Exchange Traded Funds wurden anfänglich gekauft, um mit einem Produkt auf einen gewichtigen Index eine breite Diversifikation zu erreichen. Jetzt gibt es bereits eine grosse Zahl an Nischen-ETF. Geht da für den Anleger nicht die Übersicht verloren?

Roger Bootz: Bei den bis heute ausgegebenen ETF handelt es sich grössenteils um Produkte, die breit diversifizierte Aktienindizes abbilden. Seit zwei Jahren haben Indexanbieter wie beispielsweise Dow Jones Indexes oder die Deutsche Börse neue, Anlagethemen-spezifische Indizes aufgelegt, die als Basis für ETF dienen können. Es handelt sich hier etwa um Nischenmärkte oder Anlagethemen wie Wasser und neue Energien. Anleger sollten sich im Vorfeld einer Investition über ihr Risiko-Rendite-Profil im Klaren sein und erst im Anschluss mögliche Produkte für eine Investition in Betracht ziehen. Mit der stark steigenden Anzahl an ETF ist es in der Tat zeitintensiver geworden, das richtige Produkt zu finden.

In der aktuellen Finanzkrise hat der enger gefasste Schweizer Index SMI stärker nach unten korrigiert als der breiter diversifizierte SPI. Das hat viele Investoren verunsichert.

Bootz: Diese Reaktion ist verständlich. Es ist wichtig, wie bei jeder Finanzanlage, dass die Anleger vor einem Engagement die Zusammensetzung eines Indexes, der von einem ETF abgebildet wird, genau kennen.

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Beim SMI sind die Finanztitel überdurchschnittlich stark vertreten. Damit ist für die Investoren so etwas wie ein Klumpenrisiko entstanden. Trübt dies nicht das Image des breit diversifizierten Indexfonds?

Bootz: Nein, beim SMI handelt es sich um einen Index, der die Wertentwicklung des Schweizer Aktienmarktes misst. Auf das Klumpenrisiko hat die SIX Swiss Exchange reagiert und den Swiss Leaders Index (SLI) lanciert, der das maximale Gewicht einer einzelnen Aktie im Index reduziert.

Die Indexfonds haben wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten erheblich gelitten. Ist jetzt, bei vermeintlichen Tiefstkursen, ein günstiger Zeitpunkt für den Einstieg?

Bootz: Das ist schwierig zu beurteilen. Jeder Anleger muss den Zeitpunkt für einen Kauf von Indexfonds selber festlegen. Zur Performance: Natürlich sind die Nettoinventarwerte der ETF im Zuge der Finanzkrise gefallen, im Vergleich zu den aktiv gemanagten Anlagefonds haben sie aber sehr positiv abgeschnitten. Lyxor verzeichnete in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres bei den verwalteten Vermögen einen starken Zuwachs. Zudem spiegelt sich die günstige Entwicklung auch in einem deutlich höheren Handelsvolumen der an der SIX Swiss Exchange gelisteten ETF, aber auch im weltweiten Markt.

Was sind die Gründe dafür?

Bootz: Viele Investoren, die am Aktienmarkt noch aktiv sind, orientieren sich tendenziell an breit diversifizierten Anlagen. ETF lassen sich innerhalb eines Tages analog einer Aktie an der Börse kaufen und verkaufen. Damit können kurzfristige Marktbewegungen ausgenutzt werden.

Die tieferen Kosten für ETF sind ein Vorteil gegenüber den aktiv gemanagten Anlagefonds. In der aktuellen Finanzkrise gab es aber oft hohe Differenzen zwischen den An- und Verkaufskursen an der Börse.

Bootz: Bei erhöhten Kursausschlägen in den Indizes, die von ETF abgebildet werden, sichern sich die Market-Maker tendenziell durch teilweise breitere Geld-Brief-Spannen ab.

Muss das Market-Making verbessert werden?

Bootz: Nein. Die Market-Maker müssen sich den entsprechenden Marktbedingungen anpassen.

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Wo sind diese Verzerrungen am grössten?

Bootz: Am schwierigsten sind die Emer-ging Markets. In diesen teils engen Märkten können die Kursausschläge viel stärker sein.

Die Anbieter legen laufend neue ETF auch aus exotischen Märkten auf, wie etwa dem koreanischen Aktienmarkt oder den britischen Immobilien-Gesellschaften. Ist das nicht ein erhebliches Risiko für den Anleger?

Bootz: Als Anbieter sehen wir das anders. Wir lancieren neue Produkte, wenn eine Nachfrage von Kundenseite vorhanden ist. Im Fall von Korea war es ein konkretes Bedürfnis, mittels eines ETF in diesem Markt zu investieren.

Damit steigt die Verlustgefahr ...

Bootz: ? gleichzeitig aber auch die Gewinnchance.

Eignen sich Indexfonds vor allem als Beimischung zu aktiv gemanagten Fonds?

Bootz: Ja, denn 80 bis 90% des Anlageerfolges hängen von der Allokation der Vermögenswerte ab. Ausschlaggebend ist die richtige Auswahl der Märkte.

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Die Vermögensverwaltungsbanken sind gegenüber den Indexfonds zurückhaltend. Was sind die Gründe?

Bootz: Diese Banken setzen die ETF dort ein, wo sie über keine eigenen Produkte verfügen, aber eine Kundennachfrage vorhanden ist. Für gewisse Institute sind die Indexfonds aufgrund ihrer tiefen Gebührenstruktur im Vertrieb nicht gleich attraktiv wie aktiv gemanagte Fonds.

Wie hat sich das ETF-Geschäft für Lyxor in einem schwierigen Marktumfeld entwickelt?

Bootz: Wir beobachten eine positive Entwicklung. In Europa bietet Lyxor derzeit über 140 ETF an. Seit Jahresbeginn stiegen die von uns verwalteten Vermögen in ETF um 14% an. Der Marktanteil hat sich auf 26% erhöht.

Haben Indexfonds gegenüber anderen Anlageklassen profitiert?

Bootz: Ja, dieses Wachstum bei den ETF stammt nicht nur aus dem Aktienbereich, sondern stark auch von den Geldmarkt- und Obligationen-ETF.

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Die neuen ETF konzentrieren sich vor allem auf Schwellenländer-Indizes. Bei den Emerging Markets ist es jüngst zu massiven Korrekturen gekommen. Wie beurteilen Sie die Aussichten?

Bootz: Durch die erhöhten Volatilitäten in den Schwellenländer-Indizes können über ETF kurzfristige Markttendenzen ausgenutzt werden. Dies auch vor dem Hintergrund der permanenten Handelbarkeit an der Börse.

Zu den neuen Anlagethemen gehören Wasser und erneuerbare Energien. Hat die Finanzkrise ganz generell nicht Themen rund um den Klimawandel etwas in den Hintergrund gerückt?

Bootz: Aufgrund der aktuellen Finanzmarktsituation stehen diese themenbasierten ETF nicht ganz zuvorderst. Aber bei den alternativen und neuen Energien handelt es sich um langfristige Trends, die bei einem Anlagehorizont von mehreren Jahren attraktiv sein können.

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Die Zahl der neuen Indexfonds nimmt rasant zu. Genügen alle diese Produkte den hohen Qualitätsansprüchen der Anleger?

Bootz: Die Anbieter legen einen neuen Indexfonds nur dann auf, wenn die darin abgebildeten Titel über die nötige Liquidität verfügen und eine Nachfrage im Markt besteht. Durch die nötige Liquidität im Index kann der Market-Maker an der Börse attraktive Geld-Brief-Spannen bieten.

Worauf muss ein Investor beim Kauf eines Indexfonds achten?

Bootz: Als Erstes muss sich der Anleger für einen bestimmten Markt entscheiden. Wichtig ist danach bei einem Vergleich der verschiedenen Anbieter die Management Fee oder Total Expense Ratio, das heisst die Gesamtkosten, die innerhalb eines Jahres dem ETF belastet werden. Es gilt zu bestimmen, ob die Dividenden im Fonds verbleiben oder regelmässig ausbezahlt werden. Zudem sind die Geld/Brief-Spannen der Mitbewerber zu vergleichen. Letztlich absolut zentral bleibt, dass der Investor den gewählten Indexfonds, der durch den ETF abgebildet wird, auch wirklich versteht. Zudem ist auf die Genauigkeit der Indexabbildung zu achten. Wie exakt bewegt sich die Wertentwicklung des ETF im Vergleich zum Referenzindex.

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Die durchschnittliche Total Expense Ratio hat sich bei den ETF seit 2002 von 0,49 auf 0,37% vermindert. Hält dieser rückläufige Trend an?

Bootz: In jüngster Zeit wurden vor allem Obligationen- und Geldmarktprodukte neu aufgelegt, die tendenziell niedrige Verwaltungsgebühren verursachen. Das hat die Durchschnittsgebühren etwas nach unten gedrückt. Bei den Schwellenländer-ETF sind die Kosten höher, weil es für den Fondsmanager schwieriger ist, in diesen Märkten zu operieren.

Es gibt aber bei den Gebühren der einzelnen ETF-Anbieter auch grosse Unterschiede.

Bootz: Neue Anbieter drängen auf den Markt und versuchen, sich mit tiefen Gebühren gegenüber der Konkurrenz zu profilieren. Wir sind nicht immer die Günstigsten, verwalten aber in Europa den grössten ETF auf den Dow Jones Euro Stoxx 50 Index mit über 5 Mrd Euro. Das ist ebenfalls ein Auswahlkriterium. Einem grossen Indexfonds wird mehr Vertrauen entgegengebracht.

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In welchen Bereichen wird Lyxor neue ETF lancieren?

Bootz: Die Produkt-Familie in der Schweiz wird weiter ausgebaut. Wir schauen uns vor allem das Obligationensegment an.