Der Schweiz fehlt es an IT-Nachwuchskräften. Wie will IBM hier Abhilfe schaffen?

Daniel Rüthemann: Unserer Ansicht nach geht es vor allem um den «Content», um die Lerninhalte der Informatik, die den Schülerinnen und Schülern näher gebracht werden sollen. Es geht darum, dass sie lernen, wie sie mit den Informatikstrukturen im Unterricht arbeiten können. Dafür sind abgestimmte Lerninhalte nötig. Die Frage ist, wie Hemmnisse überwunden werden können, die es in der Bildungspolitik gibt.

Welche Hemmnisse meinen Sie?

Rüthemann: Die Kantonshoheit macht es schwierig ? es können nicht in 26 Kantonen individuell Lerninhalte erarbeitet werden. Dabei stellen sich viele Fragen, etwa: Wie können die Lehrkräfte ausgebildet werden, dass sie mit den Informatikmitteln zeitgemäss und effektiv umgehen können, damit sie die Kinder für die Informatik und die Naturwissenschaften allgemein zu begeistern vermögen.

Wie sehen Sie dabei die Unterstützung von den Politikerinnen und Politikern?

Rüthemann: Unterschiedlich. Wenn ein Thema politisch aktuell ist, gibt es natürlich immer Politiker, die auf den fahrenden Zug aufspringen und sich dazu äussern. Es gibt aber auch viele ernsthafte Bemühungen, innerhalb des föderalistischen Rahmens etwas Sinnvolles auszurichten. Was fehlt, ist die Koordination des Bundes für eine landesweite Stossrichtung von Inhalten und die Abstimmung der Lehrpläne.

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Sie sind also gegen den Föderalismus im Bildungswesen?

Rüthemann: Er stösst bei Bildungsfragen einfach an seine Grenzen. Wir müssen in der Schweiz über die Bücher gehen und uns fragen, ob der Föderalismus im Bildungssystem noch zweckdienlich ist. Zugunsten der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Bildungs- und Wissensstandorts Schweiz muss diese Grundsatzfrage gestellt werden. Und dann geht es auch um die Ausbildung der Lehrkräfte: Wie bringen wir sie dazu, die heute nötigen Inhalte auch konkret vermitteln zu können?

Die IT-Branche könnte aber auch noch mehr helfen, die Lehrmittel zu gestalten.

Rüthemann: Das ist richtig. Es fehlen einfach noch die richtigen Gefässe dafür, wie die Lehrmittel zusammen mit den Bildungseinrichtungen und der Privatwirtschaft erarbeitet werden können. Es gibt zwar einzelne Initiativen in diesem Bereich, aber keine flächendeckenden und konzertierten ? es gibt kein überzeugendes Gesamtkonzept. Ich bin sicher, dass viele Unternehmen, wie unseres, bereit sind, hier eine Rolle zu spielen.

Verzettelt ist aber nicht nur die Politik ? auch Ihre Branche spricht bisher nicht mit einer Stimme.

Rüthemann: Die Schweizer Informatik-branche ist heute in der Schweiz mit all ihren Berufsverbänden tatsächlich genauso fragmentiert. Der Kontakt zur Telekom-Branche besteht zwar, aber die Interessenlage ist doch nicht ganz die gleiche. Wir versuchen heute, uns im Rahmen der IT-Unternehmen zu finden, um uns mit einer gemeinsamen Stimme Gehör für unsere Anliegen zu verschaffen

Was tun Sie konkret?

Rüthemann: Mit anderen Unternehmen zusammen sind wir daran zu prüfen, wie wir vorgehen sollen, um die IT-Stimme gut hörbar zu machen. Das bedeutet, dass wir uns verschiedene Szenarien überlegen, um vereint unsere Interessen vertreten zu können. Die Wahrnehmung und das Interesse der Politiker in Bezug auf das relativ komplexe und nicht sehr emotionale Thema Informatik ist leider ? mit Ausnahme von einigen wenigen Politikern ? relativ gering.

Sind es die grössten IT-Anbieter, die sich zusammentun?

Rüthemann: Zumindest namhafte, die auch den Grossteil der Schweizer Informatikbranche abbilden.

Die IT-Branche könnte das Nachwuchs-problem doch gelassen betrachten: Wenn es in der Schweiz nicht genügend junge Informatikerinnen und Informatiker gibt, rekrutieren wir sie eben aus dem Ausland.

Rüthemann: Es ist aus meiner Sicht deshalb nötig, uns auch in der Schweiz für eine genügende Anzahl gut ausgebildeter Menschen zu kümmern, weil wir auch landesspezifisches Know-how brauchen und als rohstoffarmes Land auf eine gut ausgebildete Bevölkerung angewiesen sind um auch weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben.

Und gibt es Probleme bei den Arbeitsbewilligungen für ausländische Kräfte.

Rüthemann: Auch das sind Fragen, die wir uns stellen: Wie können hier Standards entwickelt werden, damit das Prozedere vereinheitlicht, vereinfacht und vor allem beschleunigt werden kann? Wir hätten etwa gerne vordefinierte, «nachadministrierbare» Kontingente für die vielen Informatiker, die für die Dauer einzelner Projekte in der Schweiz arbeiten. Die Situation ist heute unbefriedigend ? bis eine Bewilligung «durch» ist, wären einige Projekte schon beinahe wieder beendet ?

Bleibt auch die Steuerfrage ein Ärgernis?

Rüthemann: Die Probleme bei der Steuererhebung für ausländische Mitarbeiter bestehen. Die Steuerhoheit liegt ebenfalls bei den Kantonen, und die Steuerpflicht beginnt vom ersten Arbeitstag an. Auch hier wäre eine überkantonale Lösung wünschbar, sodass wir nicht mit jedem einzelnen Kanton individuelle Lösungen suchen müssen. Das aber geht besser, wenn Firmen nicht unkoordiniert bei den Behörden vorsprechen. Wir wollen in Bern mit einer Stimme sprechen.

In weiten Kreisen der Bevölkerung gibt es das Bild des Informatikers als pickliges und kontaktarmes Genie im dunklen Kämmerlein. Wie gehen Sie dagegen an?

Rüthemann: Dieses Bild wollen wir verändern. Was wir aufzubauen versuchen, sind neue Ausbildungsrichtungen, vor allem die der sogenannten «Geschäftsprozess-Ingenieure». Denn das ist das Wesentliche, was die Informatiker leisten: Sie digitalisieren, optimieren, automatisieren und visualisieren realwirtschaftliche Prozesse und erhöhen damit die Wertschöpfung. Die Geschäftsprozesse sollen mit Hilfe der Informatik effizienter gestaltet werden. Aber wir wissen: Bis zur Etablierung eines neuen Berufsimage des Informatikers ist es ein langer Weg, und wir haben überall noch Mängel auszugleichen. Aber nur so kann die Schweiz bei den zunehmend globalisierten Geschäftsprozessen erfolgreich an der Spitze mit dabei sein.