Die jüngste Kapitulationsmeldung kommt aus Basel: «Die neuen Sanktionen erlauben es Clariant nicht, im Iran weiter Geschäfte zu tätigen», sagt Sprecherin Stefanie Nehlsen. «Wir bedauern es, auch seit Langem bestehende Geschäftsbeziehungen beenden zu müssen.» Bisher lieferte der Chemiekonzern Kunststoffgranulat in die Region. Clariant folgt damit Unternehmen wie ABB oder Sulzer, die ihre Geschäfte im Gottesstaat ebenfalls massiv zurückgefahren haben und höchstens noch laufende Verträge erfüllen.

Die Verunsicherung ist gross: Wer weiter mit dem Land geschäftet, riskiert seinen Ruf - und auch Geld. Der direkte Zahlungsverkehr ist praktisch zum Erliegen gekommen.

Iranischer Politiker in Winterthur

In dieser Situation knüpfen Vertreter des Irans und von Schweizer Firmen neue Kontakte. Am 28. Oktober reiste ein türkischer Geschäftsmann zusammen mit zwei Iranern nach Winterthur zum Sitz der Maschinenfabrik Rieter. Der Konzern bestätigt: «Es stimmt, wir erhielten Besuch von einem potenziellen Kunden aus der Türkei. Er war in Begleitung von zwei iranischen Geschäftsleuten», sagt Sprecher Peter Grädel. Den Gästen seien die Firma und ihre Textilmaschinen vorgestellt worden. Rieter habe das Treffen auf Wunsch des türkischen Kunden organisiert. Mit dem Fall vertraute Kreise berichten, der eine iranische Staatsangehörige sitze im iranischen Parlament und sei im Nordosten des Landes zuständig für die Standortentwicklung und den Ausbau des Textilgewerbes. War er darum bei Rieter?

Die «Handelszeitung» hat Kenntnis von ähnlichen Fällen, bei denen iranische Politiker zusammen mit türkischen Geschäftsleuten Firmen in der Schweiz besuchten. In einem Fall kam es zum Vertragsabschluss. Das Schlüsselwort heisst Zwischenhandel. Das schweizerische Unternehmen verkauft seine Produkte nicht direkt an den Endkunden im Iran, sondern an einen Partner in der Türkei. Dieser bezahlt den Lieferanten und leitet die Ware erst in einem zweiten Schritt an den Kunden im Iran.

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Zunahme in allen Branchen

«Der Handel von der Schweiz über türkische Gesellschaften hat in vielen Branchen deutlich zugenommen», sagt ein Schweizer Schokoladenlieferant. Auch der Desinfektionsmittelhersteller Borer Chemie hat von der Methode Kenntnis: «Iraner gründen Firmen in der Türkei, entweder mit oder ohne lokale Partner. Danach kaufen sie bei ausländischen Firmen oder bei deren Niederlassungen in der Türkei ein und senden die Waren in den Iran», sagt der für Iran zuständige Alireza Bozorgtar.

Rieter betont, es habe keinen Vertragsabschluss mit dem türkischen Kunden gegeben und bisher seien auch keine Bestellungen von diesem, weder mit Bestimmungsort Türkei noch Iran, eingegangen. «Generell wird bei Exporten in Länder wie den Iran mit Hilfe des Staatssekretariats für Wirtschaft überprüft, ob Lieferungen gegen Sanktionen oder Exportbeschränkungen verstossen», sagt Sprecher Grädel. «Selbstverständlich nähmen wir dann Abstand von solchen Lieferungen. Im Übrigen bieten wir auch nicht Hand zu Umgehungsgeschäften.»