Die deutsche Versichung Hamburg-Mannheimer hat  im Jahr 2007 für ihre besten Vertreter eine Sex-Party mit Prostituierten in Budapest geschmissen - das deckte im Mai diesen Jahres das «Handelsblatt» auf. «Die Damen trugen rote und gelbe Bändchen», wird dort ein aus der eidesstattlichen Versicherung eines Gastes zitiert. «Die einen waren als Hostessen anwesend, die anderen würden sämtliche Wünsche erfüllen. Es gab auch Damen mit weißen Bändchen. Die waren aber reserviert für die Vorstände und die allerbesten Vertriebler.»

Im Roman «Bad Banker» beschreibt Autor Markus Will eine ganz ähnliche Szene auf der Weihnachtsfeier einer Bank: Auch hier sind die Prostituierten mit - in diesem Fall blauen - Armbändchen gekennzeichnet.

Herr Will, die Prostituierten-Party-Szene in ihrem «Bad Banker» und die realen Geschehnisse bei der Hamburg-Mannheimer sind sich erstaunlich ähnlich ...

Markus Will: Ich war sehr überrascht, als ich von dem Skandal gelesen habe. Ich hätte nicht gedacht, dass eine solche Party 2007 noch möglich ist. Ausserdem hätte ich mir nie ausgemalt, dass jemand mit verschiedenfarbigen Bändern arbeitet, um unterschiedliche Hierarchiestufen zu bedienen. Offenbar wurden die Damen ja sogar mit Stempeln versehen, um so hinterher besser abrechnen zu können. Das ist ja wie beim Schweinehälften-Abstempeln im Schlachthof. Ich bin entsetzt darüber.

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Sie hätten es 2007 nicht mehr für möglich gehalten. Früher aber schon?

Ich habe bis 1998 für verschiedene Investmentbanken gearbeitet und in den 1980er und 90er Jahren hat man immer wieder Gerüchte über Partys dieser Art gehört. Aber das ist fast 15 Jahre her.

Warum sollte es solche Partys heute nicht mehr geben. Was hat sich geändert?

Wenn man sich den Vorwurf gegen Herrn Strauss-Kahn ansieht – auch wenn der kein echter Banker war sondern IWF-Managing-Director –,  kann man tatsächlich ins Grübeln kommen, ob das nicht noch gang und gäbe ist. Aber ich kann es nicht sagen, weil ich nicht mehr in diesem System arbeite.

Was war die Vorlage für die Szene in Ihrem Buch?

Es gab keine einzelne Vorlage. Man hörte in London und New York, dass es so etwas geben soll, und das habe ich für meine Romanhandlung genutzt. Das Detail mit den Bändchen ist also nicht ganz frei erfunden. Im Übrigen ist das, was ich in meinem Buch schreibe, auch immer wieder mal in seriösen Zeitungen beschrieben worden, nicht nur heute, sondern auch schon zur Zeit der Bankerexzesse in den 1990er Jahren.

Waren Sie selber mal auf so einer Party?

Gott bewahre, nein! Das habe ich auch schon meiner Mutter gesagt, die dasselbe gefragt hat.

Es gibt auch eine Szene mit dem Bankchef und Edelprostituierten. Welche Rolle spielt Sex in dieser Szene?

So tiefenpsychologisch will ich als Schriftsteller nicht werden, dass ich spekuliere, ob das Teil der Männlichkeit oder des Machtgehabes in Wirtschaft und Politik ist.

Haben Sie schon von Callboys für Frauen in der Bankenbranche gehört?

Nein, noch nie. Ich weiss es aber nicht.

Gibt es neben der Party noch weitere mehr oder wenig zufällige Parallelen zum aktuellen realen Geschehen?

Ich arbeite an einem neuen Roman, dem «Schwur von Piräus», in dem es um die Eurokrise in Griechenland und den Währungskrieg zwischen den USA und China geht. Einer der Charaktere ist eine Art Büroleiter des IWF-Managing-Directors. Den Posten habe ich mir ausgedacht, aber ich lasse den Mann an vielen Stellen sagen, was der IWF tut, denkt und macht – Dinge, die man im realen Leben vielleicht dem Managing Director selber zugeordnet hätte. An dem Tag, als ich das Manuskript abgeschlossen habe, habe ich erfahren, dass Dominique Strauss-Kahn festgenommen worden ist. 

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Werden sie nun noch etwas umschreiben?

Ja, ich werde das Kapitel noch einmal überarbeiten und die Festnahme einbauen. Das kann man sich nicht entgehen lassen, wenn die Realität solche Geschichten bietet, obwohl auch für Strauss-Kahn natürlich die Unschuldsvermutung zu gelten hat.

Stellen sie solche aktuellen Geschehnisse als Autor vor Probleme?

Es sind schöne Herausforderungen. Auch wenn morgen etwa die griechische Umschuldung käme,  würde ich davon nicht überrollt werden. Denn ich lasse meine Charaktere zwar immer wieder darüber spekulieren, lege mich aber nicht fest. Genauso beim Währungskrieg zwischen den USA und China: Die systemische Lösung, die ich vorschlage, eine Art neues Weltwährungssystem mit Einbindung des Yuan in den IWF, lasse ich in der Diskussion auch offen, weil ich nicht weiss, wie das enden wird.

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Was glauben Sie, wie es enden wird?

Ich glaube, dass der Yuan auf Sicht der nächsten rund 24 Monate als eine Art richtige Währung konvertibel und ins internationale Währungsgefüge eingebunden wird. Ausserdem bin ich überzeugt davon, dass es in den nächsten sechs bis zwölf Monaten eine echte griechische Umschuldung geben muss.

Halten Sie es für möglich, dass Griechenland aus der Euro-Zone austritt?

Nein, sie werden drin bleiben, es wir eine Umschuldung geben und dann wird man neu ansetzen. Das sehe ich auf Sicht der nächsten zwei bis fünf Jahre. Wie es dann weitergeht, könnte eher Thema eines dritten Buches sein. Mein aktuelles wird im Herbst 2011 vorliegen - bis dahin werden Euro und EU nicht auseinandergebrochen sein. Aber ob das in zehn Jahren nicht der Fall sein wird, ist ein anderes Thema. Denn wenn man so weitermacht, lügt man sich immer mehr in die Tasche und verspielt das grosse politische Projekt Europa.

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Können sie da als Deutscher in der Schweiz nachvollziehen, dass viele Schweizer nicht in die Euro-Zone und die EU wollen?

Ich bin seit ein paar Tagen sogar Doppelstaatsbürger. Die Skeptiker in der Schweiz fühlen sich heute sicherlich bestärk. Ich sehe sowohl Vor- als auch Nachteile. Aber ich glaube, dass sich diese Frage im Moment auch gar nicht stellt. Die EU hat genügend Probleme, die sie im Moment klären muss. Das passt im gerade einfach nicht zusammen.


Markus Will, 1963 in Oberhausen in Deutschland geboren, lebt heute in der Schweiz. Er hat als Journalist gearbeitet sowie als Kommunikationsdirektor von Merrill Lynch und Deutsche Morgan Grenfell in London. Mittlerweile betreibt er mit seiner Frau eine Unternehmensberatung und lehrt in St. Gallen als Privatdozent Kommunikationsmanagement. Sein Thiller «Bad Banker» spielt in der Welt der Banker und Spekulanten zur Zeit der Finanzkrise.

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