Eigentlich sei es «bloss ein Wegwerfartikel», sagt Stewo-Geschäftsführer Norbert Bucheli. Doch das Geschenkpapier, das aus den Maschinen seiner Firma kommt, behandelt er so sorgfältig, als handle es sich um den kostbarsten Schatz. Zumindest für einen kurzen Moment sind es die farbigen Papiere auch: Die Verpackung weckt beim Schenken Gefühle, schürt Hoffnungen und weckt Erwartungen. Wenn an Heiligabend Kinderhände die Pakete auspacken, geht es aber bald nur noch um den Inhalt, die schmucken Papiere enden dort, wo es der Chef prophezeit hat: Im Kehricht.

Vom Wegwerfartikel lebt Buchelis Stewo in Wolhusen LU gut. Wenn er wählen könnte, würde er sich deshalb selber am liebsten «zweimal Weihnachten» schenken. Ein verständlicher Wunsch: Das Unternehmen macht mit dem Fest die Hälfte des Jahresumsatzes. Insgesamt 44 Millionen bedruckte Laufmeter - gut einen Erdumfang - liefern die Wolhuser Jahr für Jahr aus; genug Papier für rund 132 Millionen Geschenke, wie Stewo ausgerechnet hat.

Vor zwei Jahren allerdings fiel Weihnachten bei der Stewo aus. Am 1. Dezember 2008 legte die Besitzerin Bax Capital Advisors die Maschinen still und stellte die Beschäftigten auf die Strasse. Die Bilanz wurde deponiert. Die ehemalige Besitzerfamilie Steffen hatte Stewo 2006 an die Zürcher Investmentfirma verkauft.

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Von Familie zu Familie

Als Retter in der Not trat ein deutsches Familienunternehmen auf den Plan. «Wir kannten die Stewo seit 2006. Wir wollten damals schon einsteigen, unterlagen aber beim Bietprozess», erklärt Jan Schneider, Geschäftsführer von Baier & Schneider aus Heilbronn. Die Schneiders führen den Notizbuch-Hersteller mit 1000 Mitarbeitern bereits in fünfter Generation. Baier & Schneider signalisierte unverzüglich, dass man gewillt sei, die 146-jährige Stewo zu übernehmen.

Sofort konzipierten die Deutschen ein Modell, um die Firma während des Insolvenzverfahrens provisorisch weiterzuführen. Im Januar 2009 starteten sie die Maschinen wieder, 90 der 123 Entlassenen kehrten an ihre Arbeitsplätze zurück. Seit Juli 2009 gehört Stewo offiziell zu Baier & Schneider, das Werk in Wolhusen schreibt wieder schwarze Zahlen. Ganz dort, wo es in seinen besten Zeiten schon einmal stand und 72 Millionen Franken Umsatz erwirtschaftete, ist es allerdings noch nicht. «Wir haben damals vor zwei Jahren mit negativen Schlagzeilen schnell Kunden verloren, die wir seither nur langsam zurückgewinnen», räumt Bucheli ein.

Bevor er beim Neustart 2009 zum Geschäftsleiter avancierte, hatte Bucheli die turbulenten älteren Zeiten und mehrere erfolglose Restrukturierungen als Verkaufsleiter beim luzernischen Mittelunternehmen hautnah miterlebt. «Es wurden einige Fehler gemacht», meint er rückblickend, will aber nicht in die historischen Details gehen. Immerhin: Selbst auf ihrem Tiefpunkt behauptete sich die Stewo als Marktführerin in der Schweiz.

Kundschaft in der ganzen Welt

Die Deutschen mussten in Wolhusen sofort mehrere Millionen investieren, etwa in die Verbesserung der Energieeffizienz oder in neue Büroräume. Zudem holten sie die vorher ausgelagerte Logistik wieder zurück. Heute, unter den neuen deutschen Besitzern, steht die Stewo mit inzwischen 110 Beschäftigten wieder gesund da. Sie ist noch internationaler ausgerichtet: Drei Viertel der Produktion gehen in den Export, hauptsächlich in westeuropäische Länder (siehe Kasten).

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Die Stewo profitiert heute von Synergien mit der Schneider-Gruppe, denn diese produziert Kalender, Schulhefte, Bastelartikel sowie Notiz- und Geschäftsbücher. «Es geht bei Schneider immer um Papier. Mit Geschenkpapier können wir unser Sortiment ideal ergänzen», erklärt Marketingchef Matthias Schneider.

Der Einstieg bei Stewo markierte für Baier & Schneider den Beginn einer Expansionsphase. Der jüngste Akt erfolgte im Sommer 2010, als sie gleich fünf weitere Firmen in Skandinavien und im Baltikum übernahm. Nun sei jedoch Konsolidierung angesagt, betont Jan Schneider. Er will die rund 20 einzelnen Firmen mit über 1000 Beschäftigten zu einem Ganzen zusammenschmieden. Dazu gehört, dass die internationalen Betriebe fortan unter dem Dach einer neuen Holding agieren, die ebenfalls in Wolhusen angesiedelt ist. Das bringe einige steuerliche Vorteile, wie Matthias Scheider unumwunden zugibt.

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Weniger Freude bereitet den neuen Eigentümern aus Deutschland hingegen der immer stärkere Franken. Allerdings ist das laut Schneider «der einzige Standortnachteil». Und mit diesem könne man leben. Etwas Stolz schwingt bei solchen Äusserungen mit: Die neuen Besitzer haben es geschafft, dass Weihnachten 2008 für die Stewo-Belegschaft doch noch stattfand - wenn auch um Wochen verspätet.

Zwischen Zeitgeist und Tradition

Dieses Jahr wird wieder auf vollen Touren produziert. Gold, Weiss und Schwarz sind bei den Kunden angesagt. Im Trend liegen auch metallisierte Papiere, veredelte Oberflächen sowie Prägungen mittels Heissfolien. Anderseits bleiben Tannen, Kugeln und Sternchen als Motive Dauerbrenner. Weihnachten behaupten sich eben letztlich trotz aller neuen Kreationen als traditionelles Fest.

Die Stewo lebt zwar stark vom Weihnachtsgeschäft. Doch kurz vor den Festtagen ist der Stress bereits vorbei, die letzten Geschenkpapiere wurden vor einigen Wochen ausgeliefert. Auf Buchelis Tisch liegen bereits die Kataloge für die Kollektionen für das Jahr 2011. Präsentiert werden sie Ende Januar an der «Paperworld» in Frankfurt, der wichtigsten internationalen Fachmesse. Und bereits entwerfen in Wolhusen ein halbes Dutzend Designerinnen die Kollektionen für 2012. «Bei der Gestaltung von Geschenkpapier spielen ähnliche Mechanismen wie in der Modewelt», sagt Bucheli.

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