Die Falkenfraktion im Kreml hatte die Ohren gespitzt. Die Mitglieder aus den Geheimdiensten, die heute das Sagen im Staat haben, waren ohnehin zornig darüber, dass ihr Mann Wladimir Putin keine dritte Amtszeit angehängt und stattdessen seinen Schützling Dmitri Medwedjew von der etwas liberaleren Gegenfraktion als Thronerben auserkoren hatte. Auf eine leicht wirtschaftsliberale Haltung waren die Hardliner also eingestellt. Dass sich Medwedjew aber derart weit hinauslehnte, verwirrte die Falken dann doch.

Er werde sich auf die Wirtschaft und die Rechtssicherheit konzentrieren, verriet er sein Programm. Mit «vier grossen I» werde er Russland modernisieren: Institutionen, Infrastruktur, Innovationen und Investitionen. Und im Detail: Unabhängigkeit der Gerichte und Medien, raus mit den Beamten aus den Aufsichtsräten der Konzerne, Schluss mit staatlicher Willkür gegenüber Unternehmen.

Bluff oder Kehrtwende?

Medwedjew bluffe, sagen die einen, sitze er doch selbst dem Aufsichtsrat des Gasmonopolisten Gazprom vor. Nein, entgegnen die anderen: Der 42-Jährige gehe damit auf die Wirtschaftselite zu, die unter Putin gemassregelt und dem Diktat des Staates unterworfen worden war. «Um die Wirtschaft zu modernisieren, muss der Staat eine Partnerschaft seitens der Unternehmer erzielen», schreibt das Wirtschaftsmagazin RBK. Und Sergej Guriew, Direktor der New Economic School in Moskau, sekundiert: «Die russische Ökonomie hat ein solches Niveau erreicht, dass ein weiteres Wachstum auf Grundlage des zentralisierten Modells mit einem grossen Anteil der staatlichen Einmischung schon unmöglich ist.»

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Das wäre eine Kehrtwende: Putin hatte acht Jahre lang den Staatseinfluss in der Wirtschaft ausgeweitet. Am augenscheinlichsten wurde das mit dem Ölkonzern Yukos, der zerschlagen und dann dem staatlichen Ölunternehmen Rosneft einverleibt wurde. Heute generieren Staatskonzerne die Hälfte des Wirtschaftsaufkommens, zu Putins Amtsantritt 2000 war es noch knapp ein Drittel. Dazu kommt eine neue Monopolisierung: Wie der Unternehmerverband Delowaja Rossija vorrechnet, erwirtschafteten 2007 gerade einmal 500 Firmen 80% des Bruttoinlandprodukts. Die wichtigsten werden von Putins Vertrauten kontrolliert.

Die makroökonomischen Daten freilich schienen Putins Kurs zu rechtfertigen, auch wenn vor allem der hohe Ölpreis viel für die Machthaber erledigt hat. Durch Ölexport stiegen die Währungsreserven auf 530 Mrd Dollar. Die Wirtschaft wuchs das achte Jahr mit über 7% jährlich. Die realen Durchschnittslöhne verdreifachten sich auf über 500 Dollar. Auslandsschulden wurden bedient. Der Anteil der Bevölkerung, der unter dem Existenzminimum lebt, halbierte sich auf knapp 15%.

An Medwedjew wird es nun liegen, auf dieser Grundlage nachhaltiges Wachstum durch eine diversifizierte Ökonomie zu schaffen. Sofern man ihn lässt: Den kargen Informationen über die künftige Machtaufteilung zwischen Präsident und Premier ist immerhin zu entnehmen, dass Putin einen Teil der wirtschaftspolitischen Funktionen aus dem Kreml mit sich ins Weisse Haus nimmt. Vielleicht auch, um Medwedjew zu schützen: Putin werde so lange wie nötig mitregieren, «um zu garantieren, dass man seinen Jungen nicht lebend auffrisst», sagte ein Kremlfunktionär dem US-Magazin «Newsweek».

«Ungeachtet der Währungsreserven hat das Land keine Garantie auf langfristige Stabilität», konstatiert Wladimir May, Rektor der Moskauer Akademie für Volkswirtschaft. Das Ende des billigen Geldes führte im 1. Quartal 2008 erstmals seit 2005 wieder zu einem reinen Kapitalabfluss von 22,8 Mrd Dollar.

Den Liquiditätsengpass spüren vor allem Klein- und Mittelbetriebe. Medwedjew versprach, er wolle sie mit Massnahmen gegen Korruption, bürokratische Barrieren und feindliche Übernahmen unterstützen. Kaum etwas scheint dringlicher: Im Korruptionsrating von Transparency International ist Russland auf Platz 143 abgesunken. Medwedjew hat als eine Hauptaufgabe die Justizreform hervorgehoben – um, wie er es nennt, den «Rechtsnihilismus» zu beenden. Als Teil von Putins schwierigem Erbe übernimmt Medwedjew auch die Abhängigkeit vom Rohstoffexport, nach wie vor der Hauptpfeiler der russischen Wirtschaft. Öl und Gas gibt es – aber die staatlichen Rohstoffkonzerne hinken mit Investitionen in die Förderung den Konkurrenten hinterher.

Vor allem aber sitzt dem Land die Inflation im Nacken. Ökonomen mahnen, der neue Präsident solle sich weniger auf seine «vier I» als vielmehr auf das fünfte, das der Inflation, konzentrieren. «Gestiegene Ausgaben für Soziales, Sicherheitsbehörden und die Armee sowie die Schaffung von staatlichen Grossgesellschaften» nennt der Analyst Jewgeni Gawrilenkow als Ursachen der Inflation. Letzteres hatten Medwedjew und Putin gemeinsam geplant, um die Wirtschaft zu diversifizieren und die Entwicklung moderner Technologien zu fördern. Aber schon warnen Experten, diese neuen Kolosse würden ein zu grosses Eigenleben entwickeln, die staatlichen Milliarden könnten wirkungslos im Sand versickern.

Um 11,9% waren im Vorjahr die Preise gestiegen, für dieses Jahr prognostizieren Experten 14%. Der Warenkorb der untersten Schichten verteuerte sich um 20%. Im Grunde müsse ein Drittel der Bevölkerung deshalb weiterhin als arm gelten, sagt der Soziologe Jewgeni Gontmacher.

Zum 1. Mai wurden nun die monatelang eingefrorenen Preise auf einige Grundnahrungsmittel wieder freigegeben. Auch die eben beschlossene Tarifverdoppelung bis 2011 für Gas, Strom und auch Bahnreisen heizt die Inflation an. Von «grossen Unannehmlichkeiten» für Medwedjew sprach neulich eine Ökonomengruppe, die Putins Erbe analysierte: Der neue Präsident müsse entscheiden, ob er sich im Interesse der Inflationsbekämpfung auf eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums einlässt.