Wie die neuen Vorgaben für die Strompreisgestaltung ein Kraftwerkprojekt während der Realisierungsphase beeinflussen können, zeigt sich anschaulich bei dem vor der Fertigstellung stehenden Ausbau des Flusskraftwerks Rheinfelden. Mit dieser ersten grossen Wasserkraftanlage Europas aus dem Ende des 19. Jahrhunderts begann das Zeitalter der grenzüberschreitenden Stromerzeugung zwischen Baden-Württemberg und der Schweiz. Nach den Veränderung- gen im Zusammenhang mit der Strommarktöffnung haben sich in jüngster Zeit die Zukunftsaussichten für die Wasserkraft wieder stabilisiert, und längerfristig bestehen nach Meinung des Bundesamts für Energie (BFE) gute Aussichten, dass sich die grossen Stärken der Wasserkraft durchsetzen werden.

Hälfte aus Flusskraftwerken

Die Wasserkraftnutzung in der Schweiz trägt zu rund 55% an die Produktion elektrischer Energie bei. Davon entfallen je knapp die Hälfte auf Lauf- bzw. Speicherkraftwerke, während Pumpspeicherwerke etwa 4% liefern. Die mittlere jährliche Produktionserwartung von Wasserkraftanlagen des Typs Laufkraftwerke erreicht ein Total von 16500 GWh bzw. eine mögliche Leistung ab Generator von 3650 MW. Das sind gemäss der Statistik des Bundesamts für Energie (BFE) 47% der auf 35500 GWh veranschlagten Gesamtmenge.

Rund 10% der schweizerischen Wasserkrafterzeugung stammen aus Zentralen internationaler Kraftwerkanlagen. Die grösste Produktionsanlage der insgesamt 430 Laufkraftwerke ist diejenige von Kembs im Rhein nördlich von Basel mit einer Leistung von 160 MW. Grössere Um- und Neubauanlagen umfassen die Produktions- und Leistungssteigerung von Rheinfelden mit 490 GWh sowie des Albbruck-Wehrkraftwerks mit 122 GWh. Einige weitere Laufkraftwerke mit einer Leistung von mehr als 300 kW sind in jüngster Zeit in verschiedenen Fliessgewässern in Betrieb gegangen oder befinden sich im Bau.

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Ein grosses Ausbaupotenzial weist auch der Flusslauf der Rhone auf. Im Rahmen der anstehenden dritten Rhonekorrektion mit Massnahmen zum Schutz gegen Hochwasser ist der Fokus auch auf die Nutzung des Wasserkraftpotenzials gerichtet. Für dieses zukunftsweisende Projekt wird die technische, wirtschaftliche und ökologische Machbarkeit von Wasserkraftanlagen in der Rhone abgeklärt. Neben Laufkraftwerken im Obergoms und in Riddes geht es hier insbesondere um den Ausbau der Stufe Massongex-Bex. Dazu arbeiten die drei wichtigen Stromakteure der Kantone Wallis und Waadt zusammen, nämlich die Walliser Elektrizitätsgesellschaft, die Romande Energie und der Services Industriels de Lausanne.

Mehrere Evaluationsschritte

Die nach dem Ablauf der Konzession für das Kraftwerk Rheinfelden notwendig gewordene Neuplanung stand nicht nur im Wechselbad der unterschiedlichen Wasserführung des Rheins, sondern auch in der sich wandelnden Strommarktpolitik. Zwar war das Ausbauprojekt 1989 vom politischen Willen beidseits des Rheins beseelt, die regenerativen Energien besser zu nutzen. Vorerst wollte die 2002 in Energiedienst AG umbenannte Kraftübertragungswerke Rheinfelden AG als Betreiberin die Produktion nach den damaligen Rahmenbedingungen fortführen. Dementsprechend erfolgte eine Neuprojektierung für den Ausbau, der 1998 die Baugenehmigung von deutscher Seite her erteilt worden ist. Schweizerischerseits wurde das Bewilligungsverfahren massiv verzögert.

Das 1994 eingereichte Bauprojekt sah Gesamtkosten für einen Neubau in der Grössenordnung von 430 Mio Euro vor. Da aber diese enorme Investitionssumme nicht durch eine vorübergehende Tariferhöhung für die Strombezüger finanziert werden konnte, wurde das Projekt zusammen mit den neuen Bedingungen am Elektrizitätsmarkt unwirtschaftlich. Das veranlasste die Betreibergesellschaft zum Variantenstudium für Alternativen.

Da diese Vorgehensweise zu einer zeitverzögerten Inbetriebnahme geführt hätte, hat die Energiedienst AG das Projekt nochmals unter die Lupe genommen. Dies mit dem Ziel, durch eine Projektüberarbeitung und eine neue Kostenschätzung alle Einsparungsmöglichkeiten wahrzunehmen. Und siehe da, bei dem von drei renommierten Ingenieurkonsortien erarbeiteten Kostenvoranschlag, Stand 2004, konnte ein Kostensenkungspotenzial von 20% ausgemacht werden.

Dieses basierte nach Angaben von Armin Fust, Projektverantwortlicher Neubau Kraftwerk Rheinfelden der Energiedienst Holding AG, einerseits auf dem aktuellen Bauablauf und den Erkenntnissen aus dem damals bereits im Gang befindlichen Stauwehrbau, stützt sich aber auch auf konsequente Projektredimensionierung bezüglich Maschinenkonzeption, Anlagenstandard und Raumbedarf ab.

Marksteine des Ausbauprojekts

Die dank dieser Kostenreduzierung markant verbesserte Wirtschaftlichkeitsrechnung führte Mitte 2005 zum Beschluss für den sofortigen Bau des Maschinenhauses. Dadurch liess sich eine Fertigstellung mit Inbetriebsetzung der Turbinen im Jahre 2011 ins Auge fassen. «Aufgrund der fünfmonatigen früheren Fertigstellung des Stauwehrs und einer Optimierung beim Bauablauf des Maschinenhauses kann jetzt die Inbetriebnahme für 2010 vorgesehen werden», freut sich Armin Fust als Projektverantwortlicher.

Wasserspiegel 1,4 Meter höher

Das neue Laufkraftwerk Rheinfelden besteht zur Hauptsache aus einem quer zum Fluss errichteten Stauwehr, das aus sieben Wehrfeldern mit je 24,5 m Länge gebildet wird. Das auf gleicher Achse angeordnete Maschinenhaus befindet sich aus hydraulischen Gründen am linken Flussufer. Die Anordnung der neuen Anlage liegt etwa 130 m stromabwärts des bisherigen, inzwischen rückgebauten Stauwehrs. Der Wasserspiegel des Oberwassers wird gegenüber heute um 1,4 m erhöht.

Das neue Kraftwerk arbeitet mit vier grossen Rohrturbinen, die zusammen eine Leistung von 114 MW bringen. Eine fünfte kleinere Dosierturbine mit lediglich 2 MW wird in den Wehrpfeiler eingebaut. Dazu erfolgen bereits ab Mitte dieses Jahres die Anlieferung der Turbinen und Generatoren durch Voith Siemens Hydro Kraftwerktechnik und Alstom Schweiz. Die erste Turbineneinheit soll im nächsten Frühjahr in Betrieb gehen, die weiteren drei folgen in zweimonatigem Abstand. Somit können alle vier Turbineneinheiten 2010 die Stromproduktion aufnehmen. Bis Ende 2011 sollen die Unterwassereintiefung fertiggestellt und damit der komplexe Bau mit allen ökologischen Massnahmen abgeschlossen sein.