Im Moment hat Renova einige Milliarden zum Investieren, nachdem Viktor Vekselberg seinen Anteil am russischen Ölunternehmen TNK-BP verkauft hat.  Investieren Sie auch in die Schweiz?
Vladimir Kuznetsov: Eine weitere Investition in der Schweiz ist möglich, aber überhaupt nicht zwingend. Es kommt einfach auf die Gelegenheit an.

Sie sind opportunistisch.
Ein wenig schon. Normalerweise sind es ja nicht perfekt aufgestellte Firmen, die uns angeboten werden, sondern eben solche, die in Schwierigkeiten sind. Dann schauen wir uns die Sache an.

So wie aktuell beim Stahlhersteller Schmolz + Bickenbach. Da kämpfen Sie auf Seiten der Gründerfamilie gegen den Verwaltungsrat. Sie wollen im grossen Stil einsteigen. Der Verwaltungsrat von Schmolz + Bickenbach dagegen möchte Michael Pieper als neuen Investor.
Das ärgert mich unheimlich. Der Verwaltungsrat bezieht Position gegen den Mehrheitsaktionär, die Familienerben, mit denen wir zusammenarbeiten. Ich habe das schon einmal bei Sulzer erlebt. Ich werde wütend, wenn sich ein Verwaltungsrat anmasst zu sagen, er wisse besser als die Aktionäre selbst, was für diese das Beste sei. Und die Erben der Gründerfamilie halten immerhin über 40 Prozent am Unternehmen.

Renova hat aber auch noch nichts darüber gesagt, was sie mit Schmolz+Bickenbach vorhätte.
Lassen Sie mich zuerst das Endspiel beschreiben. Wir haben bis heute keinen Zugang zu den Büchern erhalten. Deshalb können wir nicht genau sagen, welche Restrukturierungen es braucht. Es ist zu früh, um darüber zu sprechen.

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Aber sie müssen ja eine Vorstellung haben, wenn sie gewillt sind, Hunderte von Millionen Franken zuinvestieren.
Einiges ist klar. Die finanzielle Situation der Gesellschaft muss sofort grundlegend gestärkt werden.

Darin sind sich ja alle einig.
Nur oberflächlich. Das Problem ist, dass die Firma derzeit von den Banken geführt wird. Die Entscheidungen werden in den Banken gefällt, denen S+B Geld schuldet. Das hat den Aktionären in den letzten Jahren nichts gebracht.

Das sieht das Management und der Verwaltungsrat anders.
Man muss sich nur anschauen, was die Banken in den letzten fünf Jahren an diesem Unternehmen verdient haben. Es ist ganz einfach: Zinsen, Gebühren, Entgelte im Zusammenhang mit Kreditbedingungen.

Wie viel ist es?
Ich schätze, es könnten so zwischen 300 und 500 Millionen Euro sein.

Der Verwaltungsrat will ja ebenfalls eine Kapitalerhöhung, um Löcher zu stopfen. Einfach nicht mit Ihrem Geld.
Ja. Aber vom Geld der Aktionäre bleiben bei der Variante des Verwaltungsrats nur etwa 50 Millionen bei Schmolz + Bickenbach. Der Rest geht an die Banken. Fast 30 Millionen als Gebühren für die Kapitalerhöhung. 250 Millionen als Rückzahlung für Darlehen. Das ist kein Geschäft. Das ist eine Schande. Wirklich. Ein Geschäft muss  den Aktionären etwas bringen, nicht den Banken.

Das ist die Folge des Missmanagements der früheren Führung.
Schon, aber heute nicht mehr. Aber wenn man Banken erlaubt, eine Firma quasi zu übernehmen und zu führen, dann endet das im Desaster. Nicht weil die Banken schlecht wären. Aber sie haben einen anderen Anreiz und einen anderen Fokus als Geschäftsleute und Aktionäre.

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Aber auch Renova müsste mit der Abhängigkeit von den Banken leben.
Das erste, was wir ändern würden, wäre diese Beziehung zwischen Bank und Firma ändern. Wir würden alles neu verhandeln. Und zwar aus einer Position der Stärke heraus. Deshalb wollen wir ja auch eine grössere Kapitalerhöhung als der Verwaltungsrat. Ich kann garantieren: Die Gebühren an die Banken für die Kapitalerhöhung in unserem Fall wären ganz anders.

Das kann jeder behaupten.
Kuznetsov: Die Firma hat eine düstere Vergangenheit, was Refinanzierungen angeht. So borgte man sich einmal Geld zu 10 Prozent Zinsen über eine Anleihe, um der Bank Geld zurückzugeben, die man zu 5 Prozent verzinsen musste. Schlau scheint das nicht zu sein. Der Verwaltungsrat scheint einfach darauf zu hoffen, dass sich dieWirtschaftslage zu Gunsten von S+B entwickelt.

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Die ganze Sache beschäftigt Sie ungemein.
Ich versteh es einfach nicht. Diese Leute im Verwaltungsrat sagen, weniger Geld bei mehr Gebühren sei besser für eine wankende Gesellschaft als mehr Geld bei geringeren Gebühren. Ich will der Person in die Augen schauen, die das vertritt.

Sie verpflichten sich ja aber nicht, ihre in Aussicht gestellten 430 Millionen Franken wirklich einzuschiessen.
Weil wir die Bücher nicht kennen, können wir nicht blind eine Garantie abgeben. Deshalb waren wir auch so enttäuscht über die Haltung des Verwaltungsrats von S+B, uns den Einblick in die Bücher zu verwehren. Und jetzt werfen sie uns auch noch vor, kein verpflichtendes Angebot zu machen. Das kann ich nicht verstehen. Natürlich ist unser Vorschlag nicht verpflichtend. Aber ich schlug dem Verwaltungsratspräsidenten noch vor einem Monat vor, doch noch eine Due Dilligence zu machen. Innerhalb von drei Wochen hätten wir das geschafft. Er lehnte ab.

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Aber sie haben ja doch wohl eine Ahnung über den Zustand der Firma?
Wir sprachen mit einigen Leuten aus der Private-Equity-Branche, die Interesse an S+B hatten, aber schliesslich davon absahen. Nach diesen Gesprächen bin ich ziemlich sicher, dass da in den Büchern nichts mehr ist, was uns von einem Engagement abhalten würde. Aber für eine rechtliche Verpflichtung brauchen wir Gewissheit.

Richtet sich Ihr Unmut auch gegen das Management?
Das Management verhält sich sehr neutral im ganzen Machtkampf, soweit ich sehen kann. Mit ihm habe ich überhaupt keine Mühe. Ein grosses Problem habe ich mit dem Verwaltungsrat.

Sie wettern doch einfach gegen den Verwaltungsrat, weil er Sie abblitzen lässt?
Lassen Sie mich ein Beispiel geben: an einem Konferenzgespräch, das die Credit Suisseorganisierte, kam man auch auf die aktuellen Aktionäre zu sprechen. Dabei hat der Finanzberater des Verwaltungsrats den grössten Aktionär „eine Gruppe von Idioten, Dieben und Gaunern“ genannt. Das zeigt die grundsätzliche Haltung. Das ist einfach unprofessionell und inakzeptabel.

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An der Generalversammlung kommt es zum Showdown. Nun hat das Zürcher Handelsgericht entschieden, dass die Familienerben wegen eines Aktionärsbindungsvertrages nur mit gut 20 statt 40 Prozent stimmen dürfen. Ihre Chancen sind damit dramatisch gefallen.
Es ist nicht an uns, den Entscheid des Handelsgerichts zu kommentieren. Ich bin überzeugt, dass die Aktionäre die Lage realistisch einschätzen können und die richtigen Entscheidungen treffen.

Was unternehmen Sie jetzt noch bis zur Abstimmung am Freitag?
Wir haben keine Aktien und können nur mit Unverständnis mitverfolgen, was da abläuft.

Warum hat Büttiker den Streit um den Aktionärsbindungsvertrag so kurzfristig vor ein Gericht gebracht?
Er hatte es über Monate herausgezögert, aber das ist wohl Taktik. So kann die Gegenseite nicht mehr reagieren. Das dient einzig den Eigeninteressen und nicht dem Wohl der Gesellschaft.

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Warum lässt sich Renova immer auf umstrittene Situationen ein und setzt sich mit Exponenten ins Boot, deren Ruf oft nicht der beste ist. Bei Schmolz + Bickenbach zum Beispiel mit dem Familienvertreter und früheren Präsidenten Michael Storm. Er hat private Jagdabenteuer über die Firma abrechnen lassen.
Zu Herrn Storms früherem Verhalten kann ich nichts sagen. Wir waren damals nicht dabei.

Aber es ist für Sie trotzdem ein Rufrisiko. Sie litten auch unter den Wirren bei Sulzer und Oerlikon, mit denen sich sogar Gerichte beschäftigen mussten.
Ich würde natürlich auch lieber Geschäfte nur im besten Einvernehmen abschliessen. Das geht nicht immer. Bei Schmolz + Bickenbach versucht der Verwaltungsrat aus Eigeninteressen, den Ruf der Familien zu schädigen.

Wenn Sie zurückblicken, haben Sie in diesem Projekt Fehler gemacht?
Ich denke nicht. Die Familien suchten einen Investor, und sie fanden uns. Zuvor haben sie mit vielen anderen gesprochen. Parallel dazu lief eine Suche durch den Verwaltungsrat.

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Was sagen sie zu Ihren Konkurrenten Michael Pieper, der mit Einwilligung des Verwaltungsrats bei Schmolz + Bickenbach einsteigen möchte?
Kuznetsov: Herr Pieper hat in der Schweiz einen guten Ruf als Industrieller. Ich traf ihn einige Male, aber ich kann nichts Gutes oder Schlechtes sagen. Ich weiss schlicht nicht, was er mit der Firma vorhat.

Was machen Sie, wenn Sie verlieren?
Nicht wir verlieren, sondern die Günderfamilien und damit auch die übrigen Aktionäre. Wir werden sehen, wie sich die Sache weiterentwickelt.

Werden Sie rechtliche Schritte einleiten?
Wir sind nicht Partei in diesem Streit. Wir haben keine Aktien. Vielleicht werden es die Familien tun. Aber da müssen Sie diese fragen. Aber ich wäre erstaunt, wenn sie keine juristischen Schritte unternehmen.

Gibt es bereits Rechtsgutachten?
Ja. Natürlich. Sie zeigen auf, dass das bisherige Verhalten des Verwaltungsrats sicher nicht im besten Interesse der Firma war.

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Ist Vekselberg selbst auch in den Fall Schmolz + Bickenbach involviert?
Er weiss viel aus den Briefings. Und ich unterrichte ihn persönlich über die jüngsten Entwicklungen und unsere Möglichkeiten. Er kennt meine Vorschläge.

Warum glauben Sieeigentlich an eine rosige Zukunft von Schmolz+Bickenbach?
Die Gesellschaft hat Potenzial. Sie verfügt über gute Technologien im Stahlschmelzen und eine gute Marktposition. Aber das Management muss sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren können, und nicht Roadshows absolvieren und Investoren und Banken hofieren müssen.

Was würde Renova Schmolz + Bickenbach denn bringen?
Wir könnten sicher einige hundert Millionen zu Gunsten der Firma einsetzen. Die Branchesteht vor einer Konsolidierung. Mit uns als Aktionär könnte die Firma nicht nur Probleme lösen, sondern nach vorne schauen und expandieren. Kürzlich erzählte mir ein grosser internationaler Autobauer mit Produktionsstätten in Russland, er müsse Stahl importieren, weil kein hochwertiger in Russland zu finden sei. Hier können wir viel bewegen und den grossen Konzernen beim Ausbau ihrer Produktion helfen. Mit Sulzer haben wird das Gleiche erlebt.

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Mehr von Vladimir Kuznetsov und seine Zusammenarbeit mit seinem Chef Viktor Vekselberg lesen sie in der neuen Ausgabe der «Handelszeitung», morgen am Kiosk.