Die jüngste Entwicklung ist «Elemental Spa». Damit lancieren Sie nach «Mem» und «Tara.Logic» ein drittes Ritualbad. Wo liegt bei diesem der Fokus?

Andreas Dornbracht: Für uns ist Ritual-Architektur das Ergebnis einer langjährigen Auseinandersetzung mit Reinigung und Raum. Dabei wird der Mensch zum Zentrum der architektonischen Gestaltung. Die rein funktionalen Aspekte des Badezimmers werden um die Dimension menschlicher Handlungen erweitert. So wird das Bad zum Interface zwischen dem Benutzer und seinen Ritualen. «Elemental Spa» thematisiert das Archa-ische und Ursprüngliche: Wasser verändert seine Umgebung und macht Orte einzigartig. Daher steht bei diesem Spa das Wasser im Mittelpunkt. Es ist der Ausgangspunkt individueller und gemeinsamer Rituale der körperlichen und geistigen Reinigung und macht das Bad zu einem Refugium für die Seele.

Schreiten wir kurz gemeinsam durch die verschiedenen Spa-Zonen: Den Start markiert das «Cabinet»: Hier kommen die Badbenutzer an und bereiten sich auf die Rituale vor. Wie geht es danach weiter?

Dornbracht: Im Bereich «Facewash» erfolgt die bewusste Reinigung von Gesicht und Händen. Der Alltag tritt langsam in den Hintergrund, das erste Ritual wird vollzogen. Die darauf folgende «Cascade» ermöglicht die Annäherung an das Element. Auf den kupferbeschichteten Wand- und Bodenplatten aus Cortenstahl werden erste Spuren des Wassers sichtbar. Mit der «Cascade» wird das natürliche Erlebnis, wenn eiskaltes Wasser auf den Körper trifft, zelebriert. «Foot Washing» und «Body Cleansing» widmen sich der teilweisen oder ganzen Reinigung des Körpers ? ganz bewusst und ganz in Ruhe, im Sitzen oder im Stehen, wie es dem Benutzer beliebt. Ein Ritual, das den Geist beruhigt und die Stärkung des Körperbewusstseins unterstützt. Im «Shower Center» wird der Körper durch eine sanfte Regendusche entspannt. Nach der Reinigung im «Foot Washing»- und «Body Cleansing»-Bereich erzeugt dieses Ritual ein Gefühl der Leichtigkeit. Regelrecht therapeutische Wirkung hat das Bad in der warmen Kupferwanne in der «Bathing-Zone»: Für Ruhepausen gibt es, ähnlich dem orientalischen Hammam, einen «Heated Block»: Auf dem warmen Marmorblock kann man sich trocknen, ausruhen, entspannen.

Für Meditation und inneren Ausgleich dienen die Bereiche «Wooden Bench» und «Patio», die sich zu einer hellen, mit zahlreichen Pflanzen ausgestatteten, lebendigen und doch beruhigenden Zone vereinen, ausgestattet mit einer Bank aus warmem Olivenholz. Hier werden Geist und Körper in Einklang gebracht. In der abschliessenden «Spill-Zone» gibt es keine Anweisungen: Sie stellt den uneingeschränkten Kontakt mit Wasser in den Vordergrund und lässt es so zu einem meditativen Element werden. Die Zonen sind jedoch nicht als bindend zu betrachten. Vielmehr gibt jede einzelne von ihnen Anregungen für eine an die individuellen Bedürfnisse angepasste Nutzung des Wassers und eine entsprechend individuelle Gestaltung des Bades als Lebensraum.

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Innovativ zeigen sich nicht nur die Anwendungen, sondern auch die eingesetzten Materialien. Besonders ins Auge stechen Kupferplatten, Cortenstahl und Olivenholz: Auf ihnen hinterlässt das Wasser Spuren und entwickelt sich über die Jahre zu bleibender Patina. Denken Sie, dass sich diese Sichtbarkeit in unserer so sehr auf Sauberkeit bedachten Gesellschaft durchsetzen kann?

Dornbracht: Der Gedanke der eingesetzten Materialien und sich entwickelnden Patina entspricht dem Wunsch nach Authentizität, nach Echtheit, Haptik und historischem Bezug, der sich in einer übertechnisierten und digital geprägten Welt als natürliche Gegenbewegung entwickelt. Wir gehen deshalb davon aus, dass die Umsetzung entsprechenden Anklang finden wird.

Wo holt sich der Meister des neuen Bades die Inspiration für seine Innovationen? Wo spüren Sie die Trends auf?

Dornbracht: Die Auseinandersetzung mit Kunst, Kultur und Gesellschaft sowie die stetige Beschäftigung mit neuen Entwicklungen und Projekten ausserhalb unserer Branche gehören sicherlich zu den Grundvoraussetzungen. Für uns sind aber ganz besonders die Kooperation und der Diskurs mit Künstlern, Designern und Architekten im Rahmen unserer «Culture Projects» relevant: Wir initiieren Projekte, um einzelne Themenfelder zu durchdringen. Die Performance-Reihe widmet sich beispielsweise dem Zusammenspiel von Körper, Geist und Sound. Mit den «Noises for Ritual Architecture» initiieren wir einen «Sound Spa», mit der Idee eines immateriellen Spas.

Das erste Ritualbad wurde 2004 präsentiert. Seither hat sich in der Wahrnehmung des Badezimmers einiges getan. Immer mehr Kunden möchten sich den Luxus der Hotel-Spas in ihr Zuhause holen. Wo orten Sie die Meilensteine in eben dieser Entwicklung? Wo die grössten Herausforderungen?

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Dornbracht: Private Spas sind schon länger nicht mehr nur ein Thema für den Hotelbereich, sondern haben in den letzten Jahren auch das eigene Heim erreicht. Öffentliche Saunen erfahren wieder mehr Zuspruch, im privaten Bereich lebt das Bad als Ritualraum, als Kontemplationsraum und Ort des Körperkults auf. Unterschiedliche Reinigungs- und Entspannungsrituale mit verschiedenen Formen der Wasseranwendungen gehören ebenso dazu wie die Integration von Fitnesselementen. In vielen Wohntypologien fehlt jedoch der erforderliche Raum noch. Planer und Architekten sind deshalb gefordert, neue Standards für das Bad zu entwickeln. Das kann zunächst bei den Neubauten umgesetzt werden, zusätzlich müssen aber mehr Produkte und Lösungen entwickelt werden, die sich auch in vorhandene Architektur einfügen lassen.

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Was sind Ihre Prognosen für das Badezimmer der Zukunft? Was Ihre Wunschvorstellungen?

Dornbracht: Die Wohnung ist das Aushängeschild des «Ich» ? sie wird zum Lebensmittelpunkt. Sie ist gleichermassen Rückzugsort und halböffentlicher Raum. Während Küche und Wohnzimmer das kommunikative Leben spiegeln, übernehmen Bad und Schlafzimmer den Regenerations- und Rückzugsbereich. Das Bad wird zur kommunikativen Schnittstelle und eröffnet einen neuen Raum für zukünftige Rituale. «Noises for Ritual Architecture», unsere bereits oben erwähnte Installation des ersten «Sound Spa» ist ein Beispiel für das Thema Software für das Bad. Unser Wunsch ist es, das Bad neben der Küche in den Mittelpunkt des Wohnens zu steIlen.