Beim Stichwort Einkaufszentrum denken viele unweigerlich an Warteschlangen vor dem Lift, gestresste Familien beim Grosseinkauf oder Gedränge am Wühltisch. Nichts davon soll es im neuen Shoppingcenter Stücki in Basel geben, versprechen die Betreiber: «Cosmopolitan Shopping» heisst das Leitmotiv.

Das Stücki ist seit Jahren das erste Grossprojekt, das nicht auf die Kombination von Einkaufen und Unterhaltung setzt und sich folgerichtig auch nicht als Urban Entertainment Center versteht, so wie etwa das Stadtzürcher Sihlcity. Im Stücki soll die Kundschaft einkaufen, nichts als einkaufen - auf 32000 m2 finden sich insgesamt 120 Läden. Die Investitionen fürs Stücki belaufen sich auf 280 Mio Fr. Bauherrin war die frühere Tivona-Gruppe (Jelmoli Real Estate).

Mit diesen Eckwerten wird das Stücki zu den drei grössten Shoppingcenters der Schweiz gehören; angegliedert ist ihm ein Hotel mit 122 Zimmern sowie ein Businesspark. Ein Kinokomplex wie im Zürcher Sihlcity oder gar eine Bäderlandschaft wie im Berner Westside Center sucht man hingegen vergeblich.

Mantelnutzung bringt wenig

«Wir sind der Meinung, dass die Kunden in einem Einkaufszentrum ganz klar eine hohe Kompetenz im Bereich Shopping erwarten», sagt Stücki-Zentrumsleiter Jan Tanner. «Diese Kompetenz kann nicht durch ein Unterhaltungsangebot kompensiert werden.»

Auch Paul de Micheli, Direktor der Standortvermittlerin Retail Factory, die für die Kommerzialisierung im Stücki verantwortlich zeichnet, ist überzeugt: «Die Wertschöpfung einer Kombination von Einkauf und Hotel ist höher als bei Entertainment.» Unterhaltung und Einkaufen funktioniere vor allem im Ausland, wo es kaum attraktive Innenstädte und nur ungenügende Freizeitmöglichkeiten gebe. In der Schweiz sei dies jedoch nicht der Fall. «Diese sogenannte Mantelnutzung kam bei uns vor allem darum auf, weil man damit mehr Parkplätze fürs Einkaufszentrum erstellen konnte.» Und Marcel Stoffel, Chef des grössten Schweizer Shoppingtempels Glatt, doppelt nach: «In der Schweiz sind solche Freizeitangebote in den städtischen wie auch in den ländlichen Gebieten weitgehend abgedeckt. Zudem liegen die Flächenverhältnisse und die Parkplatzangebote weit unter denjenigen im Ausland. Es ist zudem fragwürdig, ob die Schweizer Konsumenten die verschiedenen Angebote an einem und demselben Ort wahrnehmen möchten.»

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Stoffel ist denn auch überzeugt: Die Zukunft des Glattzentrums liege nicht in der Verwässerung des Angebotes durch Kino, Bowling, Wellness etc., sondern in der Weiterentwicklung und Stärkung des bestehenden Angebotes. Tatsächlich gehen verschiedene Projekte, die derzeit in Planung sind, in dieselbe Richtung.

Ein Einkaufszentrum als Ei

Als Vorzeigebeispiel gilt dabei das Centro Ovale in Chiasso (kleines Bild), das durch seine Architektur und der ebenfalls klaren Fokussierung aufs Einkaufen ab 2011 für Aufsehen sorgen soll. Das Zentrum ist ein Joint Venture zwischen RC Vastgoed und einem lokalen Bauunternehmer. Standortvermittlerin Retail Factory übernimmt auch in Chiasso die Kommerzialisierung.Trotz der Argumente der Initianten der neuen reinen Einkaufstempel: Die Betreiber der Urban Entertainment Center bleiben von ihren Chancen überzeugt. Das Ende der Kombination von Einkaufen und Unterhaltung sehen sie nicht - im Gegenteil. Nadine Bachmann vom Sihlcity erklärt: «Verschiedene Konsumtrends weisen in Richtung Erlebnis-Shopping mit einem 24-Stunden-Lebensgefühl. Urban Entertainment Center verschmelzen Kaufen, Vergnügen und Kultur und kommen somit einem immer stärker werdenden Bedürfnis der heutigen Gesellschaft nach.» Zudem, so Bachmann, gebe es viele Synergien zwischen dem Einkaufen, dem Vergnügen und der Kultur. Und: «Die Entwicklung von Sihlcity zeigt, dass das Urban-Entertainment-Konzept auch in der Schweiz Akzeptanz findet.»

Genügend Investoren vorhanden

Obwohl es gemäss Experten in der Schweiz schon heute zu viele Einkaufszentren gibt, werden neue Projekte auf die Beine gestellt. Dass bei einem geplanten Einkaufszentrum die Investoren aussteigen wie beim Ebisquare in Ebikon LU, ist sehr selten. In der Regel lassen sich für die meisten Projekte problemlos Geldgeber finden. So dürften in den kommenden Jahren auch im Basler Dreiländereck weitere Einkaufszentren entstehen. Eines in Frankreich, eines in Deutschland sowie das Erlenmatt-Center auf Schweizer Boden - nur rund 1 km Luftlinie vom Stücki entfernt. Der Shopping-Tempel soll 2012 auf 27000 m2 im Gegensatz zum Stücki Einkauf und Unterhaltung bieten.