Männer in weissen Schutzanzügen und Gasmasken fahren mit Geigerzählern über die Körper von Menschen. In der Schlange des Dekontaminations-Zentrums von Koriyama stehen Männer, Frauen und Kinder. Sie ziehen aus dem Städtchen fort, das keine 50 Kilometer von den Problemreaktoren Fukushima entfernt liegt. Wer erhöhte Strahlenwerte aufweist, muss sich in eine Spezialdusche begeben, wo radioaktive Partikel vom Körper geschrubbt werden.

Bilder wie die aus Koriyama gehen um die Welt. Bei den einen sorgen sie für Entsetzen, bei den Verantwortlichen der Atomenergiebranche für schlaflose Nächte. Denn das Unglück in Fukushima führt der Welt drastisch vor Augen, dass das Restrisiko keine theoretische Grösse ist, sondern real. «Der tragische Unfall in Japan wird die Unsicherheit weiter erhöhen und die Attraktivität für Investoren reduzieren», sagt Massimo Filippini, Professor für Volkswirtschaftslehre und Energiewirtschaft an der ETH Zürich.
Schon vor der Katastrophe in Fukushima stellten Experten die Frage nach der Wirtschaftlichkeit der Atomkraft. Der Bau einer Anlage, der unterbruchsfreie Betrieb und der ungewisse Strompreis während der langen Laufzeit - jeder dieser drei Punkte kann auch den grössten Stromkonzern finanziell in die Knie zwingen, wenn etwas schiefläuft. «Firmen-Killer» nennen die Analysten von Citigroup diese Grossrisiken. «Niemals und nirgends auf der Welt hat ein Betreiber ein AKW gebaut und das volle Risiko übernommen», kommentieren sie in einer Studie. Fukushima hat die finanziellen Risiken nun auf einen Schlag noch massiv erhöht.
Dabei ächzt die Branche schon jetzt unter steigenden Kosten - trotz einer Renaissance. Seit 2003 nahmen die Baukosten für Atomkraftwerke um durchschnittlich 15 Prozent pro Jahr zu, wie eine Untersuchung des Massachusetts Institute of Technology zeigt. Dazu beigetragen haben neue Vorschriften und der öffentliche Widerstand, die zu Bauverzögerungen und Kostenüberschreitungen führten. Die Ausgaben für das neueste Atomkraftwerk in Finnland etwa sind seit Baubeginn vor sechs Jahren von den geplanten 3 auf bisher 5,3 Milliarden Euro gestiegen. Statt 2009 soll es frühestens 2013 ans Netz gehen.
Der österreichische Ökonom Arnulf Gubler untersuchte erstmals die Kosten des erfolgreichen französischen Atom-Programms im Detail. Ab den 70er-Jahren bis ins Jahr 2000 hatte Frankreich 58 AKW gebaut. Aufgrund der zunehmenden Erfahrung hätten die Erstellungskosten sinken müssen. Stattdessen stellte Gubler einen «negativen Lerneffekt» fest: Die AKW wurden immer teurer. Auch operativ werden AKW nicht billiger. Einer der zentralen Kostentreiber ist hier die Unsicherheit betreffend Regulierung. Schärfere Kontrollen führen genauso oft zu Betriebsunterbrüchen wie höhere Sicherheitsstandards, die Nachrüstungen nötig machen. Muss ein AKW vom Netz, beeinträchtigt das wegen der hohen Fixkosten seine Rentabilität massiv.
Das Vorgehen in Deutschland illustriert das Problem beispielhaft. Im November hatten die Energieversorger mit der Regierung in Berlin eine Verlängerung der Laufzeiten der 17 AKW des Landes um durchschnittlich zwölf Jahre ausgehandelt. Nach den Ereignissen in Fukushima hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nun ein dreimonatiges Moratorium für die Laufzeitverlängerung erklärt. Sieben der vor 1980 gebauten Anlagen gehen sofort vom Netz. Für die Betreiber ist das betriebswirtschaftlich hart.

AKW SIND «TOO BIG TO FAIL»

Die Rentabilitätsrechnung von Atomkraftwerken hängt letztlich aber stark von der Entwicklung des Strompreises ab. Und genau da lauert ein weiteres Problem. Ab 2014 soll der Elektrizitätsmarkt in der Schweiz auch für Kleinverbraucher liberalisiert werden. «Alle grossen Investitionen in Nuklearkraftwerke, die man im letzen Jahrhundert getätigt hat, wurden in einer Monopolsituation getätigt», sagt ETH-Mann Filippini, «also in einer Situation, die durch geringe Preis- und Absatzrisiken charakterisiert war.» In einem liberalisierten Markt werden private Investoren dieses Risiko über 40 bis 60 Jahre Laufzeit nicht tragen wollen. Die Schweizer Stromkonzerne Axpo, BKW und Alpiq können es nur, weil sie mehrheitlich den Kantonen gehören. «Durch den direkt oder indirekt öffentlichen Besitz entsteht eine Art ‹Staatsgarantie›», sagt Filippini. «Atomkraftwerke lassen sich ohne staatliche Subventionen in der Schweiz vermutlich nicht profitabel betreiben», pflichtet Boris Zürcher bei, Vizedirektor der Denkfabrik Avenir Suisse. «Neue Nuklearanlagen: Too big to fail?» setzte er vergangenes Jahr als Titel über ein Referat. «Die öffentliche Hand reguliert die Strombranche, die Kantone sind die Hauptaktionäre der Stromkonzerne und sitzen in den Verwaltungsräten», sagt Zürcher. Die Interessenkonflikte sind offensichtlich. Letztlich trägt damit der Steuerzahler das Risiko, wenn Axpo, BKW oder Alpiq hohe Risiken eingehen. «Eigentlich baut der Steuerzahler die neuen AKW», so Zürcher.

STAATLICHE VERSICHERUNG

Der Staat haftet aber nicht nur für die finanziellen Risiken des Baus von AKW, sondern auch für die Kosten eines Grossunfalls. Bei Schäden, welche die maximal versicherte Summe von 1,8 Milliarden Franken übersteigen, haften die Kraftwerkbetreiber. Reicht deren Kapital nicht, kommen die Kantone als Eigentümer zur Kasse.
Diese faktische Staatsgarantie blenden die Promotoren der Atomenergie gerne aus. «Die Finanzierung wollen wir aus eigener Kraft schaffen. Ohne Staatsgarantie», sagte Giovanni Leonardi, Chef der Alpiq Holding, vergangenes Jahr. Die Partner Axpo, BKW und Alpiq sollen 40 Prozent der Kapitalkosten als Eigenkapital aufbringen, 60 Prozent sollen Fremdkapitalgeber beisteuern.

TEUFELSKREIS FÜR AKTIONÄRE

Doch die Interessengegensätze zwischen Aktionären und Kreditgebern setzen einen Teufelskreis in Gang. Wegen des hohen Risikos fordern die Kreditgeber mehr Eigenkapital der Kraftwerkbauer. Und mehr Eigenkapital verlangt zwingend nach einem höheren Strompreis. Denn nur so können die Betreiber die Kapitalkosten wieder einspielen. Doch höhere Preisen sind in einem liberalisierten Markt nicht einfach durchzusetzen. Dieses Risiko schreckt wiederum die Kreditgeber ab.
Der Ruf nach mehr Sicherheit wird die Kosten nach Fukushima weiter hochtreiben. AKW kämpften schon in der Vergangenheit gegen die menschliche Risikowahrnehmung. Obwohl bei anderen Technologien, insbesondere dem Kohleabbau, insgesamt in den letzten Jahrzehnten sehr viel mehr Menschen umgekommen sind als in der Atomwirtschaft, gilt die Technologie als viel gefährlicher. Jetzt ist das Vertrauen erschüttert. Eine heikle Ausgangslage für die Branche.
Nach dem Unfall im amerikanischen Reaktor Three Mile Island in Harrisburg 1979 sorgte der gleichzeitig laufende Spielfilm «Das China-Syndrom» für ein Umdenken in Politik und Bevölkerung. Michael Douglas spielte im Kassenschlager den Helden in einem AKW-Störfall. Heute braucht es keinen Film. Die Aufnahmen aus Fukushima laufen täglich über die Bildschirme. In westlichen Demokratien werden daher ohne massive staatliche Unterstützung Privatinvestoren nicht mehr für AKW zu gewinnen sein. Denn auch Banker und Finanzinvestoren schauen sich die Bilder aus Japan an.

Anzeige