Wie haben sich Fernstudiengänge in den letzten Jahren durch die Internetverbreitung inhaltlich verändert?

Per Bergamin: Zu qualitativ hochstehenden Fernstudiengängen gehört das Online-Lernen heute dazu. Es zeigen sich grundsätzlich zwei didaktische wichtige Veränderungen: Die klassische Rezeption von Wissen durch Lesen nimmt ab und eine aktive Verarbeitung von Lerninhalten durch Online-Übungen, das Überprüfen des Lern- und Wissenstandes durch Tests oder Checklisten mit schnellen Feedbackschlaufen nimmt zu. Zudem wird das kollaborative Erarbeiten von Lerninhalten auch von zu Hause oder vom Arbeitsplatz möglich. Es wird auch vermehrt möglich, auf individuelle Spezifitäten, sprich Lernbedürfnisse von Studierenden, rasch einzugehen, da es immer mehr gut aufbereitete Lernmaterialien auf dem Web gibt, beispielsweise Simulationen.

Gibt es auch schon Veränderungen durch das mobile Internet?

Bergamin: Hier muss man zwischen dem formalen Lernsystem und dem Lernverhalten der Studierenden unterscheiden. Die Lernplattformen und die Informationen zum Lernen sind an vielen Orten mobil abrufbar. Was zurzeit beginnt, aber sich oft noch im Pilotstadium befindet, ist der Versuch, Vorteile von mobilen Devices für den Unterricht zu nutzen; beispielsweise Mikroeinheiten, die vor allem reproduktives Wissen betreffen, spielerisch über das Handy zu versenden. Wobei sogleich auch zu erwähnen ist, dass der grösste Anteil des Studiums immer noch individuelles Lernen ausmacht.

Sehen Sie die iPads und Co. als geeignete Hardware-Plattformen? Oder doch eher Not- bzw. Netbooks?

Bergamin: Dies ist eine sehr schwierige Frage. Je nach Lernaufgabe eignen sie sich. Allerdings haben all die genannten Geräte sehr interessante Potenziale, die wir zurzeit in verschiedenen Forschungsvorhaben untersuchen. Im Vordergrund stehen die Touchscreen-Technologie, die einfachere Konnektivität, die erhöhte Mobilität und die längeren Laufzeiten. Ein Beispiel zum Potenzial: Gruppenarbeiten auf einem Gerät können effizienter und präziser auf einem Tochscreen durchgeführt werden als mit Maus und Tastatur. Insofern bin ich überzeugt, dass die Rolle normaler Desktops und Laptops abnehmen wird. Zudem werden bei der Durchsetzbarkeit der Geräte auch ganz simple Usability-Aspekte eine Rolle spielen, die man, zugespitzt, hinterfragen kann: Ist es gesünder, einen Laptop mit 2 kg oder ein iPad mit knapp 700 g herumzutragen?

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Wie verändert sich der Lernerfolg durch neue Plattformen?

Bergamin: Nun, einen Zusammenhang nachzuweisen, ist sehr schwierig, da wir uns zuerst einmal fragen müssen, was wir unter Lernerfolg verstehen: Wissen reproduzieren, Handlungen nachvollziehen oder kreativ sein? Je nachdem sind andere Faktoren und Elemente wichtig. Zudem hängt der Lernerfolg massgeblich von den Voraussetzungen des Lernenden ab. Aber was wir eindeutig sagen können, ist, dass die neuen Lernplattformen eindeutig von Vorteil innerhalb der Lernbedürfnisse in der sich rasant entwickelnden Informationsgesellschaft sind. Nur ein Beispiel: Individualisierung. Über Lernplattformen und die Vernetzung kann ich heute Lernmaterialien erhalten und mich Lerngruppen anschliessen, die mir vorher aufgrund geografischer Lebensverhältnisse versagt waren. Dies bedeutet aber auch, dass bei den Lernenden eine hohe Kompetenz vorhanden ist. Hier besteht die Gefahr, dass bei geringer Kompetenz falsche oder ineffiziente Lernwege eingeschlagen werden.

Gewinnen Sie durch neue Aufbereitungsmöglichkeiten neue Interessentenkreise?

Bergamin: Generell ermöglicht uns die moderne Technologie sowohl in der Betreuung als auch bei Inhalten eine höhere Flexibilisierung des Studiums. Seit wir dies aktiver kommunizieren, sehen wir, dass die Anteile von Studierenden mit spezifischen Bedürfnissen zugenommen haben - interessanterweise auch jener von Unternehmern, die an die Flexibilität der Lernzeiten sehr hohe Ansprüche stellen.

 

 


M-Learning: Die mobilen fliegenden Klassenzimmer

Fernstudien waren schon immer auch eine mobile Angelegenheit: In unzähligen Estrichen und Kellern finden sich heute noch Sprachkassetten, mit denen in den 1970er oder 1980er Jahren etwa Französischkurse während des Autofahrens absolviert wurden. Der Unterschied zwischen den alten Technologien - aus der Sicht von iPad-Benutzern auch DVD oder CD - und den ganz neuen Endgeräten ist die ständige Verbindung mit dem Internet. Damit wird ein Fernstudium nicht nur interaktiv, es werden auch aufwendig gestaltete sowie geschaffene Fernstudiengänge mobil möglich - und das E-Learning erhält eine Erweiterung als Mobile Learning. In den USA wird dafür der Begriff M-Learning geprägt.

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Die Branche legt in Übersee zu: Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Ambient Insight lag die Wachstumsrate in den letzten fünf Jahren bei 22% jährlich - und das Geschäft erwies sich als erstaunlich krisenresistent. Es gibt bereits Enthusiasten, die die Universitätswelt in Richtung iTunes-University streben sehen. Und die Frage, ob Podcasts die Aus- und Weiterbildung sinnvoll unterstützen können, wird inzwischen rege an Fachkonferenzen wissenschaftlich diskutiert. Auch das Swiss Forum for Educational Media (SFEM) beschäftigt sich Ende Oktober an der Worlddidac mit diesem Thema.

Die jetzt alle nach dem iPad auf den globalen Markt kommenden Modelle sind indes längst nicht die einzigen Endgeräte, die sich für das M-Learning eignen. E-Books wie das Kindle von Amazon lassen sich genauso verwenden wie Notebooks bzw. Netbooks, Spielkonsolen von Sony oder Nintendo, PDA bzw. Smartphones mit ausreichend grossem Monitor.

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Allerdings schafft alleine diese Vielfalt schon Herausforderungen hinsichtlich der günstigen Aufbereitung des Fernlehrstoffes für alle Endgeräte. Und es stellen sich beim M-Learning viele Herausforderungen, die zuvor beim E-Learning und Fernstudiengängen aktuell waren: Der Zugang zu den Lehrern für Rückfragen zählte genauso wie finanzielle und/oder soziale Hürden für die Endgeräte, die Frage der richtigen Mischung verschiedener Vermittlungsformen und -inhalte (blended learning), die möglicheb Interaktionen zwischen den Lernenden, die sich heute in Facebook-Gruppen oder auf LinkedIn- bzw. Xing-Netzwerken organisieren. Und dann kommen noch die praktischen Fragen wie ausreichende Akkukapazitäten, Umgebungsfaktoren (Licht oder Lärm) und - Motivation.(Matthias Niklowitz)