einem der wichtigsten Lieferanten in Rechenzentren zu werden, «und das kann keine Firma alleine, das müssen Partnerschaften wie unsere mit Intel bei Servern richten.» Cisco strebe auch weiterhin nicht an, alles alleine machen zu können. «Aber man kann mit Partnern einige Sachen zusammen machen wie beispielsweise mit EMC und VMware fertige Lösungen anbieten» sagt Dedicoat weiter.

Und ein Service-Arm, nachdem HP, Dell und Xerox sich mit Service-Unternehmen verstärkt hatten? «Wir glauben, dass unser gegenwärtiges Geschäftsmodell ausreichende Hebelwirkung hat und auch hier verlassen wir uns auf die vielen Partnerfirmen, mit denen wir zusammen arbeiten und die für uns die Services erledigen.»
 

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