Die Schweizer Schulabgänger lesen wieder besser als vor zehn Jahren. Auch in Mathematik und Naturwissenschaften haben die Jugendlichen aufgeholt. Das ist das erfreuliche Ergebnis der Pisa-Studie. Doch in Unternehmen und Berufsbildungsinstitutionen zweifelt man die Befunde an. Der Schweizerische Gewerbeverband stellt fest, dass sich die Fähigkeiten der Schulabgänger in den vergangenen zehn Jahren nicht verbessert haben. Im Gegenteil: Rund 5 Prozent der Lehrstellen sind bei den Mitgliedsfirmen unbesetzt, weil dafür keine geeigneten Lehrlinge gefunden wurden, so Direktor Hans-Ulrich Bigler.

Das hat weitreichende Folgen: Die unbesetzten Lehrstellen vergrössern laut Bigler den bereits bestehenden Mangel an Fachkräften. Zudem werde die demografische Entwicklung diese Situation zusätzlich verschärfen. «Deshalb dürfen keine Lehrplätze verwaist bleiben.»

Überfordertes Schulsystem

Schweizweit wurden im vergangenen Jahr in handwerklichen Berufen über 4000 Lehrstellen nicht besetzt. Grund sind die mangelnden Fähigkeiten im Rechnen, Lesen und Schreiben. Der frühere Unternehmer und Nationalrat Otto Ineichen ruft zum Handeln auf. Als Präsident der Bildungsstiftung Speranza besucht er regelmässig Abschlussklassen der schwächeren Sekundarstufen B und C. Nötig ist seiner Meinung nach vor allem Unterstützung für die Lehrerinnen und Lehrer, die heute mit einem hohen Anteil von leistungsschwachen und nicht voll integrierten Schülern überfordert sind.

Auch Gewerbeverbandspräsident Bigler will in der Volksschule ansetzen. Von seinen Mitgliedern hört er, dass die Lehrmeister bei rund 10 Prozent der Jugendlichen erst die schulischen Lücken schliessen müssen, bevor sie wirklich mit der Berufsausbildung starten können. Für die Lücken verantwortlich sind laut Bigler weniger die Lehrkräfte, sondern das sich ständig verändernde Schulsystem. Die Lehrer müssten sich wieder auf ihr Kerngeschäft, das Unterrichten, konzentrieren und von den administrativen Aufgaben entlastet werden.

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Lücken in der Allgemeinbildung

Die Schreibfähigkeit ist namentlich für die kaufmännischen Berufe wichtig. Deshalb müssen etwa die potenziellen Lehrlinge des Versicherungskonzerns Zürich einen Aufsatz schreiben, damit das Unternehmen ihre schriftliche Ausdrucksfähigkeit prüfen kann. Die in der Pisa-Studie erhobene Verbesserung im Lesen bestätigt sich aber nicht. «Der Notendurchschnitt im Fach Deutsch hat sich in den vergangenen Jahren konstant bei 4,6 gehalten», erläutert Roman Hess von der Zürich. Ähnlich klingt es bei der UBS bezüglich der Lese- und Schreibfähigkeiten: «In der Praxis haben wir keine auffälligen Verbesserungen festgestellt», sagt Sprecherin Tatjana Togni. Über die schlechteren Lese- und Schreibfähigkeiten hinaus orten die Lehrverantwortlichen etwa der Post auch eklatante Lücken in der Allgemeinbildung.