Im 1. Halbjahr hat die Aktie von Syngenta an der Börse ? getrieben durch die höheren Nahrungs- und Rohstoffpreise ? zugelegt. Seither hat sie sich deutlich schwächer entwickelt. Wurden Sie erst überschätzt? Oder werden Sie jetzt unterschätzt?

Michael Mack: Ich möchte nicht beurteilen, ob die Aktienmärkte richtig oder falsch liegen. Aber Unternehmen wie Syngenta, die Technologien für die Landwirtschaft anbieten, sind derzeit an die Entwicklung der Rohstoffpreise gekoppelt. Die Märkte haben anfänglich realisiert, dass langfristig die Nachfrage nach Getreide stärker ansteigen wird, als momentan angeboten werden kann. Die Folge waren sehr kräftige Preissteigerungen. Inzwischen ist klar, dass es weltweit ausreichend Getreide gibt, so dass kurzfristig nicht mit akuten Engpässen zu rechnen ist. Doch der fundamentale, langfristige Trend bleibt bestehen: Heute leben 6,5 Mrd Menschen auf der Erde. 2050 werden es rund 9 Mrd sein. Das heisst, wir müssen die Produktivität der Landwirte um 50% steigern. Dazu werden neue Technologien benötigt, wie moderne Pflanzenschutzmittel und besseres Saatgut.

Inwiefern wirken sich die schwankenden Getreidepreise auf die Nachfrage nach Ihren Produkten aus?

Mack: Die Preise von Sojabohnen und Mais sind trotz der jüngsten Preisrückgänge noch immer doppelt so hoch wie vor zwei Jahren. Weizen kostet noch immer 85% mehr als damals. Die Landwirte haben also nach wie vor einen starken Anreiz, in ihre Produktivität zu investieren.

Monsanto hat gute Zahlen präsentiert. Daraus wurde bereits auf Ihren Geschäftsgang geschlossen.

Mack: Unsere Schätzungen für das 2. Halbjahr bleiben unverändert. Wir haben im 1. Halbjahr ein Umsatzwachstum bei konstanten Wechselkursen von 20% erzielt. Und wir glauben, dass wir im 2. Halbjahr diesen Trend fortsetzen können. Beim Gewinn je Aktie streben wir ebenfalls unverändert ein Ergebnis von mehr als 35% für das Gesamtjahr an.

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Sie haben vor kurzem über das Potenzial in Osteuropa referiert. Wo wollen Sie am stärksten wachsen?

Mack: Jährlich werden rund 2 Mrd Tonnen Getreide produziert, die auf 1,5 Mrd Hektaren angebaut werden. Das ergibt gerundet 2 Tonnen per Hektar. Sehr produktive Betriebe können aber 4 bis 5 Tonnen pro Hektar produzieren, sofern sie die modernsten Technologien wie Pflanzenschutz oder modernes Saatgut einsetzen. Unsere grosse Chance sind jene Länder mit einer Produktion von 2 Tonnen pro Hektar und weniger. In vielen Gebieten gibt es eine enormes Potenzial für die moderne Landwirtschaft. Osteuropa ist dafür ein gutes Beispiel. Wir sind dort ganz vorne dabei, die Entwicklung voranzutreiben, wir unterstützen und trainieren unsere Mitarbeitenden wie auch die Landwirte in der Nutzung moderner landwirtschaftlicher Methoden. Für Syngenta repräsentieren die aufstrebenden Märkte in Osteuropa, Lateinamerika und Asien bereits über 30% unseres Absatzes im Pflanzenschutz, und sie weisen die grössten Wachstumsraten auf.

Gibt es besondere Bereiche, in denen Sie sich in nächster Zeit Akquisitionen vorstellen können?

Mack: Unser Planzenschutzportfolio gehört zu den modernsten der Welt und wir haben eine sehr gute Pipeline mit neuen Produkten. Auf der anderen Seite ist unser Portfolio an Saatgut und Pflanzeneigenschaften (Traits) noch nicht so gross, wie wir es gerne hätten. Dieser Markt wird von sehr vielen kleinen Unternehmen, die häufig in Familienbesitz sind, geprägt. In diesen Bereichen können wir uns mehr Akquisitionen vorstellen als beim Pflanzenschutz.

Im Pflanzenschutzbusiness sind Sie Marktführer mit 21% Marktanteil. Wie können Sie diesen Marktanteil steigern.

Mack: Über die letzten sieben Jahre haben wir den Marktanteil um insgesamt 2% gesteigert, etwa ein halbes Prozent pro Jahr. Das ist ein sehr gutes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass der Gesamtmarkt in dieser Zeit fast nicht gewachsen ist. Wir haben stets in die Forschung und Entwicklung investiert und ein weltweit führendes Portfolio aufgebaut. So sind wir für den Wettbewerb in unserer Industrie gut gerüstet.

Dieses Jahr haben Sie die sogenannten Triple-Stack Produkte eingeführt, gentechnisch modifiziertes Mais-Saatgut ?

Mack: ? diese Produkte offerieren drei wichtige Vorteile für die Landwirte. Sie schützen die Pflanzen bei der Anwendung von Glyphosat, einem Mittel gegen Unkraut, und sie schützen sie gleichzeitig vor Insekten wie dem Maiszünsler und dem Maiswurzelbohrer. Doch die Triple-Stack-Technologie ist weder der Anfang noch das Ende der gentechnisch modifizierten Pflanzentechnologie.

Wie sieht die bisherige Performance dieser Produkte aus?

Mack: Es gilt zwei Arten von Performance zu unterscheiden. Die Performance auf dem Feld zeigt sich an der Wirksamkeit der Produkte für die Landwirte. Wenn wir den Landwirten Mehrwert bieten, haben wir auch eine gute finanzielle Performance. Unsere Technologie funktioniert ausgezeichnet. Bis 2011 erwarten wir, dass unsere Triple- oder Multi-Stack-Produkte etwa 85% von allen Mais-Saatgutprodukten ausmachen, die wir anbieten. Das wird sich auch positiv in der Profitabilität des Saatgutbereichs niederschlagen.

Welche weiteren Innovationen befinden sich in der Pipeline?

Mack: Da gibt es etwa den komplett neuen Wirkstoff Invinsa, den die Landwirte auf eine Pflanze sprayen können. Dadurch wird sie weniger anfällig gegenüber Belastungen durch Hitze oder Trockenheit ? eine echte Innovation.Wir hoffen, dass wir noch in diesem Jahr dafür eine Marktzulassung erhalten. Dann haben wir eine Reihe weiterer chemischer Wirkstoffe in unserer Pipeline: Beim Saatgut haben wir neben der Triple-Stack-Technologie zwei neue Anwendungen, die wir noch in diesem oder früh im nächsten Jahr auf den Markt bringen wollen. Ein neues Saatgut erlaubt eine effektivere Verarbeitung von Mais zu Bioethanol. Die andere ? MIR162 ? wirkt gegen einen Insektenbefall, der mit chemischen Produkten nur sehr schwer kontrolliert werden kann. Insbesondere die brasilianischen Landwirte werden hiervon Vorteile haben. Und wir haben unter anderem auch neue Maissorten in der Pipeline, die viel resistenter gegen Trockenperioden sind.

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Welches Potenzial sehen Sie für diese neuen Produkte?

Mack: Wir sehen für die neuen Produkte in unserer Pflanzenschutzsparte ein Umsatzpotenzial von mehr als 2 Mrd Dollar. Für die Projekte in der Saatgutsparte haben wir kein Umsatzpotenzial bekannt gegeben. Durch diese Produkte können die Landwirtschaftserträge um 7 bis 10% erhöht werden.

Auch in Ihrem Business spielen Generika eine immer grössere Rolle. Wie gehen Sie damit um?

Mack: Generika gibt es auf unserem Markt schon seit langem. Wir haben bereits gezeigt, dass wir trotzdem erfolgreich sind. Dafür gibt es mehrere Gründe. Wir verkaufen in der Regel nicht einzelne Wirkstoffe, sondern kombinierte Angebote. Die Landwirte ziehen das vor, denn damit kontrollieren sie gleich ein breites Feld von Krankheiten für eine längere Zeit. Generikaanbieter können dagegen häufig nur ein oder wenige Produkte anbieten. Dazu kommt unser Engagement im Training und Stewardship, also der richtigen und sicheren Anwendung von Pflanzenschutzprodukten. In Asien zum Beispiel sind Generika weit verbreitet. Gerade von dort kommen viele Regierungen zu uns und bitten uns um Hilfe. Sie wollen erreichen, dass die Wirkstoffe richtig verwendet werden.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der gentechnisch modifizierten Pflanzen in Europa ein?

Mack: Das politische Klima muss sich ändern. Die Technologie ist sicher und hat bedeutende Vorteile. In Europa gibt es noch immer viele Ängste und Fehlinformationen, die nicht auf Fakten gestützt sind. Die Technologie wird jetzt mehr als zehn Jahre lang in den USA sicher angewendet und die Landwirte sind dort sehr viel produktiver als hier in Europa. Ich bleibe optimistisch, dass mit der Zeit der offensichtliche Nutzen dieser Technologie und die Dringlichkeit ihrer Anwendung auch in Europa erkannt wird.

Worin liegt Ihrer Meinung nach die Dringlichkeit?

Mack: Ich glaube nicht, dass die Gentechnik eine Patentlösung für die globalen Herausforderungen ist, aber sie hilft den Landwirten, ihre Produktivität zu erhöhen. Dies ist besonders wichtig mit Blick auf das bereits genannte Bevölkerungswachstum und die Notwendigkeit, die Produktivität in der Landwirtschaft um rund 50% zu steigern.

Wie sehen Sie das Wachstum und den Anteil der gentechnisch modifizierten Produkte in der Landwirtschaft der Zukunft?

Mack: Weltweit werden 1,5 Mrd Hektaren landwirtschaftlich genutzt, bereits 115 Mio davon mit gentechnologischem Saatgut. Das sind noch weniger als 10%. Die Technologie hat aber ganz eindeutig das Potenzial, auf einem bedeutenden Anteil der Gesamtfläche eingesetzt zu werden.