Mit einer Steigerung von 25% gegenüber dem Vorjahr war 2007 das erfolgreichste Jahr in unserer 154-jährigen Firmengeschichte», erklärt Nathalie Ziswiler, Sprecherin von Gübelin, dem nach Bucherer und Christ drittgrössten Verkäufer von Uhren und Schmuck in der Schweiz. Ähnlich tönt es auch bei anderen Anbietern, obwohl sich in der Wirtschaft seit einigen Monaten ein Stimmungsumschwung abzeichnet. Das scheint die Branche jedoch nicht gross zu kümmern, im Gegenteil: Laut der Wirtschaftsauskunftei Dun & Bradstreet waren im 1. Quartal 2008 fast 36% der neu gegründeten Unternehmen des Industriesektors in der Luxusgüterbranche angesiedelt.

Zeichen stehen weiter auf gut

Doch wie sieht es bei den Verkäufen aus? «Zurückhaltung ist noch nicht angesagt», meint Ziswiler zur Situation am Ladentisch. Allerdings ist die Wachstumskurve bei Gübelin in den ersten drei Monaten 2008 merklich auf 6% abgeflacht. Bei Christ, der nicht auf die teuersten Marken setzt und im letzten Jahr mit 13% im Plus lag, soll es hingegen auch 2008 zweistellig weitergehen. «Die Finanzkrise wird sich primär im hochpreisigen Segment auswirken», glaubt Karl Weisskopf, Pressesprecher von Christ-Besitzer Coop.

Repräsentativ für die gesamte Branche, die 2007 in der Schweiz für rund 2,5 Mrd Fr. Uhren und Schmuck verkauft hat, dürften die vom Branchenexperten Christoph Brack aufgrund von Umfragen bei 400 Juweliergeschäften hochgerechneten Zahlen sein. Er geht davon aus, dass die Branche 2007 um 14% gewachsen ist. Für 2008 rechnet Brack ? wie Gübelin ? noch mit einem Wachstum von 6%.

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Seine Prognose stützt Brack auf die Bestellungen bei den Schmuckherstellern an der «BaselWorld». «Allerdings haben sich jene Händler, die besonders im teuren Segment tätig sind, kaum zurückgehalten», stellt Brack fest. Das würde dann genau dem widersprechen, was Weisskopf für Christ erwartet.

Umstritten bleibt so, ob beim wirklichen Luxus bereits Abstriche gemacht werden. Eine Art Konjunkturbarometer ist offenbar das Design. «Die wirklich neuen Trends kommen meist erst dann, wenn mit schwierigeren Zeiten zu rechnen ist», gibt Brack zu bedenken. Interpretiert er aus diesem Blickwinkel die in Basel gezeigten Kollektionen richtig, so stehen die Zeichen immer noch gut: Vertrautes herrschte an der Messe vor, echte Innovationen waren kaum auszumachen.

Anders die Modebranche: Sie hat ihre Erwartungen für das laufende Jahr erheblich zurückgestuft. Die Brunschwig Group, die mit 25 Shops in der Schweiz (Grieder, Bongenie) im Bekleidungssektor und mit Accessoires das oberste Preissegment abdeckt, steigerte 2007 den Umsatz zwar um 8% auf 245 Mio Fr. «Doch für dieses Jahr zeichnet sich ein deutlich geringeres Wachstum von 1 bis 2% ab», erklärt Brunschwig-Sprecherin Claudia Torrequadra. Sie beruft sich bei dieser Prognose auf die Verkäufe im 1. Quartal 2008. Diese verharrten auf dem Niveau der entsprechenden Vorjahresmonate. Zusätzlichen Schub erwartet Brunschwig von der Eröffnung zweier neuer Geschäfte in Zürich. Zur grundsätzlichen Einkaufsstimmung sagt Claudia Torrequadra: «Luxus läuft immer gut, ganz besonders Accessoires wie teure Taschen und exquisite Schuhe.»

Lust auf teure Weine

Vom Luxus, der durch den Magen geht, profitierte beispielsweise Coop mit der Fine-Food-Linie. Ihr Umsatz stieg im vergangenen Jahr um 70% auf 72 Mio Fr. «Diese sehr erfolgreiche Entwicklung ging auch in diesem Jahr bisher ungebrochen weiter», sagt Weisskopf. Unentwegt gut verkaufen sich gemäss seinen Aussagen zudem erlesene Weine, besonders teure Bordeaux sowie italienische und spanische Tropfen. Auch Champagner sind gefragt, und beim Hochprozentigen liegen Malt-Whiskys, Premiumbrände sowie Markenliköre im Trend. Coop will die Fine- Food-Linie in diesem Jahr noch stärker forcieren. Weisskopf lässt durchblicken, dass die mit der Übernahme von Carrefour neu erworbenen Megastores gute Möglichkeiten bieten, den Luxus für Gaumen und Magen auch gebührend zu präsentieren.

Flaute im Sommer erwartet

Keine Einbussen werden für 2008 bei den Parfüms und Kosmetika erwartet. Angesichts der herrschenden Nachfrage will die Branche das letztjährige Wachstumstempo beibehalten. Die Import Parfumerie (Impo), die sich mit Marionnaud ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Stellung als grösster Parfümverkäufer der Schweiz liefert, legte 2007 um 5,6% zu.

Widersprüchlich sind die Nachrichten aus der Autobranche. Während Porsche 2007 den Absatz um 21% steigerte, stagnierten die Verkäufe von Mercedes-Modellen der teuren S-Klasse. Zu den Trends und Erwartungen für 2008 will Oliver Peter, Sprecher von Mercedes-Benz Schweiz, sich nicht weiter äussern.

Ob das Geschäft mit Luxus in den Schweizer Verkaufsgeschäften weiter florieren wird, wird nicht zuletzt von der weltweiten Konjunktur abhängen, vor allem bei Uhren und Schmuck. Denn für rund einen Drittel des Umsatzes sorgen in diesem Segment die Touristen. Grundsätzlich besteht zwar kein Grund zur Beunruhigung. Denn in den letzten zehn Jahren hat sich laut dem World Wealth Report von Merrill Lynch und Capgemini die Zahl der Personen mit einem frei verfügbaren Einkommen von mehr als 1 Mio Dollar weltweit verdoppelt. Besonders gewachsen ist die Gruppe der Reichen und Superreichen in Schwellenländern wie Indien, China, Russland und Südkorea.

Allerdings rechnet die Branche mit einer Flaute im Sommer. «Während der Fussball-EM sind die Hotels mit Fussballfans und nicht mit Touristen aus dem Fernen Osten belegt und auch im August wird der Touristenstrom aus China wegen der Olympischen Spiele deutlich kleiner sein», befürchtet Gübelin-Sprecherin Ziswiler.

NACHGEFRAGT Horst Edenhofer, Berater

«Luxus konsumiert man nicht, Luxus gönnt man sich»

Horst Edenhofer hat bis September 2006 30 Jahre lang ? davon 13 Jahre als Direktor ? Cartier Schweiz als Weltmarke für Uhren und Schmuck zu starker nationaler Präsenz verholfen. Im Frühling dieses Jahres war er nun innerhalb der Standort-Entwicklungsorganisation Location Services an der Gründung der Location Luxury Ltd., Zürich/Genf, mitbeteiligt. Dieser steht er als Berater zur Verfügung.

Hat Luxus ? und damit auch Luxusgüter ? Zukunft?

Horst Edenhofer: Ja, weil auch morgen und übermorgen Qualität, Service und ? vor allem im High-End-Bereich ? Einzigartigkeit die entscheidende Rolle spielen. Luxus ist und bleibt gefragt.

Kennt Luxus einen Zyklus?

Edenhofer: Jeder Konjunkturzyklus bringt in seinem Hoch neue Reiche. Das kann ? wie heute mit China und Russland ? geografisch sein, kann aber auch ? wie mit der IT-Branche erlebt ? eine ganze Berufsgattung sein. Irgendwo auf der Welt boomt die Konjunktur immer, das beeinflusst die Luxusgüterindustrie.

Geben Leute, die rasch reich geworden sind, ihr Geld schneller wieder aus für Luxus?

Edenhofer: Die Erfahrung deutet in diese Richtung, ja. Es besteht ein Aufholbedarf.

Was ist für Sie Luxus? Vor allem etwas Materielles?

Edenhofer: Nein, Luxus ist stark verbunden mit Emotionen. Diese muss man fühlen und erleben können. Luxus ist unabhängig von der persönlichen Positionierung und dem gesellschaftlichen Status. Zeit kann Luxus sein. Wenn man mehr Zeit hat, erhält man mehr Möglichkeiten, Emotionen zu erleben.

Hat sich Luxus verändert?

Edenhofer: In den 90er Jahren war der ungestillte Drang dominierend, gedankenlos zu kaufen, zu konsumieren, auch Wertloses. Heute wird überlegt und verglichen, nicht mehr ziellos investiert. Die Wertbeständigkeit ist entscheidend geworden.

Ist der Konsument heute kritischer eingestellt als vor zehn Jahren?

Edenhofer: Ich mag den Begriff Konsument nicht, viel lieber spreche ich vom Kunden. Luxus konsumiert man nicht, Luxus gönnt man sich. Luxus ist ein Genuss.

Kann man des Luxus auch überdrüssig werden?

Edenhofer: Luxus ist eine Frage des Masses und nicht der Masse.