USA, Europa und Japan sind gleich- zeitig in der Rezession. Was ist die Konsequenz?

Beatrice Weder di Mauro: Diese aussergewöhnliche Konstellation ist für die Weltwirtschaft ein massiver Schock. Die weltwirtschaftliche Nachfrage geht deutlich zurück, und wir geraten in einen synchronisierten Abschwung, wie wir ihn letztmals in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts erlebt haben.

Wie lange wird die Rezession anhalten?

Weder di Mauro: Die Rezession ist 2009 sicher nicht bereits nach zwei Quartalen vorbei. Die Probleme, mit denen wir jetzt konfrontiert sind, haben sich über Jahre hinweg aufgebaut. Die Privathaushalte in vielen Ländern - nicht nur in den USA - sind hoch verschuldet. Privathaushalte können ihre Bilanzen noch schwieriger reparieren als Banken oder Unternehmen. Sie müssen wieder ansparen, und das geht nicht über Nacht. Zudem wird die Immobilienkrise länger andauern als die Börsenkrise. Besonders schwierig wird es dort, wo gleichzeitig eine Immobilien- und eine Bankenkrise herrscht.

Erwarten Sie, dass die Weltwirtschaft über Jahre hinweg darniederliegt wie die Konjunktur in Japan in den 1990er Jahren?

Weder di Mauro: Japan sollte als warnendes Beispiel dienen. Denn es gibt Gemeinsamkeiten zwischen der aktuellen Situation und der Krise Japans in den 1990er Jahren. Auch in Japan gab es damals eine Immobilienkrise, den Crash nach den Übertreibungen an den Börsen und eine Bankenkrise aufgrund fauler Kredite. Ein Problem war, dass die japanische Regierung und Notenbank zu lange zu zaghaft reagiert haben und hofften, das Problem würde sich «auswachsen». Die starken Reaktionen der Notenbanken und Regierungen heute zeigen aber, dass sie sich durchaus der Gefahr bewusst sind, dass wir japanische Verhältnisse haben könnten.

Anzeige

Rechnen Sie denn mit einer Deflation?

Weder di Mauro: Das Deflationsszenario ist zwar ein Risiko, aber ich würde es nicht sehr hoch gewichten. Es mag kurzfristig zu negativen Inflationsraten kommen aufgrund der fallenden Rohölpreise, aber das sind deshalb noch keine gefährlichen Deflationsspiralen.

Sehen Sie denn noch kein Licht am Ende des Tunnels der Finanzkrise?

Weder di Mauro: Leider noch nicht so richtig. Das Finanzsystem ist noch immer auf der Intensivstation, doch das Herz hat nicht aufgehört zu schlagen. Das hat man dank den Zinssenkungen und Liquiditätsspritzen verhindern können. Trotz aller Hilfsmassnahmen hat allerdings die Spannung an den Kreditmärkten nur wenig abgenommen. Das Vertrauen der Banken untereinander ist nach wie vor nicht hergestellt. Dies belegt die Tatsache, dass so hohe Einlagen bei den Zentralbanken getätigt werden.

Wie gross sind die Risiken, dass es zu einer weiteren Verschärfung der Systemkrise kommt?

Weder di Mauro: Es wird vor allem negative Überraschungen sowohl aus der Realwirtschaft geben, und viele Unternehmen werden ihre Gewinnprognosen zurücknehmen. Bis zum Herbst glaubten viele, dass wir primär mit einer Finanzkrise konfrontiert sind und die Probleme sich daher primär auf die Banken und die Börsen beschränken.

Was Wunschdenken war.

Weder di Mauro: Die Hoffnung, dass sich die Finanzkrise nicht massiv auf die Realwirtschaft auswirkt, war immer eine Illusion. Den letztlich liegen die Gründe für die Krise im Aufbau von innen- und aussenwirtschaftlichen Ungleichgewichten.

Wie stark wird der Abschwung die Schweiz treffen?

Weder di Mauro: Wir machen im Sachverständigenrat keine eigenen Prognosen für die Schweiz. Aber die Schweiz ist ebenfalls eine sehr offene Volkswirtschaft und wird sich vom Schicksal ihrer Handelspartner nicht lösen können. Seitens des Exports ist die Schweiz ebenso hart von der Krise betroffen wie Deutschland. In den nächsten zwei Jahren könnte auch die Schweiz ein negatives Wachstum aufweisen. Sie kann sich wirtschaftlich nicht von Europa abkoppeln.

Wo orten Sie die grössten Risiken für die Schweiz?

Weder di Mauro: Ein Risiko für die Schweiz ist die hohe Bedeutung des nun geschwächten Finanzsektors für die Gesamtwirtschaft. Das war ein Vorteil, der nun zur Belastung wird. Und er ist in der Schweiz deutlich ausgeprägter als in anderen europäischen Ländern. Es werden hier zwei wichtige Impulse ausfallen: Von den Exporten und vom Finanzsektor.

In der Schweiz sind Sie Verwaltungsrätin bei Roche: Wie stark spürt der Pharmakonzern die Finanzkrise?

Weder di Mauro: Die öffentliche Kommunikation über die Roche ist nicht meine Rolle. Als Ökonomin kann ich allgemein sagen, dass zwei Arten von Unternehmen von der Krise weniger betroffen sein werden: Solche mit Produkten, die auf Nachfrageschwankungen kaum reagieren, und solche mit hohem Eigenkapital.

Wie gravierend stufen Sie die wirtschaftliche Lage in Deutschland ein?

Weder di Mauro: Deutschland hat sehr von der Globalisierung profitiert. Darum wird das Land nun besonders stark vom globalen Abschwung getroffen. Deutschland steht ebenfalls vor mehreren harten Jahren. 2009 dürfte das Wachstum um deutlich über 1% zurückgehen, und auch 2010 erwarte ich eine schrumpfende Wirtschaft.

Wie kommt Deutschland aus dieser Krise?

Weder di Mauro: Von der Weltwirtschaft werden auf absehbare Zeit keine positiven Impulse kommen. Wichtig ist jetzt, dass die binnenwirtschaftliche Nachfrage einigermassen trägt.

Sobald sich der Arbeitsmarkt weiter verschlechtert, wird doch auch der Konsum einbrechen.

Weder di Mauro: Der Arbeitsmarkt reagiert verzögert. Noch haben wir im Vergleich zu früher relativ geringe Arbeitslosenzahlen. Die Zahl der Arbeitslosen wird aber schon im nächsten Jahr auch in Deutschland deutlich anziehen und über 3 Mio ansteigen. Dies wird den Konsum beeinträchtigen.

Sie beraten Bundeskanzlerin Angela Merkel: Was für Massnahmen bringen eine Verbesserung in Deutschland?

Weder di Mauro: An erster Stelle sind noch immer die Zentralbanken gefordert. Die EZB muss noch immer die Liquiditätsversorgung übernehmen und den nicht funktionierenden Interbankenmarkt ersetzen. Die EZB verfügt auch noch über Spielraum für weitere Zinssenkungen. Darüber hinaus ist aber auch die Finanzpolitik gefordert. Wir haben uns im Sachverständigenrat für ein konjunkturgerechtes Wachstumsprogramm ausgesprochen. Dies würde das Haushaltdefizite erhöhen, aber das wäre in der momentanen konjunkturellen Lage gerechtfertigt.

Konkret: Welche Massnahmen schlagen Sie vor? Die Steuern senken?

Weder di Mauro: Ich lehne Steuerchecks ab, da sie allenfalls ein ganz kurzfristiges Strohfeuer, aber keine langfristigen Wachstumswirkungen zur Folge haben. Ich befürworte hingegen eine Reform der Einkommenssteuer, durch die der sogenannte Mittelstandsbauch abgeschmolzen wird. Diese wäre auch aus der Wachstumsperspektive sinnvoll.

Was würde greifen?

Weder di Mauro: Man darf sich keinen Illusionen hingeben. Der Staat kann durch Konjunkturstützungsmassnahmen den Abschwung allenfalls abfedern, jedoch nicht verhindern. Und schon gar nicht kann er die Wirtschaft fein steuern.

Würden Sie auf Konjunkturstützungsmassnahmen verzichten?

Weder di Mauro: Nein. Aber die Massnahmen müssen, neben einem kurzfristigen Konjunktureffekt, auch einen langfristig positiven Wachstumseffekt haben.

Zum Beispiel?

Weder di Mauro: Dazu gehören Infrastrukturinvestitionen. In Deutschland haben wir im Verkehrs- und generell im kommunalen Infrastrukturbereich Nachholbedarf. Solche Infrastrukturprojekte können mit Krediten, also mit zusätzlicher Verschuldung, finanziert werden. Denn den Lasten, die man dadurch den künftigen Steuerzahlern hinterlässt, stehen auch reale Vermögenswerte gegenüber.

Nach den neusten Zinssenkungen hat der Euro wieder Terrain aufgeholt. Aus fundamentaler Sicht müsste der Dollar doch zur Schwäche tendieren?

Weder di Mauro: Derzeit verhalten sich die Märkte disfunktional. Es wird noch eine Weile dauern, bis fundamentale Aspekte wieder zu greifen beginnen.

Zahlen wir die Rechnung für die hohen Schulden und Milliardenhilfspakete später über eine steigende Inflation?

Weder di Mauro: Zurzeit ist dies nicht so ein Problem, weil die Liquidität gehalten wird. Sowohl die Banken, die Firmen wie auch die Konsumenten horten liquide Mittel. Die von den Notenbanken zur Verfügung gestellten Mittel werden nicht verwendet, um Konsumgüter zu kaufen. Damit sind die preistreibenden Effekte gering.

Aber irgendwann müssen die Notenbanken die Milliarden, die sie jetzt ins System pumpen, wieder herausholen.

Weder di Mauro: Das wird für die Notenbanken eine enorme Herausforderung werden, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um die hohe Liquidität wieder abzuschöpfen. Tut man es zu früh, wird eine Erholung abgeblockt, tut man es zu spät, kommt es zu einem Teuerungsschub. Beides sind wenig erfreuliche Aussichten.

Nochmals: Wer bezahlt die Rechnung für die milliardenschweren Hilfsmassnahmen?

Weder di Mauro: In erster Linie werden es die Steuerzahler sein. Einerseits tragen die Notenbanken immer mehr Kreditrisiken. Das führt zu einem niedrigen Gewinn der Notenbanken für die Staatskassen. Dann ist der Staat über abgegebene Garantien und über die Rekapitalisierungen auch direkt involviert. Viele problembehaftete Wertpapiere, die von den Staaten direkt oder indirekt übernommen wurden, werden nur noch teilweise zurückbezahlt. Die Chance, dass der Staat mit seinem Engagement später sogar einen Gewinn macht, erachte ich als gering.

Die Steuerzahler müssen die Rechnung zahlen: Erwarten Sie steigende Steuern?

Weder di Mauro: Zunächst einmal eine steigende Verschuldung und damit ein höherer Schuldendienst. Dies kann mittelfristig auch zu höheren Steuern führen. Die Wirtschaftsgeschichte belegt: Bankenkrisen sind für den Staat meistens teuer und gehören zu den grösseren Katastrophen für eine Volkswirtschaft.