Weltweit gibt es bereits mehr fettleibige als untergewichtige Menschen», erklärt Barry Popkin, Professor an der amerikanischen Universität North Carolina. Zu diesem brennenden Gesundheitsthema beginnt diese Woche in Genf «The 16th European Congress on Obesity», der internationale Fettleibigkeit-Kongress. Gesponsert wird das Seminar auch von Nestlé.

Im Zuge seiner strategischen Ausrichtung auf Nutrition, Gesundheit und Wellness setzt der Schweizer Branchenführer auch auf den Kampf gegen die Fettleibigkeit und für Gewichtskontrolle. Nestlé sieht sich selber als Pionier und Wegbereit im Bereich Spezialnahrung.

Mit 11 Mrd Fr. Jahresumsatz ist der internationale Konzern auch Weltmarktführer im Bereich Spezialnahrung. Ein fettes Geschäft: Die Margen solcher Produkte sind mit über 15% fast doppelt so hoch wie bei den herkömmlichen Lebensmitteln. Und dieser Markt ist der lukrative Zukunftsmarkt der Lebensmittelhersteller. In den Laboren der Nestlé Forschungs- und Entwicklungszentren forschen in der Schweiz 350 Personen für gesündere Produkte, rund 5000 Personen sind es weltweit, wenn die lokalen Anwendergruppen mitgezählt werden. 2007 investierte der Weltkonzern 1,9 Mrd Fr. in die gesamte Forschung. Hilary Green, Wissenschaftlerin im Dienste von Nestlé, erklärt stolz: «Das Research Center hat eine neue Technologie entwickelt, um fettarme Produkte herzustellen ohne Einschränkung bezüglich Geschmack und Konsistenz.»

Mit der neuen «Low Temperature Freezing»-Technologie ist es gelungen, Glace mit 50% weniger Fett und 30% weniger Kalorien herzustellen, das dem Geschmack von Doppelrahmeis entsprechen soll. In Deutschland ist dieses Produkt unter dem Namen «Eis Conchiert» für Mövenpick Icecream und in Frankreich als «Lentement Fouettée» für Laitière erhältlich. In der Schweiz hingegen wird es nicht verkauft. Immerhin: Auch bei anderen Produkten wie etwa Thomy-Mayonnaise wurde der Fettgehalt reduziert.

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Geschäfte durch dick und dünn

Auf der einen Seite verkauft Nestlé Konfekt und Schokolade und fördert damit auch die Fettleibigkeit, auf der anderen Seite will sich der Konzern mit fett- und kalorienarmen Produkten als Gesundheitskonzern profilieren. Auf diesen Widerspruch angesprochen, meint Green: «Seit 2004 haben wir in unseren Produkten unter anderem über 220000 t Zucker reduziert.» Zudem würde Nestlé auch kleine Portionen etwa beim Schokoladen-Riegel Kitkat anbieten. Der Konsument könne selber entscheiden, da Nestlé freiwillig auf ihren Produkten die Anzahl Kalorien deklariere.

Jenny Craig gegen zu viel Kitkat

Zudem würde Nestlé bei der Werbung keine Kinder unter 6 Jahren ansprechen und platziert für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren nur Werbung, welche die Kinder bei einer gesunden und ausgewogenen Ernährung unterstützt (siehe «Nachgefragt»).

«Wir haben auch weitere innovative Ideen, wie wir Konfekt in Zukunft gesünder machen können», sagt Green. Details dazu will sie noch nicht vorstellen. Die Forscherin betont, dass alle Frühstückszerealien mit Vollkorn angereichert seien. Da diese Produkte fettarm und ballaststoffreich sind, tragen sie zur Kontrolle des Körpergewichts bei. Zudem würden die meisten dieser Zerealien keinerlei Zuckerzusätze enthalten.

Nestlé bietet im Kampf gegen Pfunde nicht nur Produkte an, sondern setzt auch stark auf Dienstleistungen. Der florierende Dienstleistungssektor macht bereits 10% des Umsatzes von Nestlé Nutrition aus.

Vor zwei Jahren hat Nestlé das auf Gewichtsmanagement spezialisierte US-Unternehmen Jenny Craig gekauft. Dieses über rund eine halbe Milliarde Franken schwere Unternehmen bietet in über 600 Zentren mit 2000 Beratern in den USA, Kanada, Australien und Neuseeland individuelle Programme zur Gewichtssteuerung an. Die Produkte der gleichnamigen Marke unterstützen Menschen mit Übergewicht und Adipositas, dauerhaft abzunehmen.

Gewichtsprobleme managen

2007 verzeichnete Jenny Craig ein zweistelliges Umsatzwachstum. Der Markt ist besonders in den USA lukrativ, wo fast jeder Zweite fett oder übergewichtig ist und der Markt für Functional Food im Trend liegt. So ist Nestlé in Nordamerika die Nummer eins bei massgeschneiderten Lösungen zum Gewichtsmanagement.

Das sogenannte Gewichtsmanagement von Jenny Craig funktioniert ähnlich wie das in der Schweiz bekannte Konzept von Weight Watchers, das mit Coop zusammenarbeitet. Die Schweiz ist für Nestlé aber nur ein Nebenschauplatz.

Für das Geschäft mit den Dünnmachern sind die grossen Industrienationen entscheidender. Hier gibt es nicht nur grosse Bevölkerungsgruppen, die unter Fettleibigkeit leiden, sondern diese haben auch die nötige Kaufkraft, um die höher preisigen Produkte zu erwerben.

 

 

NACHGEFRAGT


«Werbeeinschränkungen sind heuchlerisch»

Der Beauftragte für Kommunikation der Schweizer Werbung wehrt sich gegen Werbeverbote für Dickmacher.

Drohen nach Werbeeinschränkungen für Alkohol und Tabak, nun Werbeeinschränkungen für Dickmacher wie Zucker oder Fett?

Piero Schäfer: Wir erwarten Einschränkungen, weil im nationalen Programm Ernährung und Bewegung des Bundesamtes für Gesundheit steht: Markteinschränkungen seien nötig. Diese Vorgehensweise haben wir beim Alkohol und Tabak bereits erlebt.

Wie bereitet sich die Werbewirtschaft darauf vor?

Schäfer: Wir planen noch vor den Sommerferien einen runden Tisch mit Firmen, die bisher nicht von Werbeeinschränkungen betroffen waren. Dabei wenden wir uns an Schokolade- und andere Süsswarenhersteller, aber auch an Gastrounternehmer, an die Autobranche und an Kleinkreditfirmen. Wir wollen diese Branchenangehörigen wachrütteln. Passt auf: Wir müssen handeln, bevor Werbeverbote vor der Tür stehen, und es zu spät ist. Diese Branchen fühlten sich bisher nicht betroffen.

Weshalb sind Sie gegen Werbeeinschränkungen für Dickmacher?

Schäfer: Werbung ist Bestandteil der Marktwirtschaft, sonst haben wir Planwirtschaft. Wenn man erlaubt, Produkte herzustellen, dann muss man auch erlauben, dafür zu werben. Diese Produkte sind ja legal. Werbeeinschränkungen sind heuchlerisch.

Sollen Kinder und Jugendliche nicht geschützt werden?

Schäfer: Doch. Wir sind für Prävention, für Präventionskampagnen. Die sind wirksamer als Verbote. Ausserdem verdienen Medien und die Werbung damit Geld. Der Konsum wird aber durch Werbeverbote nicht beeinträchtigt. Werbung soll Marktanteile sichern und nicht primär Neueinsteiger generieren.

Was erwarten Sie statt Verbote?

Schäfer: Die Nahrungsmittelindustrie soll überprüfen, wie sie weitere Produkte mit weniger Zucker und Fett herstellen kann.