Das vor zwanzig Jahren als Startup der ETH Zürich gegründete Unternehmen aus Stäfa mit inzwischen rund 750 Mitarbeitenden und Niederlassungen in den USA, Südkorea, Japan, China und Taiwan sieht sich selbst als Innovationspionier. Das gilt nicht nur für die eigenen Mikrosensor-Produkte, sondern auch für die Organisation selbst. Mit dem Umstieg auf SAP S/4 Hana, das vor ziemlich genau einem Jahr eingeführt worden ist, wird ausgehend von der neuen ERP-Basis konsequent auf die in der Digitalisierung schlummernden Potenziale gesetzt. Kurz gesagt vollzieht Sensirion intern nach, was bei den Produkten selbst als Alleinstellungsmerkmal angegeben wird: Die «intelligente Systemintegration».

Moritz Köhler, Head Global IT, verantwortet die digitale Transformation genauso wie die Weiterentwicklung und den Betrieb sämtlicher IT-Systeme, wozu insbesondere das SAP Competence Center gehört. Für ihn hat die Digitalisierung «für Gesellschaft, Bürger und Unternehmen die gleiche Bedeutung wie einst die Globalisierung». Es sei die falsche Frage gewesen, sich zu überlegen, ob man da mitmachen möchte. Sie war und ist ein Fakt, stellt Köhler klar: «Sie bot und bietet Chancen, sich weiterzuentwickeln, oder man verschwindet vom Markt».

Genau das Gleiche passiere gerade bei der Digitalisierung: «Sie ist ein Fakt!» Wer die Chancen nutze, werde sehr erfolgreich sein. «Wer darüber diskutiert, das Thema als Pflichtübung sieht oder sich überlegt, vielleicht nur ein bisschen mitzumachen, hat leider sehr schlechte Karten.» Dabei gesteht er gern zu, dass die Freude an der Digitalisierung eher Typ-Sache ist: «Menschen und Unternehmen, die Freude an Herausforderungen und Chance haben, werden auch der Digitalisierung offen gegenüberstehen», so sein Ansatz.

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Es lief (fast) alles rund

Es verwundert angesichts dieser Einstellung nicht, wenn Köhler zwar durchaus Kritik an SAP äussert, aber erst einmal hervorhebt, dass man bei Sensirion mit der Einführung von SAP S/4 Hana «sehr zufrieden» ist. Das operative Geschäft habe man «nach der Einführung einwandfrei weiterführen und sogar zügig ausbauen» können, und die Erwartungen hätten sich «vollumfänglich erfüllt».
Konkret verweist Köhler auf den Logistikbereich mit dem Lagersteuersystem SAP-EWM (Extended Warehouse Management). Hier habe man «das System stetig weiterentwickeln und zahlreiche Optimierungspotentiale realisieren» können. Zudem sei im Dezember letzten Jahres erfolgreich SAP C4C, das Cloud-CRM der SAP, eingeführt worden.
Dennoch läuft in Sachen SAP noch nicht alles rund. So habe etwa die Schnittstelle zwischen S/4 Hana und C4C leider noch nicht stabil genug funktioniert, so dass diese Schnittstelle deaktiviert werden musste. «Es zeigt sich, dass die Anbieter von Business Software wie zum Beispiel SAP die einzelnen Systeme sehr gut im Griff haben. Bei der Integration verschiedener Anbieter sieht es dafür umso düsterer aus», erläutert der IT-Chef. Es fänden anscheinend keine Integrationstests statt, und «diese Arbeit bleibt dem Kunden überlassen», kritisiert er.

SaaS: grosse Herausforderungen

Zudem habe sich nach der Einführung im Januar 2018 als grosse Herausforderung herausgestellt, «unsere integrierte IT-Landschaft stabil zu betreiben und das harmonische Zusammenspiel aller Komponenten» zu erreichen, fügt er an. Gerade im Bereich von SaaS-Applikationen ( Software as a Service) sieht Köhler die Anbieter noch vor grossen Herausforderungen. So sei bei SAP C4C ein stabiler und performanter Betrieb noch nicht garantiert, es mangele noch an der Verfügbarkeit sämtlicher produktiver Schnittstellen, der Upgrade-Fähigkeit und auch am automatisierten Monitoring. «So haben wir festgestellt, dass Fehler plötzlich in produktiven SaaS-Lösungen auftreten können, die wir zuvor nicht in Test- oder Qualitätssystemen entdecken konnten», konkretisiert Köhler.
Entmutigen lässt er sich dadurch aber gleichwohl nicht. Vielmehr hält er fest, dass es «hier sehr flexible und redundante Geschäftsprozesse braucht, um den kontinuierlichen Betrieb des Unternehmens gewährleisten zu können». Und schiebt nach: «Ein aktives Risikomanagement ist zwingend nötig.»
 

Keine Ernüchterung

Köhler winkt trotz dieser Erfahrungen ab, wenn man ihn auf die wenig berauschenden Zahlen des neusten Investitionsreports 2019 der deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) anspricht. Die DSAG will herausgefunden haben, dass SAP-Anwenderunternehmen, ernüchtert aufgrund einer immer realistischeren Einschätzung der anstehenden Aufgaben in Sachen Digitalisierung, kaum vom Fleck kämen.
Sensirions oberster IT-Mann sieht das ganz anders: «Von Ernüchterung kann bei uns nicht die Rede sein.» Er gesteht zwar ein, dass neue Themen wie Smart Data, IoT (Internet of Things), AI (Artificial Intelligence) oder Blockchain noch in den Kinderschuhen stecken. Doch sei es «ein Trugschluss zu glauben, dass diese neuen Technologien das Leben einfacher machen oder für sich alleine Wert im Unternehmen schaffen». Wie bei allen Technologien handle es sich hierbei um Werkzeuge, die einem helfen können Werte zu schaffen, wenn sich richtig eingesetzt werden, streicht er seine Position heraus. «Dies bedeutet aber ein ständiges Dazulernen für das gesamte Unternehmen (Stichwort: lernende Unternehmung), viel Arbeit, die Bereitschaft auch mal Fehler zu machen – und vor allem Mut!»
Köhlers Eindruck steht denn auch quer zu den Resultaten der DSAG-Studie: «Die Schweizer Wirtschaft ist beim Thema Digitalisierung sehr gut aufgestellt und für die Zukunft hervorragend positioniert.» Eine Erklärung für die angebliche Ernüchterung in der Industrie sieht er «eher durch die steigende Komplexität der Systeme und Ängsten vor den Herausforderungen des Datenschutzes hervorgerufen». Denn Chancen biete die Digitalisierung allemal, ist Köhler überzeugt.
 

«Wir investieren weiter in SAP»

Und wie geht es denn nun weiter in Sachen SAP und Digitalisierung bei Sensirion, wird weiter und vermehrt in SAP-Projekte investiert? Auf jeden Fall, betont Köhler. «Unsere SAP-Systemlandschaft ist für uns eine wichtige strategische Säule, die wir auch in Zukunft ständig weiterentwickeln werden.»
Man sehe einen Trend, der «ganz klar Richtung hoch verfügbarer Cloud-Lösungen geht, die es uns erlauben, sämtliche Unternehmensbereiche, unsere Lieferanten sowie unsere Kunden miteinander zu vernetzen», so Köhler. Kurz gesagt werde Sensirion den «Best -of breed»-Ansatz» auch in Zukunft konsequent weiterführen.