Für einen Top-Banker ist er nicht nur mit seinem äusserlichen Auftreten unkonventionell, sondern auch mit seinen Prognosen. Martin Neff, Chefökonom der Credit Suisse, fällt auf in der grauen Bankenwelt: Die grau melierte Mähne, das modisch gestutzte Bärtchen, die ein markantes und unverschämt braunes Gesicht umrahmen.

Eine seiner Prognosen ist Legende geworden in der Branche der Zukunftsdeuter: Zwei Wochen nach der Lehman-Pleite Ende September 2008 erklärte Martin Neff vor laufender Kamera im Brustton der Überzeugung: «Wir sind meilenweit von einer Weltwirtschaftskrise entfernt.» Keine der realwirtschaftlichen Indikatoren würden auf einen Einbruch hindeuten. Für die Schweiz prognostizierte er damals gar für das Jahr 2009 ein Wirtschaftswachtum von 1%.

Unglückliche Prognose

Heute sind ihm diese Aussagen peinlich. «Das geht an die Emotionen», bekennt er. Trotzdem verteidigt er sein Fehlurteil: «Die Arbeitslosenquote in Deutschland lag damals seit der Wiedervereinigung auf dem Tiefpunkt und die Inflationsrate betrug im Juli 2008 in der Schweiz 3%, der Markt rechnete damals mit Zinserhöhungen.» Und er fügt an: «Viele Prognosen sind halt auch eine Glücksache.» Oder eben Pech, wie in diesem Fall. Hinter seiner falschen Voraussage steckte auch eine «Portion Trotz». Er legt sich gerne quer und macht nicht mit im typischen Gejammer der Schweizer. «Solange ein Quentchen Hoffnung bestand, wollte ich das Wort Rezession tunlichst vermeiden und von Wirtschaftskrise schon gar nichts hören.» Seine Vorgesetzten bei der Credit Suisse haben ihn dabei unterstützt: «Man darf in der CS unbequem sein, solange man sachlich bleibt.»

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Vom Sturz- in den Sinkflug

Heute spricht aber auch Zweckoptimist Martin Neff von der «Weltwirtschaftskrise» und von einer «tiefen Rezession in Deutschland». Der Chefökonom der Credit Suisse ist geläutert. Seine Prognosen wirken nicht mehr so rosig gefärbt wie noch vor knapp einem Jahr. Bereits im letzten März rechnete er für das Jahr 2009 mit einem Wirtschaftswachstum von minus 2% und einer Arbeitslosigkeit von 4,1% in der Schweiz und lei- tete damit einen Reigen von Prognosekorrekturen anderer Institute ein.

Für 2010 sieht Martin Neff aber mit einem schwachen Wachstum von 0,6% für die Schweiz bereits wieder Morgenröte. «Wir befinden uns nicht mehr in einem Sturzflug, sondern in einem kontrollierten Sinkflug.»

Trotzdem hebt er den Warnfinger: «Das Jahr der Wahrheit kommt erst 2012. Dann wird sich zeigen, ob die Privatwirtschaft stark genug ist, auch ohne die massive Unterstützung von öffentlichen Geldern zu wachsen.»

Die Fehlprognose im letzten Jahr - ausgerechnet im ersten Jahr seiner Position als Chefökonom der Grossbank - hat an seiner Eitelkeit gekratzt. Eitelkeit haben ihm auch schon Kollegen und Kolleginnen unter die Nase gerieben. Und wie manifestiert sich seine Eitelkeit? «Wenn ich auf meinem Hemd einen Flecken entdecke, regt mich das so auf, dass ich über Mittag ein neues Hemd kaufe. Aber wenn ich am Abend vor dem Spiegel sehe, dass ein roter Kugelschreiberstrich auf meiner Backe prangt, muss ich lachen.»

Lachen tut er ohnehin gerne. Das für Chefverhältnisse relativ kleine Büro strahlt mit den Kinderzeichnungen seiner Söhne Fröhlichkeit aus. Schmerzen seines Bandscheibenvorfalls haben ihm vor seiner Operation im Frühjahr das Leben manchmal vergällt. Jetzt liest er vom rückenschonenden Stehpult aus in den Sternen des Wirtschaftsgeschehens. Sein Büro gewährt ihm einen weiten Blick in die grüne Oase des Üetlibergs. Ein kleiner Tisch in seinem Büro lädt ein zu Diskussionen. Auf seiner Bürotür prangt das Täfelchen «Palermo». Das drückt seine grosse Liebe zu Sizilien aus, wo er auch oft zusammen mit seiner Familie die Ferien verbringt.

Sein Traumjob ist auch Chrampf

Nach 20 Jahren Arbeit bei der Credit Suisse hat er letztes Jahr endlich seinen «absoluten Traumjob» als Chefökonom der Grossbank erhalten. Stolz ist er auf sein junges Team, das international durchmischt ist und eine hohe Frauenquote besitzt. Er selbst ist Deutscher, spricht aber Schweizerdeutsch wie ein Ostschweizer. Denn mehr als die Hälfte seines Lebens hat er hierzulande verbracht.Voller Begeisterung erklärt er die Faszination seiner Arbeit: «In meinem Job vergeht keine Woche, ohne dass nicht irgendetwas Überraschendes passiert.» Dass das «Überraschende» auch als historische Krise daherkommen kann, gehört zum Berufsrisiko.

Sein Traumjob sei aber auch täglicher Chrampf. Selbst wenn er zu Hause ist, beschäftigt ihn seine Arbeit, und seine Frau fragt jeweils: «Wo steckst Du mit Deinen Gedanken? In den USA? In der SubprimeKrise?» In Gesellschaft könne er sich aber bestens entspannen und zurückziehen. Aber er betont: «Meine Bürotür steht meist offen.» Neff will sich in seiner Arbeitswelt auf gar keinen Fall abkapseln.

Keine Zahl gehe an ihm vorbei

Für seine Wirtschaftsprognosen stützt er sich auf statistisches Material und nicht auf Zeitungsinformationen. Das machen seiner Ansicht nach schon viel zu viele Ökonomen. «Es gibt keine volkswirtschaftliche Zahl in der Schweiz, die nicht auf meinem Pult landet.» Diese Zahlen analysiert er zusammen mit seinem Team und zieht daraus Schlüsse. Die Schlussfolgerung vergleicht er mit den Ergebnissen seiner Ökonomenkollegen.

Dabei ist ihm aber klar: «Prognosen sind nur so gut wie die darin ausgedrückten Annahmen.»