Die Warnungen vor einer helvetischen Kreditklemme haben sich bisher nicht bewahrheitet, wie ein Blick in das «Statistische Monatsheft» der Schweizerischen Nationalbank (SNB) beweist: Die von im Inland domizilierten Schuldnern beanspruchten Kredite beliefen sich im April 2008 auf 828 Mrd Fr. Dieser Wert ist in den vorangegangenen zwölf Monaten durchgehend gestiegen. Dabei haben die Pessimisten genug Argumente: Durch die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums seien die Risiken für die Kreditgeber gestiegen, weil Firmen- wie auch Privatkunden ihre Schulden vermehrt nicht mehr bedienen können. Auch das Aufschieben von ursprünglich fest eingeplanten Ausgaben wäre angesichts der unsicheren Konjunkturlage möglich. Der Interbankenmarkt sei zudem ausgetrocknet, die Refinanzierung für die Banken schwierig. Und am Ende eines Konjunkturzyklus steige im Kreditmarkt in der Regel der Wettbewerb, was umgekehrt die entsprechenden Margen schwinden lässt.

Gute Pro-Argumente

Gemäss den warnenden Stimmen könnte dies in den kommenden Monaten aber durchaus noch zu einem sinkenden Kreditangebot führen. «Die Turbulenzen an den Finanzmärkten sind insbesondere an den Grossbanken nicht spurlos vorübergegangen», räumt Felix Brill, Head Economic Research Switzerland der UBS, ein. Der Schweiz bleibe eine Kreditklemme aber erspart, gemäss Brill vor allem aufgrund der schmerzhaften Erfahrungen in der Immobilienkrise der 90er Jahre.

Damals hatten die Banken aufgrund einer zu laschen Kreditpolitik Milliarden verloren. «Die Banken haben ihre Lehren gezogen und die Praxis der Kreditvergabe verändert – es gilt heute das Ertragswertprinzip mit Blick in die Zukunft des Schuldners und nicht mehr das auf die Gegenwart gerichtete Substanzwertprinzip», erläutert der UBS-Ökonom. Es gab daher keine Übertreibungen bei der Kreditvergabe – für Hypo- wie auch für andere Kredite – und entsprechend bestehe kein Korrekturbedarf.

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Als zweitwichtigsten Grund, der gegen eine Kreditklemme spricht, nennt Felix Brill die gute Liquiditätslage der Firmen. Diese hätten die Erweiterungsinvestitionen zu einem grossen Teil selber geschultert und nicht fremd finanziert.

Die bewusstere Kreditpolitik und die gute Liquiditätslage der Unternehmen haben folglich die Zyklen im Kreditmarkt geglättet. Dies verhinderte in der Vergangenheit zwar eine noch stärkere Zunahme des Kreditvolumens. Umgekehrt ist deswegen in Zukunft kein Austrocknen des Kreditmarktes zu befürchten.

Gute Kontra-Argumente

Gegen eine Kreditkrise spricht ein weiteres Bündel von Gründen: Das Wirtschaftswachstum ist langsamer als in den vergangenen Jahren, aber noch immer stabil. Gemäss einer im 2. Quartal von der UBS durchgeführten Umfrage bei 410 Unternehmen bewegen sich Indikatoren wie Auftragseingänge und -vorräte sowie die Erträge noch im positiven Bereich. Der auf der Umfrage basierende UBS-Konjunkturindikator erwartet für das 3. Quartal ein Wachstum des Bruttoinlandproduktes von 2,3%. Die weiterhin tiefe Arbeitslosigkeit lässt nicht erwarten, dass Private in den kommenden Monaten den Gürtel enger schnallen. Zudem meiden die Anleger gegenwärtig die Börsen und zahlen lieber auf Sparkonti ein – die bedeutendste Refinanzierungsquelle der Banken für die Vergabe von Krediten sprudelt weiter. Schliesslich ist trotz der sinkenden Kreditmargen das Zinsdifferenzgeschäft der wichtigste Ertragspfeiler der Branche. Gemäss der SNB-Statistik «Die Banken in der Schweiz 2007» machte der Erfolg des Zinsgeschäftes bei allen Instituten im Jahr 2007 rund 72% des gesamten Ertrages aus.

Eher kein Credit Crunch

Auch angesichts der stabilen Konjunktur, der vorhandenen Liquidität für die Refinanzierung und der Bedeutung des Zinsdifferenzgeschäfts für die Banken ist es unwahrscheinlich, dass die Branche die Kreditvergabe einschränkt. Insbesondere die Kantonal- und Regionalbanken sowie die Sparkassen und Raiffeisen-Banken dürften den Kredithahn nicht zudrehen. Diese Institute waren weit weniger, beziehungsweise gar nicht, in Subprime-Verbriefungen engagiert und hatten entsprechend keinen Abschreibungsbedarf in Milliardenhöhe wie die Grossbanken.

Eine Umfrage, ob der Schweiz eine Kreditklemme bevorsteht, scheint diese Argumente zu bestätigen. Raiffeisen etwa schreibt: «Wir haben die bewährte Kreditpolitik nicht verändert. Es gibt aus unserer Sicht dazu auch keinen Anlass.» Das Statement der UBS lautet: «In der Schweiz kann nicht von einer Kreditkrise gesprochen werden.» Die Antworten des Hauseigentümerverbandes des Kantons Bern sowie von Swissmem – der Branchenverband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie – lassen sich auch auf einen kurzen Nenner bringen: «Keine Ahnung». Soll heissen: Die Kreditvergabe der Banken stellt gegenwärtig kein Problem dar.

Ganz entgegen den warnenden Stimmen könnte das Kreditvolumen sogar noch zunehmen. Die Inflation wird gemäss vielen Ökonomen im weiteren Verlauf des Jahres leicht zurückgehen. Die UBS rechnet damit, dass die SNB die Leitzinsen frühestens im März 2009 senkt. Und tiefere Zinsen stimulieren zumindest gemäss Theorie die Nachfrage nach und das Angebot an Krediten. Laut Felix Brill würde eine Leitzinssenkung aber nicht automatisch eine steigende Kreditnachfrage nach sich ziehen. «Es kommt darauf an, wie die Konsumentenstimmung sowie das Geschäftsklima bei den Unternehmen sich entwickeln», erläutert der UBS-Ökonom. Gehen sowohl Private als auch Firmen davon aus, dass ein deutlicher Wirtschaftsabschwung bevorsteht, werde eine Zinssenkung von zum Beispiel 25 Basispunkten nicht viel bewirken. «Der Aufschwung wie auch der Abschwung beginnen im Kopf», fasst Felix Brill zusammen. Und davon hänge schlussendlich auch der Kreditmarkt ab.

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