Zum ersten Mal seit über zehn Jahren ist der globale Schokoladenmarkt volumenmässig um über 2% geschrumpft. Das fordert die beiden Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli sowie Barry Callebaut heraus. Sie reagieren mit verschiedenen Rezepten.

Bei Lindt & Sprüngli ist der erfahrene Ernst Tanner am Werk, der den Konzern seit 17 Jahren führt. Der erfolgsverwöhnte Manager hat ein hartes Jahr hinter sich. Er musste im 1. Semester einen Umsatz- und Gewinnrückgang hinnehmen. Stark gelitten hat insbesondere das Duty-free-Geschäft. Solche Einbussen schmerzen den Maître Chocolatier. Denn er führt den Konzern, als ob er ihm gehörte. Er ist nicht nur CEO bei Lindt & Sprüngli, sondern auch noch Verwaltungsratspräsident, Präsident des Fonds für Pensionsergänzungen sowie einer der grössten Einzelaktionäre. Tanner versteht nicht nur etwas von feiner Schokolade, sondern vor allem auch von der Vermarktung des süssen Geschäfts. In einem Überraschungscoup konnte er Tennis-As Roger Federer als Markenbotschafter gewinnen. Mit Federer als Zugpferd will er dieses Jahr Stück für Stück Märkte erobern. Mitte Januar, kurz vor dem Australian Open, soll der Schweizer Tenniscrack vor Journalisten in Melbourne bei der Eröffnung eines Lindt-Chocolat-Cafés dabei sein.

Neue Lindt-Fabrik in den USA

Im Frühling soll zudem die neue Fabrik in Stratham, New Hampshire eröffnet werden. Dank dieser Fabrik kann Lindt schneller auf Bestellungen in den USA reagieren und spart auch Transportkosten und Zoll. Damit kann der Einbruch im US-Geschäft abgefedert werden. 2009 war für Tanner ein durchzogenes Jahr. Nun soll es wieder aufwärts gehen. Doch angesichts der steigenden Kakaopreise dürfte das selbst einem Tanner schwer fallen. Dennoch: Ab 2011 soll der Kilchberger Konzern wieder wie früher wachsen, glaubt Tanner.

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Barry kommt mit Vulcano

Jürgen B. Steinemann ist ein Schokoladengreenhorn - noch. Er führt den weltweit führenden Kakao- und Schokoladenhersteller Barry Callebaut erst seit letztem August. Dabei setzt er wie sein Vorgänger Patrick de Maeseneire auf den Outsourcing-Trend. Das Verbrauchergeschäft mit den Endkunden will er abstossen. Das ist Barry Callebaut bisher nicht gelungen.Das Wachstum soll zu mehr als der Hälfte aus dem Outsourcinggeschäft kommen. Bereits beliefert der Konzern Nestlé, Hershey, Cadbury sowie andere grosse Schokoladenproduzenten, die aber ihre Bezugsquelle der Öffentlichkeit nicht preisgeben wollen. Aber Lindt & Sprüngli ist nicht dabei. Der Kilchberger Schokoladenhersteller produziert alles selber.Die fünf grossen Schokoladenanbieter der Welt haben im Durchschnitt erst 12% ihrer Produktion ausgelagert. Hier sieht Steinemann die Chance für seinen Konzern. Nun will er Industriekunden von Barry Callebauts Schokoladeninnovationen überzeugen. Diese Industriekunden bestimmen, ob und wie das Produkt vermarktet wird. Bahnbrechend ist die kalorienarme und hitzefeste Schokolade, die Barry Callebaut jüngst entwickelt hat. Intern wird diese Schokolade Vulcano genannt. Sie hat 90% weniger Kalorien pro Volumen, und der Schmelzpunkt liegt hoch - bei 55 Grad Celsius. In der Regel zergeht herkömmliche Schokolade je nach Zusammensetzung bereits ab 30 Grad. Im Diät-versessenen Amerika könnte diese Schokolade zum Wachstumsmotor werden, und in China und Indien könnte das hitzebeständige Produkt zu einem Durchbruch beim Schokoladenkonsum führen. Denn dort war ein Vertrieb ohne Aufbau teurer Kühlketten bisher nahezu unmöglich. Kann Steinemann die Industriekunden von dieser Innovation überzeugen, wäre das ein gelungenes Gesellenstück.