Fast 34 Mio Gäste haben in den ersten elf Monaten 2007 in der Schweiz genächtigt. Der Hauptteil des Wachstums von 4% gegenüber der Vorjahresperiode ist den wichtigsten Zentren Zürich, Genf, Basel, Luzern und Bern zu verdanken. Immer öfter müssen Stadthotels wegen Vollbelegung sogar Besucher abweisen.

In Zürich gibt es unter der Woche nur wenige freie Betten. «In gewissen Spitzenzeiten können wir die Nachfrage nicht mehr abdecken», räumt der Tourismusdirektor Frank Bumann ein. Zürich zählte allein im letzten November 25000 Logiernächte mehr als in der Vorjahresperiode. In Genf betrug das Wachstum sogar 44000 Übernachtungen. Um während der Hochsaison mit Kongressen, Festivals oder Messen keine Besucher zu verlieren, werden diese von den Städten immer häufiger in die Agglomerationen umquartiert.

Agglomerationen helfen aus

In Luzern springen häufig touristische Partner aus der Zentralschweiz ein, um die Stadt vor Stornierungen überbuchter Gäste zu bewahren. «Bis jetzt haben wir noch immer eine gute Lösung gefunden», sagt Tourismusdirektor Marcel Perren. Sein Kollege Daniel Egloff in Basel ist ebenfalls froh um Ausweichmöglichkeiten in der Umgebung. «Zu Messezeiten sind fast alle Hotels in Süddeutschland, im Elsass und bis nach Luzern ausgebucht.» Für internationale Messebesucher seien Anfahrtswege bis zu einer Stunde kein Problem. Auf umliegende Dörfer verteilt werden Gäste zurzeit auch in Davos, weil das WEF die Kapazitäten im Ort sprengt.

Anzeige

Für die wichtigsten Schweizer Tourismus-Städte führt kein Weg an der Erhöhung der Bettenzahl vorbei. Laut Daniel Egloff müssten jährlich 250 Betten dazu kommen, damit Basel mit dem Wachstum Schritt halten könne. «Das entspricht einem grossen oder zwei mittelgrossen Hotels.» In Zürich liegt der jährliche Bedarf gemäss Frank Bumann sogar bei 500 bis 700 neuen Betten. Entsprechend wird in Zürich zurzeit massiv gebaut. In diesem Jahr werden das renovierte Dolder Grand Luxushotel mit 173 und das SAS Radisson am Flughafen mit 329 Zimmern eröffnet. 2009 folgen auf Stadtgebiet drei weitere Neubauten mit rund 800 Betten.

Basel erhält 2008 rund 200 neue Betten, 180 davon in einem Ibis-Dreisternhotel der französischen Kette Accor beim Bahnhof. Auch in Luzern sorgt Accor für mehr Schlafgelegenheiten. Geplant ist für 2009 die Eröffnung eines Betriebs der Budget-Marke Etap mit 355 Betten. Damit ist es aber nicht getan. «Wir wollen Luzern als Premium-Destination positionieren und brauchen deshalb rund 500 zusätzliche Betten im Vier- und Fünfsternbereich», sagt Perren.

«Richtige» Hotels sind gefragt

Auch hier könnte Accor Abhilfe schaffen. Mit einem Markenportfolio vom Budget- (Etap, Formule 1) bis zum Luxussegment (Sofitel) will die Gruppe bis 2010 weltweit von 4000 auf 5000 Hotelbetriebe anwachsen. In der Schweiz ist ein Ausbau von zurzeit 34 auf 60 Hotels vorgesehen, der die Vormachtstellung im hiesigen Markt verankert. Walter Zück, Direktor Verkauf und Marketing von Accor Schweiz, spricht von Projekten in Genf, Lausanne, Winterthur, St. Gallen, Lugano, Locarno, Delsberg und Interlaken. Dabei gehe es Accor natürlich nicht um die Bereitstellung von Ersatzkapazitäten bei Vollbelegung. Zück: «Wir eröffnen dort Betriebe, wo wir gute Aussichten auf Erträge und Gewinne haben.»

Dass der Trend für Hotelum- und -neubauten auch künftig in Richtung preiswerte Budget- sowie teure Luxusklasse geht, erwartet man beim Verband Hotelleriesuisse. Präsident Guglielmo Brentel hält jedoch fest, dass bei einer landesweiten Durchschnittsauslastung aller Hotelbetriebe von knapp über 50% in der Schweiz nicht von einer generellen Bettenknappheit gesprochen werden könne. Wichtig sei es deshalb, dass der Markt nicht unzählige, sondern «die richtigen Hotels» zur Verfügung stelle und damit Gästebedürfnisse befriedige.

Anzeige

Warnung vor Bauwut

Dass Destinationen mit programmierten Engpässen während Messen oder Kongressen nicht um einen Ausbau der Kapazitäten herum kommen, ist Brentel indes klar. Trotzdem warnt er vor einer blinden Bauwut. «Die Hotel-Investoren müssen sich immer fragen, wie es mit der Rentabilität ausserhalb dieser Spitzenzeiten aussieht.» Deswegen sollte gemäss Brentel die Entscheidung für einen Kapazitätenausbau stets dem Markt überlassen werden.

 

Euro 08: In Basel schlafen Gäste auf Hotelschiffen

Fussballfeste und berstend volle Hotels werden das Bild in Schweizer Städten während der Euro 08 im kommenden Sommer (7. bis 29. Juni 2008) prägen. Zur Entlastung der eigenen Ressourcen greifen die Städte vor allem auf Bettenkapazitäten in den Agglomerationen zurück. In Luzern, wo zeitgleich mit dem Fussball-Event das eidgenössische Jodlerfest stattfindet, werden Besucher rund um den Vierwaldstättersee einquartiert.

Anzeige

Mit Fantasie und Improvisation weiss sich die Schweizer Euro-Hauptstadt Basel zu helfen. Das normale Hotelangebot wird durch provisorische Hotelschiffe ergänzt, die am Rheinufer vor Anker liegen. Daneben wird auch ein bei der lokalen Bevölkerung populäres Gastfamilienkonzept erfolgreich umgesetzt. Gemäss Tourismusdirektor Daniel Egloff verfügt Basel während der Euro über 7500 und damit 40% mehr Betten als üblich. Egloff rechnet dank dieses Konzepts mit einer hohen Wertschöpfung für die Stadt.

Weniger euphorisch als sein Basler Kollege ist Frank Bumann in Zürich. Weil das Zugpferd Deutschland in Wien spielt, liege die Nachfrage aus dem mit Abstand wichtigsten Gästemarkt weit unter dem Vorjahr. «Es braucht grosse Anstrengungen, wenn wir die hohe Auslastung von 2007 wieder erreichen wollen.»