Hinter Baugerüsten hämmern Tausende von Arbeitern, Bagger transportieren Unmengen an Sand und Zement, Kräne schwenken über breite Alleen wohin man auch blickt, überall wird gebaut. Das ist wahrlich nichts Ungewöhnliches in China. Doch hier im Schanghaier Stadtviertel Lujiazui entstehen nicht einfach neue Häuser oder Bürotürme. Hier baut sich China eine neue Finanzwelt.

Bis 2020 soll Schanghai zu einem internationalen Finanzzentrum werden. So will es die Regierung. In zehn Jahren soll Lujiazui dann auf Augenhöhe mit der Wall Street und den Finanzdistrikten von London oder Tokio liegen und Hongkong als Nummer eins in China ablösen. Banker und Aktienhändler sollen dann zwischen ihren Deals und Trades auf die Schanghaier Uferpromenade Bund blicken statt auf die Skyline von Kowloon.

Teure Dienstleistungen

Chang Hsien tut das schon heute. Der Chef-Repräsentant von Allianz Global Investors hat sein Büro im Jinmao-Tower, der das höchste Gebäude Chinas war, bis im vergangenen Jahr gleich nebenan das World Financial Center eröffnet wurde. Hsien glaubt an die Zukunft Schanghais und sieht Hongkong schon jetzt auf dem absteigenden Ast. «Die Finanzdienstleistungen dort sind sehr teuer geworden», sagt er.

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Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Unternehmen, die an der Schanghaier Börse notiert sind, bringen es schon heute auf einen Gesamtwert von rund 2,4 Billionen Dollar. Hongkongs Marktkapitalisierung beträgt dagegen 2,1 Billionen Dollar. Bei den Börsengängen lag Hongkong zwar im zu Ende gehenden Jahr bisher noch ganz knapp vorn hier nahmen Unternehmen 17,7 Mrd Dollar an frischem Kapital auf, in Schanghai waren es 16,1 Mrd Dollar. Doch auch dies könnte sich schon bald ändern. Denn vor wenigen Wochen gab China die Erlaubnis, dass sich künftig auch ausländische Unternehmen in Schanghai notieren lassen dürfen.

«Das wird Folgen haben», sagt Mark Konyn, Asien-Chef der Kapitalanlagegesellschaft RCM, und nimmt sich noch etwas Tofu. Er speist im edlen China Club, einer der ersten Adressen Hongkongs in direkter Nachbarschaft residiert ein guter Teil der Finanzelite der Stadt. Bald werden sie sich wohl einen Gourmet-Tempel in Schanghai suchen müssen. Die Möglichkeit, dort an die Börse zu gehen, dürfte die Finanzbranche als Erste nutzen. «Eine der ersten Firmen dürfte wohl die HSBC sein», sagt Konyn. Aber auch andere Banken wie Standard Chartered könnten folgen, glaubt der RCM-Chef. «Dort, in der Volksrepublik China, ist das Geld der Investoren.»

Steigende Sparquote

Das ist in der Tat so. Der Staat verfügt inzwischen über Devisenreserven von über zwei Billionen Dollar. Auch die Bürger sparen eifrig. Die Sparquote der Chinesen liegt seit Jahren schon um die 40%, und die privaten Ersparnisse, die auf Bankkonten schlummern, belaufen sich auf über 20 Billionen Yuan (rund 3 Billionen Fr.). Gleichzeitig sind die Zinsen, die die Anleger bekommen, jedoch staatlich reguliert und extrem niedrig.

Also was tun mit dem Geld? Aktien kaufen, dachten sich viele Chinesen in den vergangenen Jahren. Die meisten haben damit zwar viel Geld verloren, aber dennoch bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig, zumal sie ihre Währung nicht frei tauschen können, sie das Geld also auch nicht im Ausland anlegen können. «Je länger es dauert, bis der chinesische Yuan konvertibel wird, desto stärker wird folglich der Druck zu Listings ausländischer Firmen in Schanghai», glaubt Konyn.

Angst vor Kontrollverlust

Am Stadtrand von Schanghai, auf dem grosszügig angelegten Campus der Business School CEIBS, macht sich unterdessen Horst Löchel seine Gedanken zur Zukunft Schanghais. Die CEIBS rühmt sich, Asiens wichtigste Kaderschmiede für Manager zu sein. Und hier hat die Frankfurt School of Finance & Management vor wenigen Wochen das German Center eingeweiht, dessen Leiter Löchel ist. Er soll hier zum Thema Finanzplätze forschen und lehren. Was macht sie stark, was schwächt sie, wie können sie aktiv entwickelt werden?

«Wenn Schanghai wirklich zu einem internationalen Finanzzentrum werden will, dann ist eine frei handelbare Währung dafür unerlässlich», sagt Löchel. Zwar habe es in den vergangenen Jahren schon Lockerungen gegeben. «Schon jetzt gibt es mehr und mehr Handelsabkommen mit einzelnen Staaten, bei denen der Yuan als Handelswährung erlaubt ist», sagt er. Mittelfristig dürften auch die Bandbreiten erhöht werden, innerhalb deren die Währung schwanken kann. «Allerdings hat die Regierung grosse Angst vor einem Verlust der Kontrolle.» Daher glaubt Löchel, dass es noch lange dauern wird, bis die Regierung die Währung wirklich frei gibt. Ein Zwischenschritt könnte sein, dass der chinesische Yuan zwar handelbar ist, gleichzeitig aber strenge Kapitalverkehrskontrollen beibehalten werden.

Das reicht jedoch nicht, um Banken und Versicherer dazu zu bringen, ihre Firmenzentralen nach Schanghai zu verlegen - zumal dies nicht die einzige Beschränkung ist. Ein Index, der Ende 2006 von der OECD erstellt wurde und die regulatorischen Beschränkungen misst, bewertete den Markt für Banken und Versicherungen im Reich der Mitte mit einem Wert von 0,55 und 0,35. Das war damals noch weit entfernt von jenen Werten, die die klassischen Finanzplätze erreichen, und seither hat sich auch wenig verbessert. Zudem misst der Index nur die offizielle Lage, basierend auf den gesetzlichen Regelungen.

Misstrauen nach der Krise

«Hinzu kommen im Alltag aber oft noch bürokratische Hürden und Verschleppungstaktiken der Behörden, die ein Engagement hierzulande zusätzlich erschweren», sagt der China-Repräsentant eines grossen Versicherers, der nicht namentlich genannt werden möchte. Die Finanzkrise hat schliesslich auch nicht gerade dazu beigetragen, dass die Regierung ihren Kurs der Liberalisierung des Finanzwesens energisch vorantreibt. Denn in Peking sind parallel zur Beinahe-Kernschmelze des globalen Finanzsystems die Zweifel gewachsen, ob das anglo-amerikanische Modell wirklich das richtige Vorbild für den eigenen Finanzmarkt ist.

Doch könnten nicht die chinesischen Banken und Versicherer die Stadt zu einem globalen Finanzzentrum machen? Immerhin haben heute schon drei der fünf grössten Banken der Welt ihren Sitz in der Volksrepublik. «Sie haben allerdings einfach noch nicht das Zeug, zu internationalen Playern aufzusteigen», sagt Jane Li, Chef-Repräsentantin von ING Investment Managers in China. Sie ist in Peking geboren, hat viele Jahre bei Banken in den USA gearbeitet und ist nun zurück in China. Sie kennt beide Systeme sehr genau. «Die chinesischen Banken haben weder die notwendigen Experten noch die IT-Strukturen, und auch ihrem Management fehlt die internationale Erfahrung.»

Sie glaubt daher, dass Schanghai zwar der wichtigste nationale Finanzplatz Chinas sein wird, Hongkong jedoch auf absehbare Zeit weiter als die Brücke zur Welt fungieren wird. «Hongkong hat ein klares und zuverlässiges Rechtssystem, eine gut ausgebaute IT-Infrastruktur und die personellen Ressourcen. Das kann Shanghai kurzfristig nicht aufholen.»

Günstige Bedingungen

Die Hongkonger Banker, Händler und Anwälte brauchen also bis auf Weiteres nicht an einen Umzug zu denken. Die Träger der Bauprojekte in Schanghais Finanzdistrikt Lujiazui lassen sich davon jedoch nicht beirren. Sie bauen eifrig weiter. Derzeit entstehen 600000 m2 an zusätzlicher Bürofläche, obwohl es ihnen jetzt schon schwerfällt, ihre Flächen loszuwerden. So unterzeichneten die Unternehmensberater von Ernst & Young Anfang November zwar einen Mietvertrag für acht Etagen im neuen höchsten Gebäude der Stadt, dem World Financial Centre. Dafür sollen sie dem Vernehmen nach jedoch einen Nachlass von 70% auf die ursprünglich angepeilte Miete erhalten haben. Auch bei den Mietpreisen hat Schanghai eben noch viel aufzuholen.