Jede Aktion im Stellungskampf zwischen Coop-Chef Hansueli Loosli und Migros-Chef Herbert Bolliger provoziert prompt eine Reaktion. Beinahe gleichzeitig mit dem Migros-Einstieg bei AMS meldete Coop via Coopernic den Vorstoss ins Baltikum. Dort hat die Einkaufsorganisation die IKI-Gruppe mit 210 Läden übernommen. Damit ist Coop erstmals im Supermarktgeschäft ausserhalb der Schweiz mit von der Partie. Das stachelt die Migros an, «die bereits eingeleitete Expansion mit Filialen im grenznahen Ausland 2008 konsequent voranzutreiben», wie Sprecherin Monica Glisenti betont.

Coop wächst schneller als Migros

Neben Zukäufen wachsen die Detailhändler auch organisch, allerding unterschiedlich schnell: Coop rechnet laut Mediensprecher Takashi Sugimoto mit einem Plus von 4%. Die Migros will erst in den nächsten Wochen eine konkrete Zahl nennen. «Das Umsatzwachstum 2007 entspricht aber unseren prognostizierten Erwartungen», deutet Glisenti an. Stellt man auf die Vorhersagen im letzten Geschäftsbericht ab, wäre das ein Wachstum von lediglich 1%. Coop dürfte also gegenüber der Migros weiter Terrain gutgemacht haben.

Der Fight zwischen Bolliger und Loosli wird auch 2008 mit unverminderter Härte weitergehen. Zusätzliches Wachstum über Akquisitionen in der Schweiz kann dabei kein probates Mittel sein. Für weitere Übernahmen gibt es kaum mehr geeignete Kandidaten. Im Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Grossverteiler punktete 2007 die Migros mit der Übernahme von Denner. Kontrahent Coop liess nicht lange auf sich warten und konterte mit dem Kauf von Fust und Carrefour. Weitere Übernahmen würde die Wettbewerbskommission genau unter die Lupe nehmen und allenfalls mit hinderlichen Auflagen verknüpfen.

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Zwei Angreifer aus dem Ausland

Statt weiter in die Offensive zu stürmen, könnten Migros und Coop in der Schweiz zusehends in die Defensive gedrängt werden. Die beiden Angreifer sind bekannt: Aldi peilt 2008 die Umsatzmilliarde an, und Lidl plant auf einen Schlag einen fast flächendeckenden Markteintritt. Die beiden deutschen Discounter werden – stellt man auf die Prognosen der Marktforscher ab – in wenigen Jahren 2 bis 3 Mrd Fr. des Gesamtkuchens (42 Mrd Fr.) wegschnappen.

Der Markteintritt der deutschen Billigketten kommt für Migros und Coop in einem denkbar ungünstigen Moment. Denn die Branche sieht sich mit steigenden Rohstoffkosten – auch bei den Nahrungsmitteln – konfrontiert. Coop-Chef Loosli wie auch Migros-CEO Bolliger kamen 2007 um Preiserhöhungen etwa bei Milch und Brot nicht herum.

Diese Entwicklung dürfte sich 2008 fortsetzen und den Preiskampf zwischen den Anbietern zusätzlich anheizen. Loosli sieht denn auch seine wesentlichste Aufgabe darin, «die Kostensteigerung mit höherer Produktivität zu kompensieren». Dazu gehöre, mit den Lieferanten möglichst gute Preise auszuhandeln.

Nicht viel anders tönt es bei Kontrahent Bolliger. «Die steigenden Rohstoffpreise, der noch härter werdende Wettbewerb durch neue Player und die komplizierten Bewilligungsverfahren für Expansionsprojekte werden uns auf Trab halten», erklärt der Migros-Chef.

Gefährliche Verlockungen

Beim Ringen um Kostenführerschaft wird, damit sämtliche Skaleneffekte spielen, internationale Grösse mehr und mehr zum Massstab des Überlebens. Die Versuchung steigt, sich stärker im Ausland umzusehen, zumal sich die Rahmenbedingungen für einen solchen Schritt laufend verbessern. Auf der politischen Agenda stehen 2008 das Agrarfreihandelsabkommen mit der EU, die Umsetzung von Cassis de Dijon sowie die Zulassung von Parallelimporten. Alles Massnahmen, welche die heutige selektive Abschottung des Schweizer Marktes tangieren.

Doch bezüglich Wachstum im Ausland stellt Coop-Chef Loosli klar: «Zurzeit ist nichts in der Pipeline.» Auch bei der Migros will man sich im Ausland vorderhand nicht über Süddeutschland hinauswagen – neben der neuen Einkaufskooperation AMS. Über diese bündeln sieben europäische Detailhändler ihr Einkaufsvolumen. Coop ist auf internationalem Parkett bereits seit längerem die Kooperation in der Einkaufsplattform Coopernic eingegangen.

Im Ausland wagen sich Coop und Migros auf ein Terrain vor mit wesentlich grösseren Platzhirschen. Wer hier fressen will, riskiert, selber gefressen zu werden. Also ist es doch besser, zwischen vorsichtiger Offensive im Ausland und aufmerksamer Defensive auf dem Heimmarkt den besten Mittelweg zu finden.