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Konzerne auf der Suche nach der Startup-Dynamik

ARCHIV - 23.06.2016, Berlin: Junge Leute arbeiten im Agora Collective - Center for Contemporary Practices, einem Coworking Space in der Hauptstadt. (Zu dpa Studie: Investments in deutsche Start-ups steigen - Berlin liegt vor Paris") Foto: Jörg Carstensen/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Jörg Carstensen)
 Quelle: Keystone .

Allenthalben engagieren sich grosse Unternehmen in der Startup-Förderung. Trotz umfangreicher eigener Forschungen wollen sie nicht auf die Impulse von externen Neulingen verzichten. Das hat man auch bei SAP erkannt und mit SAP.io ein vielseitiges Startup Programm aufgebaut.

Von Volker Richert
am 05.03.2019

Die Intensität, mit der sich Konzerne mit Risikokapital, über Accelerator-Programme, dem Mentoring in Coworking-Spaces oder Events in der Startup-Szene engagieren, nimmt rasant zu. Längst sind auch Regierungen, Städte und Gemeinde mit Technologieparks und Gründerzentren auf den Zug aufgesprungen. Allenthalben fliessen Gelder in Innovationen. Beim investierten Risikokapital pro Kopf gehört die Schweiz laut dem Venture Capital Report denn auch hinter Israel, den USA und Schweden zur Spitzengruppe auf der Welt.
Auch der Software-Riese SAP hat vor zwei Jahren mit einem Startkapital von 35 Millionen Dollar den auf Startups fokussierten SAP.io Organisation gestartet. Dessen Ziel ist, so Jonas Dennler, der als Innovation Lead für den Konzern von Regensdorf aus verschiedene Projekte in Mittel- und Osteuropa koordiniert, neue Impulse zu erschliessen: «In Kombination mit unseren Lösungen komplettieren sie das Angebot für die Kunden der SAP.» Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Zudem erwarte man mit gezielten Investitionen in einzelne Startups zusätzliches Wachstumspotenzial, wolle also das eigene Produkteportfolio genauso wie das vorhanden Ecosystem erweitern.

Er selber habe den besten Job der Welt, fügt er an. Er trage dazu bei, neue Businessmodelle zu entwickeln und begleite Unternehmen bei der Umsetzung. «Dabei lerne ich jeden Tag neue Technologien kennen und kann verschiedene Methoden ausprobieren.» Am interessantesten sei jedoch den Faktor Mensch. «Ich habe in meinen Projekten mit unterschiedlichsten Charakteren zu tun und finde es immer wieder spannend zu beobachten, wenn Leute mit unterschiedlichen Erwartungen und Vorstellungen aufeinanderprallen», hält er mit Verweis auf darauf fest, wenn zum Beispiel ein Startup auf einen Grosskonzern trifft.
Auf die Frage, warum SAP nicht intern eine Startup-Dynamik realisiert, verweist Dennler zunächst einmal darauf, dass der Konzern sehr wohl ein eigenes Intrapreneuneurship-Programm unterhalte. Hier reichen Mitarbeiter ihre Ideen ein und können, wenn sie gut sind, während der Arbeit bis zu drei Monate an dem Projekt arbeiten. Daraus sei bereits das eine oder andere Startup wie etwa Ruum entstanden, fügt er an.
Gleichwohl betont er die im Vergleich mit einem Konzern ganz andere Kultur in Jungunternehmen. Für die Neustarter sei es von Vorteil, dass sie agiler in der Entwicklung neuer Ideen seien. «Sie probieren aus, machen Fehler und starten neu.» Man ergänze sich hingegen dann gut, wenn es darum gehe, solche Lösungen für globale Kunden vorzubereiten. Mit den Qualitätsstandard von SAP im Rücken würden die Startup-Angebote ein Vertrauen bei potenziellen Kunden geniessen, dass sie als Jungunternehmen selber nicht schaffen könnten.
Die Bereiche, in die SAP investiert, will Dennler hingegen nicht eng begrenzen. Es gebe im Moment sehr viele spannende Bereiche und Technologien, in denen man tätig sei. Klar erkennbar sei nur die Tendenz, B2B-Lösungen sowie Applikationen mit Integrationspotenzial in SAP-Standardlösungen zu favorisieren. Zu berücksichtigen sei dabei auch, dass SAP-Lösungen in sehr vielen Branchen und Organisationen zum Einsatz kämen und heute viele Anwender ihre wesentlichsten Betriebsprozesse End-to-End mit SAP orchestrierten. Dazu erlaube es SAP mit seinen offenen Schnittstellen relativ einfach, Applikationen in die eigene Technologie zu integrieren. Startups, die das erkennen, so Dennler weiter, blieben die hier schlummernden Chancen natürlich nicht verborgen. Auch das sei ein Grund, warum sie auf die SAP-Cloud-Plattform als technologische Grundlage setzten, um ihre Applikation darauf zu bauen.
Mit dem hinter dem SAP.io stehenden Programm adressiere man die Startups aber bereits in einem sehr frühen Stadium mit Coaching und technologischer Unterstützung wie zum Beispiel über branchenspezifische Accelerator-Programme. «Ist die Lösung interessant, versuchen wir die Startups stärker in unsere Ecosystem zu integrieren und als Partner bei Kunden zu positionieren.» Passen ihre Entwicklungen und Produkte gut zu der Strategie der SAP, ist auch eine Beteiligung oder Übernahme möglich, wenn auch nicht zwingend, führt der Innovationsexperte aus. Bereits heute zähle man über 200 Startups zum eigenen Netzwerk. Und um vor Ort mit den Startups interagieren zu können, habe man acht sogenannte «SAP.io Foundries» von San Francisco über Berlin bis nach Tokio aufgebaut.
Das überlieferte Image von SAP, als teuer und deshalb wenig attraktiv für Startups zu gelten, sieht Dennler so nicht. Die Situation habe sich längst gewandelt, und es gebe gute Gründe auch für kleinere Firmen, SAP für die eigenen Prozesse zu nutzen. Abgesehen von der hohen Standardisierung verweist er auf die Einfachheit der Skalierung.
Auch dass sich laut dem jüngsten DSAG-Investitionsreport 2019 (Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe) Ernüchterung in Sachen Digitalisierung bei den SAP-Anwenderunternehmen breit gemacht habe, will Dennler nicht unterschreiben. Vielmehr streicht er heraus, dass Schweizer Unternehmen sehr gut aufgestellt seien, um die Digitalisierung in Angriff zu nehmen. Es sei eine strategische Entscheidung des Managements, welche Risiken man einzugehen bereit sei, wenn man von den riesigen Potenzialen der Digitalisierung profitieren wolle. Und ganz ähnlich wie bei den Startups brauche es sehr viel Mut. Das gelte insbesondere dann, wenn man ein gut funktionierendes Unternehmen aufgrund einer Digitalisierungsstrategie komplett umbauen und neu ausrichten sollte.
 

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Darum ergänzen sich Startups und Konzerne

  • Das Zusammentreffen der Erwartungen und Vorstellungen von Menschen aus Startups und Konzernen eröffnet eine zuvor brachliegende Dynamik
  • Neustarter sind agiler in der Entwicklung neuer Ideen, weil sie sich wie selbstverständlich erlauben, auszuprobieren, Fehler zu machen und wieder neu zu starten
  • Innovationen von Startups mit Schnittstellen zu den stark standardisierten Plattformen der Konzerne weisen Wege aus einem Nischendasein
  • Mit den Qualitätsstandards von Konzernen im Rücken erhalten Startups einen Vertrauensbonus bei potenziellen Kunden
  • Vom Vorgehen der Startups profitieren Konzerne, weil sie neue Technologien und (unkonventionelle) Methoden ausprobieren können